Golden Globes Analyse Hollywood und das gebrochene Herz

Wie kann Filmkunst in Zeiten von Trump aussehen? Die Golden Globes sendeten 2017 widersprüchliche Signale: Zum einen wurde Eskapismus, zum anderen Innovatives ausgezeichnet.

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Als "erste und letzte Party des Jahres" hatte Moderator Jimmy Fallon die Golden Globes im Vorfeld genannt: die erste Filmpreisgala im Jahr 2017 und die letzte vor Vereidigung von Donald Trump als US-Präsident. Im Verlauf der Preisverleihung erwies sich Trumps Wahl aber als so dominantes Thema, dass man vom Partycharakter der für ihre Ausgelassenheit bekannten Golden Globes kaum etwas spürte. Hollywood steht noch immer unter Schock - und findet nur langsam die Worte dafür, was die Wahl Trumps für das Land und die Filmbranche bedeutet.

Hugh Laurie, der als bester Nebendarsteller in einer Miniserie für "The Night Manager" gewann, versuchte es zunächst mit Sarkasmus. Mit Bezug auf den Veranstalter der Golden Globes, die Hollywood Foreign Press Association, witzelte Laurie, dass er bald damit angeben könne, bei den allerletzten Golden Globes gewonnen zu haben. "Ich will ja keine Schwarzmalerei betreiben, aber sie haben nun mal die Worte Hollywood, Ausländer (Foreign) und Presse im Titel", so Laurie.

Da er in "The Night Manager" einen überaus reichen Mann spielt, der hinter der Fassade von humanitärem Engagement sein Geld mit Waffenhandel macht, fiel Laurie die Pointe für seine Dankesrede quasi in den Schoß. Er schloss mit den Worten: "Ich nehme diesen Preis im Namen aller psychopathischen Milliardäre an!"

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Golden Globes 2017: Das sind die Gewinner

Dem ganzen Ernsthaftigkeit und emotionalen Widerhall zu verleihen, das nahm dann Meryl Streep als Aufgabe an. In ihrer Dankesrede für den Preis für ihr Lebenswerk zählte sie mit stark angegriffener Stimme zunächst die nominierten Stars auf, die entweder keine gewöhnliche Biografie haben - "Viola (Davis), geboren in der Hütte eines Farmpächters in South Carolina" - oder gar nicht erst in den USA geboren wurden - Ruth Negga, Amy Adams, Dev Patel, Natalie Portman und "Ryan Gosling, wie all die nettesten Menschen in Kanada geboren". In Hollywood wimmele es nur so vor Außenseitern und Ausländern, "und wenn Sie uns alle rauswerfen, wird es nichts mehr zu gucken geben außer Football und Mixed Martial Arts, die keine Kunst (Arts) sind!"

Drei Lektionen gab Streep in ihrer sechsminütigen Rede ihrer Branche mit auf den Weg. Zunächst benannte sie als "einzige Aufgabe von Schauspielern", in das Leben von Leuten zu treten, "die anders als wir sind, und erfahrbar zu machen, wie sich das anfühlt". So könne der grassierenden Respektlosigkeit entgegengewirkt werden. Außerdem rief sie ihre Kolleginnen und Kollegen dazu auf, sich für die Pressefreiheit einzusetzen und das Committee to Protect Journalists zu unterstützen. Streep beendete ihre von Applaus umtoste Rede schließlich mit einem Zitat ihrer verstorbenen Freundin Carrie Fisher: "In den Worten von Prinzessin Leia: Nimm dein gebrochenes Herz und lass daraus Kunst entstehen."

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Mode bei den Golden Globes: Rosa Stars

Jenseits der Reden gab es an diesem Abend natürlich auch Preise. Aber wer die nach ähnlich beherzten Botschaften abklopfte, wurde nicht fündig. Wie mittlerweile üblich liegt das Serienfernsehen in Sachen thematischer und ethnischer Vielfalt weit vor dem Kino. Dafür könnte man die Siege von Tracee Ellis Ross ("Black-ish") und Donald Glover ("Atlanta") als beste Comedy-Hauptdarsteller sowie die Auszeichnung von "Atlanta" als beste Comedyshow als Beleg herziehen - zwei afroamerikanische Schauspieler und zwei Formate, die sich explizit mit schwarzen Lebensrealitäten auseinandersetzen.

