Sklaven-Drama "12 Years a Slave" Freier Mann in Ketten

Bei den Golden Globes wurde "12 Years a Slave" als bester Film ausgezeichnet, jetzt gilt das packende, historisch verbürgte Drama als Oscar-Favorit. Der britische Regisseur Steve McQueen meint, Amerika sei bereit, sich mit dem düsteren Kapitel Sklaverei zu beschäftigen.

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Es war eine rauschende Nacht, der Wein floss in Strömen: Zwei höfliche weiße Herren hatten den schwarzen Violinisten Solomon Northup gebeten, ihre Schausteller-Tournee zu begleiten. Den erfolgreichen Abschluss feiern die drei Männer in einem feinen Restaurant in Washington, doch am nächsten Morgen erwacht Northup auf dem Steinboden einer Zelle, sein Hemd besudelt und zerrissen, seine Hände und Füße in Ketten. Entsetzen, Unverständnis und Panik wechseln sich in seinem Minenspiel ab, als die Kamera durch das vergitterte Fenster zurücksetzt und auf das Panorama der Stadt schwenkt: Unweit leuchtet das weiße Haus.

Zwölf Jahre, von 1841 bis 1853, verbringt der gekidnappte Northup, ein freier Mann, der in Neuengland lebte, als Sklave auf Plantagen in den Südstaaten, getrennt von seiner ahnungslosen Familie. Nach seiner Befreiung schreibt er seine Erlebnisse auf. Es sind die einzigen überlieferten Schilderungen eines freien Afroamerikaners, der in die Mühlen der Sklaverei gerät. Der britische Regisseur Steve McQueen hat aus "12 Years a Slave" nun einen sehr berührenden Film über das wohl dunkelste Kapitel der amerikanischen Geschichte gemacht, der gute Chancen hat, die diesjährige Oscar-Verleihung zu dominieren.

"Ich hatte schon länger die Idee, die Geschichte eines freien Mannes zu erzählen, der entführt und versklavt wird, und dann stieß meine Frau auf Northups Buch", sagte McQueen im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Es war phantastisch, ich begann vor Aufregung zu zittern, als ich es las." Bis zu 80 Prozent der Dialoge übernahmen McQueen und sein Drehbuchautor John Ridley direkt von Northup, erklärt der 1969 in London geborene Filmemacher karibischer Abstammung, der als Foto- und Installations-Künstler den renommierten Turner Prize gewann und inzwischen auch als Kino-Regisseur Erfolge feiert. Sein Debütfilm "Hunger" (2008) handelte vom Hungerstreik des IRA-Terroristen Bobby Sands, "Shame" (2011) erzählte von den seelischen Verheerungen großstädtischer Isolation, beide Filme bestechen vor allem durch formal-ästhetische Brillanz.

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"12 Years a Slave": Sklaverei-Drama mit Oscar-Chancen
Für seinen dritten Film stellte McQueen nun erstmals alle filmischen Mittel in den Dienst der Erzählung. "12 Years a Slave" ist sein bisher konventionellster Film, ein Historiendrama im Stil klassischer Hollywood-Epen, allerdings eines, das weitgehend ohne deren verharmlosende Klischees auskommt: Es gibt keine Banjo spielenden Onkel Toms, keine gutmütigen, dicken Mamis und auch keinen gutherzigen Sklaventreiber.

Dabei sieht es zunächst so aus, als hätte Solomon Glück im Unglück: Sein erster Master, Ford (Benedict Cumberbatch), ist ein gebildeter, kunstsinniger Mann, der Northups musikalisches Talent und Intellekt anerkennt. Als sich Northup jedoch mit einem tyrannischen Aufseher anlegt, hat der softe Gutsherr der Aggression seines Schergen wenig entgegen zu setzen. In einer der eindringlichsten Szenen hängt Solomon zur Strafe einen heißen Tag lang mit der Schlinge um den Hals an einem Baum und muss auf Zehenspitzen balancieren, um nicht stranguliert zu werden. Um ihn herum geht das Sklavenleben seinen Gang, Kinder spielen, Frauen tragen Wäschekörbe vorbei. Niemand hilft.

