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Golden Globes: Das Märchen vom Oscar-Orakel

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Wer bei den Golden Globes abräumt, hat auch Chancen auf den Oscar, heißt es. Aber wie groß ist die Bedeutung der von einer winzigen, sehr obskuren Gruppe verliehenen Preise wirklich?

Golden Globes: Die wichtigsten Nominierten Fotos
REUTERS

Patrick Goldstein, Kolumnist bei der "L.A. Times", nannte die Golden Globes einmal "Hollywood's heimliches Laster". Die Filmpreise, die an diesem Sonntag zum 71. Mal verliehen werden, gehören zum festen Programm der sogenannten Awards Season in Hollywood, die im vergangenen September mit dem Filmfestival in Toronto begann und mit der Oscar-Verleihung am 2. März endet. In diesem Zeitraum nominieren und prämieren Dutzende Organisationen und Verbände, von der Schauspielergewerkschaft SAG bis zur Vereinigung New Yorker Filmkritiker, ihre Lieblings-Schauspieler und -Filme der aktuellen Herbstsaison, deren Großteil in Toronto in Stellung gebracht wurde.

In diesem Jahr waren das vor allem Alfonso Cuaróns leises Weltraum-Spektakel "Gravity" und Steve McQueens Sklaverei-Drama "12 Years A Slave". Die Studios nutzen die durch die zahlreichen kleinen und großen Preise erzeugte Öffentlichkeit, um einen "Buzz" für ihren Film zu erzeugen und ihn so bis zu den Oscars im Gespräch zu halten.

Die Golden Globes gelten als letztes großes Fanal vor den mit Spannung erwarteten Oscar-Nominierungen, die am kommenden Donnerstag verkündet werden. Traditionell ist das Raunen um die Globes groß, so dass sich über die Jahre das Märchen etabliert hat, die von der Vereinigung ausländischer Filmjournalisten vergebenen Preise ließen Aufschluss über die potentiellen Oscar-Nominierten, wenn nicht -Gewinner zu.

Das ist einerseits richtig, denn allein die mediale Präsenz der Globes-Gewinner könnte das eine oder andere Mitglied der Oscar-vergebenden Academy of Motion Picture Arts and Sciences (Ampas) dazu bewegen, sich den einen oder anderen Film vielleicht doch noch anzusehen - und somit sein Urteil beeinflussen. Die Hollywood Foreign Press Association (HFPA) allerdings, die die Globes vergibt, ist ein recht obskur zusammengewürfelter Verein, der aus rund 80 Stimmberechtigten besteht, die als Legitimation lediglich eine Handvoll veröffentlichter Artikel vorweisen müssen, egal, ob in einer journalistischen oder anderweitigen Publikation.

Überproportional aufgepustet

Man könnte die Globes also ein prominent im Fernsehen übertragenes, launiges Fan-Event nennen, bei dem Wein und Champagner in Strömen fließt und eine ausgelassenere Stimmung herrscht als bei den steifen Oscars. Hartnäckig hält sich der Vorwurf, die HFPA würde ihre Nominierungen danach ausrichten, welche Stars zur Party verfügbar sind, denn die Globes-Jury bekommt rund um die Verleihung traditionell sehr viel Zeit mit den Prominenten, während klassische, journalistische Medien um Interviews betteln müssen. Die Branche lächelt über die für ihre geringe Bedeutung überproportional aufgepustete Veranstaltung - und freut sich über die Gelegenheit, noch einmal die Werbetrommel rühren zu können, bevor es ernst wird.

In der Oscar-Academy sitzen nämlich die Leute, auf die es wirklich ankommt. Sie besteht aus rund 6000 stimmberechtigten Mitgliedern, allesamt Leute, die tatsächlich Filme drehen oder an der Entstehung von Filmen beteiligt sind: Schauspieler, Regisseure, Produzenten, Cinematografen, Make-up-Künstler et cetera. Überschneidungen zwischen Ampas und HFPA gibt es also weder personell noch ideologisch, denn die Oscar-Juroren stimmen traditionell eher im Sinne des Kino-Handwerks ab als nach politischen Gesichtspunkten oder nationalem Proporz.

Konkret heißt das: Britische Produktionen wie "Philomena" oder der im europäischen Formel-1-Zirkus spielenden Actionfilm "Rush" erhalten durch die Globes-Nominierungen einen "Buzz", der sich möglicherweise niemals erfüllen wird, schlicht weil die Academy sich nicht so für ausländische Produktionen begeistert wie die aus Nicht-Amerikanern zusammengesetzte HFPA.

