Polar-Drama "Gnade": Erlösung im Eis

Von Jörg Schöning

Eine Frau tötet mit ihrem Auto ein Mädchen und flüchtet vom Unfallort: Birgit Minichmayr und Jürgen Vogel ringen daraufhin als deutsches Paar im eisigen Norwegen um "Gnade". Vergeblich - der Film hat Schwächen, gegen die selbst großartige Naturbilder und Schauspieler machtlos sind.

Die Nächte sind lang am Polarkreis, aber ganz duster ist es hier nicht. Das erlebt auch Maria (Birgit Minichmayr), die mit Mann und Sohn aus Deutschland ins norwegische Hammerfest gezogen ist. Auf der abendlichen Heimfahrt von der Arbeit wird die etwas müde Krankenschwester Zeugin eines hellen Farbenspiels am Himmel. Von der überirdischen Aurora des Polarlichts fasziniert, verliert sie die verschneite Fahrbahn aus dem Auge. Dann reißt sie ein Aufprall in die Wirklichkeit zurück. Hat sie etwas angefahren? Maria will's nicht wissen. Nach kurzem Halt fährt sie weiter. Und erfährt aus der Zeitung, dass man ein 16-jähriges Mädchen tot in einer Schneewehe am Straßenrand gefunden hat.

Kinder, die unter die Räder kommen - das ist ein gängiges Motiv im norwegischen Kino. 2005 erzählte die Regisseurin Sara Johnsen in ihrem Psychothriller "Vinterkyss - Der Kuss des Winters" von einem Immigrantenjungen, für dessen Tod ein Schneepflugfahrer verantwortlich gemacht wird. In Thomas Wangsmos "Into the Dark" überfährt ein Familienvater einen Jungen aus der Nachbarschaft - dass er dabei eine Hand am Handy hatte, verschweigen er und seine Frau den Eltern des Toten. Auch der dänische Filmautor Kim Fupz Aakeson, sonst sehr auf Originelles bedacht, hat sich nun des Themas angenommen. "Gnade" konzentriert sich jedoch auf die Verursacherseite: Maria und ihren Mann Niels (Jürgen Vogel), der die Suche nach dem Opfer am Unfallort allzu schnell eingestellt hat.

Kim Fupz Aakesons großes Thema ist die Läuterung. Wie sich die Welt nach einer Verfehlung wieder einrenken lässt, sofern der rechte Wille vorhanden ist, hat er schon häufiger beschrieben. In "Ein Mann von Welt" (2009) durfte sich Stellan Skarsgård vom haftentlassenen Knochenbrecher zum familienkompatiblen Großvater verwandeln; in "Eine Familie" (2010) findet eine mondäne Galeristin nach einer Abtreibung am Totenbett ihres Vaters zurück zu den wahren Familienwerten.


Aakesons Filme sind psychologische Dramen, deren "plot points" sich aus einem Charakterwandel herleiten, der sich mal mehr, mal weniger plausibel vollzieht. So auch hier. Vielleicht war die hohe Kindersterblichkeitsquote auf nordischen Leinwänden der Grund dafür, dass das Skript dort keinen Abnehmer fand? Jedenfalls kamen als Produzenten Matthias Glasner - inszenierte zuletzt das Finale des Hamburger "Tatort" mit Mehmet Kurtulus - und Jürgen Vogel zum Zuge. Glasner hat bei der Verfilmung im Drehbuch "Leerstellen" ausgemacht und ausgefüllt - was hinsichtlich des Unfallhergangs nicht zur Gänze gelang.

Kritiker, habt Gnade!

Warum eine Krankenschwester, die bei ihrer Arbeit in einem Sterbehospiz tagtäglich mit Schmerz, Leid und Tod konfrontiert ist, die Begegnung mit einem möglicherweise blutenden Unfallopfer derart heftig scheut, dass sie alle bis dahin vom Film ins Feld geführten gutmenschlichen Qualitäten mit einem Schlage einbüßt und aufs Gaspedal drückt, leuchtet nicht ein.

Das scheint auch Birgit Minichmayr gespürt zu haben: "Ich bin nicht dieser Mensch!", sagt ihre Maria, als sie Niels die Fahrerflucht schildert. Und in dieser Situation treten die Filmdialoge derart fahrig und redundant auf der Stelle, dass man den Verdacht nicht loswird, die ansonsten wie gewohnt großartige Minichmayr ("Alle anderen") drücke mit ihrem Satz zugleich Zweifel an der eigenen Filmfigur aus.

Stringenter ist da Niels gezeichnet, der im Verlauf der Handlung unzweifelhaft einer "Gnade" teilhaftig wird. Wir erleben seine Verwandlung vom virilen Schweinehund, der seine Ehefrau wie selbstverständlich betrügt, zum auch erotisch wieder interessierten, verlässlichen Gatten. Während er zu Beginn der Handlung seine Hand aggressiv zwischen die Beine seiner Geliebten (Ane Dahl Torp) schiebt, darf er sie gegen Ende des Films geradezu zärtlich auf die Schulter der am Unfallort trauernden Mutter platzieren. Und hat er sich am Anfang noch geweigert, Norwegisch zu lernen, parliert er am Schluss ganz ordentlich.

In der Symbolik nicht eben subtil, erzählt das Schuld-und-Sühne-Drama "Gnade" - für das es auf der Berlinale Verrisse hagelte - von Schuld und von der Verantwortung, sich ihr zu stellen, will man Verzeihung erlangen. Das ist im Drehbuch durchaus christlich konnotiert. Maria und die Eltern des toten Mädchens singen gemeinsam im Kirchenchor; als Niels seiner Geliebten den "Tathergang" und seinen Anteil daran schildert, geschieht dies in einem Helikopter, der sich darüber in einen fliegenden Beichtstuhl verwandelt.

Das Naturschauspiel, das Glasners Film in tollen Totalen einfängt, trägt seinen Teil dazu bei, die verwirrten Seelen aus der Polarnacht an einen Platz in der Mitternachtssonne zu führen. Bislang hatten sich der Regisseur und sein Hauptdarsteller Vogel immer als die Kraftkerle des deutschen Autorenfilms präsentiert. Nach zwei gemeinsamen Filmen mit höchst spekulativen Themen - Liebe zum eigenen Vergewaltiger in "Der freie Wille", pädophiler Missbrauch auf Freiwilligenbasis unter dem Titel "This Is Love" - wirken sie nun selbst wie geläutert.

Was den Kritiker dann doch irgendwie gnädig stimmt.

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  • Mittwoch, 17.10.2012 – 11:19 Uhr
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Gnade

D/NOR 2012

Regie: Matthias Glasner

Buch: Kim Fupz Aakeson

Mit: Jürgen Vogel, Birgit Minichmayr, Bjørn Sundquist, Henry Stange, Ane Dahl Torp

Produktion: Schwarzweiss Produktion/ Ophir Film/ Volker Roloff

Verleih: Alamode Filmverleih

Länge: 132 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 18. Oktober 2012






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