Götz George zum 65. Geburtstag "Ein richtiger Kaventsmann"

Von Marc Hairapetian

2. Teil: Warum der einstige "Bravo"-Titelboy den Cowboy spielte


George in "Schtonk!": Rührend als schmieriger Sensationsreporter
DPA

George in "Schtonk!": Rührend als schmieriger Sensationsreporter

Mit dem Megaerfolg "Der Schatz im Silbersee" (1962), der die Lawine der nicht gerade werkgetreuen Karl-May-Adaptionen auslöste, wirkte er im vielleicht besten deutschen Western aller Zeiten mit. Als Farmersohn mit dem schönen Namen Fred Engel, der - ausgerechnet - den Tod des Vaters rächen will und zusammen mit dem legendären Blutsbrüderpaar Winnetou (Pierre Brice) und Old Shatterhand (Lex Barker) die vom fuchsroten Colonel Brinkley (Herbert Lom) angeführte Trampbande empfindlich bei der Goldsuche stört, rauft, reitet, schießt und liebt er sich mit nacktem Oberkörper und Filmpartnerin Karin Dor durch die jugoslawische Prärie, als ginge es wirklich um sein Leben.

Doubles für gefährliche Szenen lehnte er strikt ab, was ihm großen Respekt der einheimischen Kaskadeure einbrachte: "Ich bereue nichts davon.", erinnert er sich. "Ich habe bei Gelegenheit meine verlorene Jugend nachgeholt und den Cowboy gespielt."

Nach seiner Sturm- und Drangphase überraschte der einstige "Bravo"-Titelboy mit der durch ihre Einfachheit und Normalität geradezu erschreckende Darstellung des KZ-Kommandanten Rudolf Höss in Theodor Kotullas "Aus einem deutschen Leben" (1977). Anfang der achtziger Jahre kreierte er als mit Schnauzbart, gammeligem Armee-Parka und jeder Menge fäkalientriefender Flüche ausgestatteter Ruhrpott-"Bulle" ein neues TV-Genre, das des Kneipen- und Hochhaus-Neo-Realismus, indem der Kriminalbeamte heruntergekommener als der Kriminelle aussieht. Während die linke Presse Schimanski samt Kollegen-Pendant Thanner (Eberhard Feik) schnell ins Herz schloss, mokierte sich die "Bild"-Zeitung" ausdauernd über den "Zerfall der Sitten". Parallel zu zwei "Tatort"-Spielfilmen ("Zahn um Zahn", "Zabou") glänzte George nach längerer Pause auch anderweitig im Actionkino: in Carl Schenkels klaustrophobischem Fahrstuhltriller "Abwärts" (1985) genauso wie in Dominik Grafs "Die Katze" und der Defa-Produktion "Der Bruch" (beide 1987).

"Totmacher" George: Weniger wäre mehr gewesen
WDR

"Totmacher" George: Weniger wäre mehr gewesen

Vielleicht verhinderte paradoxer Weise ausgerechnet die Schimanski-Popularität in jener Zeit den Weltstar Götz George. Doch als keiner mehr mit ihm diesbezüglich rechnete, sorgte er international gleich doppelt für Furore. Endlich einmal als Komödiant austoben durfte er sich als schmieriger Sensationsreporter in Helmut Dietls "Schtonk" (1992). Die Persiflage auf den Hitler-Tagebuch-Skandal des "Stern" bestach trotz einiger stilistischer Mängel und manchem "Overacting" der versammelten Starriege (Juhnke, Mühe, Hoppe, Ochsenknecht, Ferres) durch den damals längst verloren geglaubten Wortwitz der "Screwball Comedies", wobei George Egomanie, Angst, Skrupel und manchmal rührende Hilflosigkeit in seiner Figur vereinte.