Gleichzeitig lassen sich der Doppelsieg von Netflix' Queen-Elizabeth-Serie "The Crown" (bestes Drama, beste Drama-Hauptdarstellerin) und der Dreifachsieg der BBC-Serie "The Night Manager" (bester Hauptdarsteller sowie beste Nebendarstellerin und bester Nebendarsteller) auch genau umgekehrt lesen: Hier wird eine imperiale Geltung Englands gefeiert, die in Zeiten von Brexit und zunehmender Fremdenfeindlichkeit kaum hohler klingen könnte.

Hollywood könnte bald andere Ansprüche an seine Filme stellen

Vom nahezu verkrampft beschworenen Glanz alter Tage zehrten auch die Filmpreise: Mit sieben Golden Globes stellt das Musical "La La Land" einen neuen Rekord auf. Dass es sich dabei um ein von Eskapismus durchdrungenes Werk handelt, fehlte als Hinweis aber in kaum einem Kommentar der Branchendienste. Auch wenn sich der Triumphzug von Damien Chazelles Retro-Spielerei bis zu den Oscars fortsetzen dürfte, zeichnet sich trotzdem ab, dass Hollywood schon bald andere Ansprüche an seine Filme stellten könnten: mehr Aktualität, mehr Dringlichkeit, mehr Kanten.

Meinungskompass

Dass sich Barry Jenkins' Coming-of-Age-Drama "Moonlight" in der Drama-Kategorie gegen "Manchester by the Sea" durchsetzte, deutet in diese Richtung: Während "Manchester by the Sea" ein weitgehend konventionell erzähltes Familiendrama ist, das in einem fast ausschließlich weißen Küstenort in Massachusetts spielt, wirkt "Moonlight" fast wie dessen ästhetisches Gegenprogramm. Angesiedelt in einer fast ausschließlich schwarzen Community in Miami, tanzt die Kamera um ihre Darsteller förmlich herum, sorgt kontra-intuitive Musik für Spannung und wird die Geschichte in drei Episoden aus dem Leben eines jungen schwulen Mannes zerhackt.

"Moonlight" ist Kino, das vor Leben pulsiert - und das in seiner Fragmentiertheit und Schmerzhaftigkeit schon jetzt als Beispiel dafür gelten kann, wie Kunst aussehen kann, die sich aus einem gebrochenen Herzen speist. Auch wenn bei den diesjährigen Globes der Trübsinn dominierte: Wenn Hollywood wirklich gesellschaftspolitische Verantwortung übernimmt und sich zu mehr erzählerischem und ästhetischem Mut durchringt, dürfte das Kino in den kommenden Jahren so spannend wie selten werden. Als Vorgeschmack darauf sind die Golden Globes 2017 vielleicht doch eine Party gewesen.


Die Golden-Globe Preisträger 2017 im Überblick:

KATEGORIE FILM

Bestes Filmdrama: "Moonlight"

Beste Komödie/Musical: "La La Land"

Bester Schauspieler in einem Filmdrama: Casey Affleck ("Manchester by the Sea")

Beste Schauspielerin in einem Filmdrama: Isabelle Huppert ("Elle")

Bester Schauspieler in einer Komödie/Musical: Ryan Gosling ("La La Land")

Beste Schauspielerin in einer Komödie/Musical: Emma Stone ("La La Land")

Bester Nebendarsteller: Aaron Taylor-Johnson ("Nocturnal Animals")

Beste Nebendarstellerin: Viola Davis ("Fences")

Beste Regie: Damien Chazelle ("La La Land")

Bestes Drehbuch: Damien Chazelle ("La La Land")

Beste Filmmusik: Justin Hurwitz ("La La Land")

Bester Filmsong: "City of Stars" (''La La Land")

Bester Animationsfilm: "Zootopia"

Bester nicht englischsprachiger Film: "Elle"

KATEGORIE FERNSEHEN

Beste Serie - Drama: "The Crown" (Netflix)

Bester TV-Darsteller - Drama: Billy Bob Thornton ("Goliath")

Beste TV-Darstellerin - Drama: Claire Foy ("The Crown")

Beste Serie - Komödie/Musical: "Atlanta" (FX)

Bester TV-Schauspieler - Komödie/Musical: Donald Glover ("Atlanta")

Beste TV-Schauspielerin - Komödie/Musical: Tracee Ellis Ross ("black-ish")

Beste Miniserie: "The People v. O.J. Simpson: American Crime Story" (FX)

Bester Schauspieler Miniserie: Tom Hiddleston ("The Night Manager")

Beste Schauspielerin Miniserie: Sarah Paulson ("The People v. O.J. Simpson: American Crime Story")

Bester Nebendarsteller Miniserie: Hugh Laurie ("The Night Manager")

Beste Nebendarstellerin Miniserie: Olivia Colman ("The Night Manager")

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