Der britische Schauspieler Chiwetel Ejiofor sorgt mit seinem zurückgenommenen, sehr intensiven Spiel dafür, dass der Zuschauer die zutiefst beunruhigende Ausgangssituation im Gedächtnis behält. Der emotionale Wettstreit zwischen dem Verlust der Würde und der demütigenden Notwendigkeit, Körper und Geist einer irrationalen Herrenmensch-Hierarchie unterzuordnen, spiegelt sich eindrucksvoll in Solomons Augen. Sein Blick wird zu dem des Zuschauers - aus der trügerischen Sicherheit einer vermeintlich zivilisierteren Welt auf eine überwunden geglaubte Barbarei.

Ford verkauft seinen Problem-Sklaven an einen für seine Gnadenlosigkeit bekannten Baumwollfarmer aus Louisiana. Auf der neuen Plantage gerät Solomon in ein Eifersuchtsdrama zwischen seinem Master Ebbs (Michael Fassbender), dessen Ehefrau und der jungen Sklavin Patsy (Lupita Nyongo), das in einer unerträglichen Situation mündet: Mistress Ebbs verlangt von ihrem Gatten, Patsy auszupeitschen. Der jedoch übergibt die Knute an Solomon, eine boshafte Machtdemonstration. Denn Solomon steht vor einer unmöglichen Entscheidung: Verschont er das Mädchen und richtet die Waffe stattdessen gegen seinen Herren, wird nicht nur er selbst sein Leben verlieren. Die anderen Sklaven, auch Patsy, würden ebenfalls zu büßen haben.

"Das", sagt McQueen, "ist die Essenz von Sklaverei: Es ist nicht nur körperliche, sondern psychologische Folter. Solomon lernt, was viele seiner in die Sklaverei geborenen Leidgenossen nie anders erfahren haben: Wenn du überleben willst, halte den Kopf gesenkt und deinen Mund geschlossen." Hätte Solomon rebelliert, meint der Regisseur, hätte man niemals von seiner Geschichte erfahren, denn er wäre mit großer Wahrscheinlichkeit umgebracht worden. "Das ist nicht wie Bruce Willis in "Stirb langsam", das ist das reale Leben", sagt McQueen und kritisiert damit auch die Rachephantasie von Quentin Tarantino in "Django Unchained", dem anderen, ungleich plakativeren Film über Sklaverei der jüngsten Zeit.

Auch in McQueens Film gibt es Momente exzessiver Gewalt, seine schockierende Wirkung entfaltet "12 Years a Slave" jedoch subtiler: Solomons Schicksalsreise wird so pragmatisch erzählt, dass dem Zuschauer wenig Raum für sentimentales Nachfühlen bleibt. Erst ganz am Ende, als Solomon kurz vor seiner unverhofften Befreiung lange und verzweifelt in die Kamera blickt, entlädt sich die Wucht seines Schicksals auf den Zuschauer. "Er schaut uns direkt an. Er transferiert die Verantwortung dafür, was ihm widerfahren ist, auf das Publikum", sagt McQueen. "Jeder soll sich fragen, wie er sich verhalten würde."

Damit verlässt "12 Years a Slave" den Rahmen der historischen Erzählung und wird zur allgemeingültigen Reflexion über den Wert der Freiheit. McQueen hält es nicht für Zufall, dass die bisher vom Kino weitgehend ignorierte Geschichte der Sklaverei zurzeit intensiver behandelt wird. "Amerika war lange nicht bereit, sich dem Thema zu stellen, aber jetzt, vielleicht befeuert durch die Präsidentschaft Barack Obamas und Skandale wie den Mord an dem jungen Schwarzen Trayvon Martin, kommt einiges in Gang. Die Menschen in Amerika wollen voranschreiten, wie sie es immer gemacht haben. Aber um deine Zukunft zu verstehen, musst du dich mit deiner Vergangenheit beschäftigen."