Danach sorgte das "sensible Arbeitstier" (George über George) mit einem beklemmenden Kammerspiel bei den Filmfestspielen in Venedig für Aufsehen: "Der Totmacher" (1995) von Romuald Karmakar widmet sich in an Versessenheit grenzender Detailgenauigkeit der gerichtspsychiatrischen Untersuchung des homosexuellen Massenmörders Fritz Haarmann. Dieser hatte in den zwanziger Jahren in Hannover zwei Dutzend junge Männer bestialisch ermordet und zu "Wurst verarbeitet". In der Göttinger Heilanstalt erzählt nun Haarmann mit leuchtenden Augen von seinen Untaten.

Es ist Georges Verdienst, dass Haarmann nicht zu einem Mythos dämonisiert, sondern in seiner allzumenschlichen Tragweite als bauernschlaue Person gezeigt wird, die sich über ihre Handlungen sowie deren Wirkungen weitgehend bewusst ist. Georges Haarmann ist ein perfekter Schauspieler, der vom großen Enthusiasmus bis zur tiefen Trauer einer verkorksten Kreatur alle Register zieht. Darin liegt allerdings nicht nur Glanz und Gloria, sondern auch eine gewisse Gefahr. Weniger wäre hier mehr gewesen.

"Mitunter ein komplizierter Mensch"

Ein Hang zur Affektiertheit zieht sich bei aller Strahlkraft auch durch Georges neuere Kinoarbeit, ob es sich nun um den von ihm als Neurotiker angelegten Regisseur Uhu Zigeuner in Dietls "Rossini" (1997) handelt, den homophilen Taschendieb in der Tragikomödie "Das Trio" (1998) oder den trotz Greisenalters eitel um sich herumdirigierenden und eher an ein Alien erinnernden KZ-Arzt Mengele, dem 1999 im fiktiven Politthriller "Nichts als die Wahrheit" doch noch der Prozess gemacht wird. Umgerechnet 500.000 Euro gab er aus eigener Tasche für die Herstellung der unausgegorenen Groteske dazu. Die Fernsehauftritte von "Der Sandmann" (1996) bis zur "Bubi Scholz"-Story" (1997) waren da wesentlich eindringlicher.

Skandalfilm "Solo für Klarinette": Eklat bei Gottschalk
DPA

Skandalfilm "Solo für Klarinette": Eklat bei Gottschalk

Unvergessen auch Georges öffentliche Schelte für Thomas Gottschalk in dessen "Wetten dass...?"-Sendung. Der "Entertainer der Nation" hatte es gewagt, ihn zum Erotik-Thriller "Solo für Klarinette" (1998) in gewohnt flapsiger Weise zu befragen, ohne den Film vorher gesehen zu haben. Nicht mit George! Einen derartigen Eklat hatte es seit Klaus Kinski nicht mehr im deutschen Fernsehen gegeben. George wurde - wie einst bei "Mensch und Bestie" - ausgebuht. Danach zog sich der in seinem Refugium auf Sardinien lebende Workaholic eine Zeit lang gänzlich zurück.

Auf die Frage, ob er mit der Öffentlichkeit nicht umgehen könne, dreht der empfindlich-empfindsame Mime jetzt im Gespräch die Frage einfach um: "Fragen Sie doch, ob die Öffentlichkeit gut mit uns Schauspielern umgeht. Reden Sie doch mit meinen Kollegen, nicht mit Ihren. Die werden Ihnen sagen, dass der George mitunter ein komplizierter Mensch ist, der morgens als Erster am Drehort ist und abends als letzter geht. Aber die werden nichts von einem intriganten Arschloch erzählen."

Und so wird der immer noch jugendlich aufbrausende Mittsechziger weiterhin auf seine Art versuchen, jeder seiner Rollen Würde und Wärme zu verleihen, auch wenn er sich manchmal wie ein Kotzbrocken aufführt. In diesem Fall heiligt der Zweck aber die Mittel. Nicht anecken wollende Schauspieler mit dem "Hab mich lieb Syndrom" haben wir genug in diesem Land.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.