Auch die Nebendarsteller-Nominierung des deutschen Hoffnungsträgers Daniel Brühl, der in "Rush" den Rennfahrer Niki Lauda spielt, ist also mit Vorsicht zu genießen. Selbst wenn er sich bei der Globes-Verleihung gegen Jared Leto oder Michael Fassbender durchsetzt und gewinnt - bedeutet das nicht automatisch, dass er auch gute Chancen auf eine Oscar-Nominierung hat, so sehr es ihm auch zu wünschen wäre.

Der Einfluss der Golden Globes auf die Oscars, er ist eine Schimäre, die zum großen, elaborierten Medienspiel rund um die Academy Awards gehört. Anhand von Statistiken wird immer wieder gerne hergeleitet, wie oft der Globes-Gewinner am Ende auch den Oscar als bester Film gewann - oder ob es sich als eminent wichtig erwiesen hat, eine Globes-Nominierung für die beste Regie zu erhalten, um später dann auch den Oscar zu erhalten. In Wahrheit ist das alles reiner Zufall - oder schlichte Logik.

Denn es ist ja nicht schwer, den in dieser Saison bei den Golden Globes favorisierten Filmen Erfolg bei den Oscar-Nominierungen vorherzusagen: "12 Years A Slave", "Gravity", David O. Russells "American Hustle", Martin Scorseses Betrüger-Bacchanal "The Wolf Of Wall Street" und Spike Jonzes "Her", das sind die Filme, um die es in diesem Jahr geht: Sie haben die stärksten künstlerischen Leistungen, die größte Medienaufmerksamkeit und sind am meisten im Gespräch. Sie werden also, samt ihrer Regisseure und Schauspieler, jede Menge Oscar-Nominierungen bekommen. Egal, ob die HFPA einen Preis verliehen hat oder nicht.

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1.
bennysalomon 12.01.2014
Zitat von sysopREUTERSWer bei den Golden Globes abräumt, hat auch Chancen auf den Oscar, heißt es. Aber wie groß ist die Bedeutung der von einer winzigen, sehr obskuren Gruppe verliehenen Preise wirklich? http://www.spiegel.de/kultur/kino/golden-globes-das-maerchen-vom-oscar-orakel-a-943096.html
Drücke "American Hustle", "Lone Survivor" und "Philomena" die Daumen.
2. Gerade für Filmpreise gilt
betonklotz 12.01.2014
wenn nicht darüber berichtet wird, dann existiert es nicht. Sie alle sind letzten Endes Medienprodukte. Ich entscheide auf jeden Fall, bei der Frage, was ich mir im Kino ansehe, nicht anhand irgendwelcher Preise. Ich gehe da viel eher nach der Meinung von Freunden und Bekannten, welche den fraglichen Film schon kennen.
3. Und Matt
Foul Breitner 12.01.2014
Zitat von sysopREUTERSWer bei den Golden Globes abräumt, hat auch Chancen auf den Oscar, heißt es. Aber wie groß ist die Bedeutung der von einer winzigen, sehr obskuren Gruppe verliehenen Preise wirklich? http://www.spiegel.de/kultur/kino/golden-globes-das-maerchen-vom-oscar-orakel-a-943096.html
Damon hat keine Nebenrollennominierung für Liberace erhalten ? Das wäre seltsam.
4.
stevenspielberg 12.01.2014
Zitat von Foul BreitnerDamon hat keine Nebenrollennominierung für Liberace erhalten ? Das wäre seltsam.
Ist aber die Wahrheit!
5. Fehler in der Fotostrecke
stevenspielberg 12.01.2014
Zitat von sysopREUTERSWer bei den Golden Globes abräumt, hat auch Chancen auf den Oscar, heißt es. Aber wie groß ist die Bedeutung der von einer winzigen, sehr obskuren Gruppe verliehenen Preise wirklich? http://www.spiegel.de/kultur/kino/golden-globes-das-maerchen-vom-oscar-orakel-a-943096.html
Da ist es wieder, das alljährliche Problem der SPON-Redaktion mit der Kategorieneinteilung des GoldenGlobe. Bild 9: Falsch - Meryl Streep ist in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin Musical/Komödie nominiert. Bild 17: Wieder die beiden Kategorien verwechselt: Cate Blanchett ist als Beste Hauptdarstellerin - Drama nominiert! Wobei man diesen Fehler der Redaktion fast nachsehen kann, den das ein Woddy Allen - Film in der Drama-Kategorie eingestuft wird ist eher selten. Bild 18: Auch hier habt ihr die Hauptdarstellerkategorien vertauscht, den auch Emma Thompson ist in der Drama-Kategorie nominiert!
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