Seit seiner Premiere im September beim Filmfestival in Toronto gilt "12 Years a Slave" als Favorit für den Oscar als bester Film, Hauptdarsteller Ejiofor und Michael Fassbender, der seinen Sklaventreiber Ebbs fein zwischen Wahnsinn und Erbärmlichkeit ausbalanciert, sind wahrscheinliche und verdiente Anwärter auf die Darstellerpreise. Sollte es so kommen, wäre es der Triumph eines packenden Dramas - und eine Bestätigung für McQueens These.

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insgesamt 25 Beiträge
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widower+2 13.01.2014
1. Interessante Geschichte
Noch interessanter ist allerdings, dass Northup im Jahr 1857 wieder und diesmal spurlos verschwunden ist. Ob er möglicherweise erneut in die Sklaverei verkauft wurde, ist bis heute ungeklärt.
neu_ab 13.01.2014
2.
Ich habe schon in den späten 70ern das Drama "Roots" im Fersehen verfolgt, eine erfolgreiche Fersehserie. Ich denke, daß Amerika diese dunkle Vergangenheit recht gut aufgearbeitet hat, während aber andere Aspekte, wohl aus sogenannter "political correctness", bis heute kaum Erwähnung finden, bzw. viele Leute auch gar nichts darüber wissen. Insofern finde ich den Hinweis berechtigt.
kleiner Prinz 13.01.2014
3.
Zitat von sysopTOBISBei den Golden Globes wurde "12 Years A Slave" als bester Film ausgezeichnet, jetzt gilt das packende, historisch verbürgte Drama als Oscar-Favorit. Der britische Regisseur Steve McQueen meint, Amerika ist bereit, sich mit dem düsteren Kapitel Sklaverei zu beschäftigen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/golden-globes-bester-film-12-years-a-slave-als-oscar-favorit-a-941111.html
'Der britische Regisseur Steve McQueen meint, Amerika ist bereit, sich mit dem düsteren Kapitel Sklaverei zu beschäftigen.' Amerika hat sich schon längst mit dem Thema auseinandergesetzt, da braucht es nicht wieder einen neuen Film über altbekannte Tatsachen.Mir scheint eher, dass ein cleverer Regisseur ein abgeschlossenes Thema neu aufwärmt, um mit der Sklavengeschichte wieder Kasse zu machen. Und wer gegen dieses political correctness Business seine Stimme erhebt, ist natürlich..... ein lupenreiner Rassist.
petrapanther 13.01.2014
4.
Zitat von kleiner Prinz'Der britische Regisseur Steve McQueen meint, Amerika ist bereit, sich mit dem düsteren Kapitel Sklaverei zu beschäftigen.' Amerika hat sich schon längst mit dem Thema auseinandergesetzt, da braucht es nicht wieder einen neuen Film über altbekannte Tatsachen.Mir scheint eher, dass ein cleverer Regisseur ein abgeschlossenes Thema neu aufwärmt, um mit der Sklavengeschichte wieder Kasse zu machen. Und wer gegen dieses political correctness Business seine Stimme erhebt, ist natürlich..... ein lupenreiner Rassist.
In Zukunft sollte man stets den "kleinen Prinzen" darüber zu Rate ziehen, welcher Film gerade gebraucht wird und welcher nicht. Inwiefern ist dieses Thema "abgeschlossen"? Entscheiden Sie das? Und ja, es soll vorkommen, dass Filme gedreht werden, um damit Geld zu verdienen. Kritisieren Sie diesen Aspekt bei jedem Hollywood-Film? Ob Sie ein Rassist sind weiss ich nicht, aber Ihr Beitrag spricht zumindest nicht gegen diese Annahme.
Vorzeichen 13.01.2014
5. Eingeschleppt von Arabern
Ist ja gut ... Bleibt die Frage, woher die ganzen Afroamerikaner in den USA herkommen. Eingeschleppt von Arabern?
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