Goldene Kamera 2017 Ein bisschen Schreck muss sein

Sonderbare Stammestänze, Stammelübersetzungen und ein Medley aus der Retro-Hölle: Die Verleihung der Goldenen Kamera blieb ihrer Schauder-Gala-Tradition treu.

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Es gab den dropsweit geöffneten Staunemund, kalbsäugige "Höh?"-Blicke, kaltschweißig ins Gesicht gefräste Fremdscham. Man sah peinlich berührtes Gekidnappten-Lachen und hier und da eine unbewegte Frostmumie. Manche Prominente zeigten auch einfach nur den klassischen Schock-Karpfen.

Wie immer waren die Kameraschwenks ins Publikum das Schönste, Unterhaltsamste und Ehrlichste, was die Verleihung der "Goldenen Kamera" zu bieten hatte. Ein Coffee-Table-Buch dieser Gesichter, um die unverhohlenste Fassungslosigkeit immer wieder anschauen zu können, das wäre schön.

Verschlang man zu Hause für jeden müden Oscar-Umschlags-Witz eine Schachtel Schnapspralinen, ging es eigentlich. Andernfalls machte die Gala den Samstagsfernsehabend stellenweise wirklich unangenehm. Das begann mit dem haltlos überforderten Simultandolmetscher, der mit der Dankesrede von Colin Farrell (geehrt als bester Schauspieler international) so grob umging wie jene günstig zu mietenden Stimmungscoverbands, die zwar nicht wirklich Englisch können, die fremdsprachigen Liedtexte aber einfach mal klanglich nachahmen wie minderbegabte Sittiche.

"Meine Söhne glauben nicht, dass ich arbeite, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen - die glauben nicht, dass ich einen Job habe", sagte Farrell. "Meine Söhne glauben, ich habe einfach einen Job", stammelte der Dolmetscher. "Als Eltern will man, dass die Kinder einen cool finden", so der Preisträger weiter - der Dolmetscher schwadronierte sinnlos davon, dass Kinder sich wünschen, ihre Eltern hielten sie für "cool oder anständig", und so ging es munter weiter.

Am bizarrsten wurde es, als Farrell sich bei all den tollen Leuten bedankte, mit denen er schon gearbeitet hat, und aus den "property makers", den Requisitenbauern also, im Deutschen flugs "Vermieter und Immobilienleute" wurden. Wenn man schon internationale Stars als glitzernde Broschen herankarrt - auch Nicole Kidman war da, um sich als beste internationale Schauspielerin ehren zu lassen -, sollte man sie zumindest verstehen können.

Zehennagelzwirbelndes Medley zu Hecks Ehren

Wunderschön dann, wie eisig das Publikum den unlustigen Auftritt von Sascha Grammel mit seiner kranken Geierhandpuppe abstrafte und einzeln zählbare Lacher über qualvolle Thermometer-im-Popo-Witze rieseln ließ. Auf andere Weise unangenehm - immerhin in den Varianten des zuschauerischen Unbehagens war Abwechslung geboten - geriet die Lebenswerk-Ehrung für Dieter Thomas Heck. Mit einer ungestelzten, warmen Laudatio von Smudo und Thomas D. fing sie gut an, auch der 79-jährige Geehrte hielt sich in seinem Dank extrem wacker.

Dann folgte allerdings noch ein zehennagelzwirbelndes Medley zu Hecks Ehren. Max Giesinger sang eine "Hitparade"-Hommage zur Titelmelodie von "Biene Maja", das kennt man sonst nur aus grippalen Träumen kurz vor der Selbsteinweisung. "Ein bisschen Heck muss sein", stimmte Roberto Blanco mit ein (schönster Moment: Der mit dem Lachen des tief Verzweifelten mitsingende Jan Böhmermann im Publikum), "Ti amo" überschmalzten Barbara Schöneberger und Howard Carpendale das Arrangement.

"Ist es gelungen?", heischte Moderator Steven Gätjen danach wie der Dorfschulrektor bei der Ruhestandsfeier des greisen Hausmeisters. "Ja, ich hab nur einen wahnsinnigen Durst", sagte der Geehrte. Wer nicht?

Der zweifellos schlimmste Auftritt

Ermattet nimmt man danach hin, dass "heute journal", "RTL aktuell" und "Tagesthemen" allesamt eine Goldene Kamera bekommen, und zwar, ganz genau genommen, eigentlich schlicht dafür, dass sie als Nachrichtensendung ihre Arbeit machen. Der zweifellos schlimmste Auftritt des Abends war die Laudatio von Annette Frier und Matthias Matschke, die ihre Dankesrede in ein "Ritual" umwandelten, um eine ähnliche Panne wie bei der Oscarverleihung - Schnapspralinenschachtel Nummer vier - zu vermeiden.

Matschke steckte in einem riesigen Umschlagkostüm, Frier vollführte einen vermutlich afrikanisch gemeinten Stampftanz, packte sich an die Brüste und rief: "Beste Schauspieleriiiiiihn - Lisa Wagner!", wie es die lustigen Uga-Uga-Wilden im Busch eben so machen. Auch Wotan Wilke Möhring wurde als bester nationaler Schauspieler solchermaßen ausgerufen. Colin Farrell machte im Publikum vor seinem Gesicht die international verständliche Handwischergeste für "ballaballa".

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Goldene Kamera: "In Hamburg sagt man Tschüs!"

Danach hält man alles für möglich und wartet den Rest der Sendung angespannt darauf, dass irgendein unlustiger Fernsehmensch noch orangefarben lackiert als Trump-Parodie auf die Bühne stolpert. Fast ist man enttäuscht, als das nicht passiert. Immerhin hatte sich schon Steven Gätjen als feinsinniger politischer Satiriker hervorgetan, als er Farrell auf dessen Film "The Lobster" ansprach, in der paarungsunfähige Singles in Tiere verwandelt werden. "Wenn ein Esel US-Präsident werden kann, funktioniert es eventuell auch andersherum", so Gätjen.

"Ich widme den Preis Joko und Klaas"

Freilich: Es war nicht alles schlecht. Musikpreisträger Ed Sheeran sang souverän (und live), der geehrte Nachwuchsschauspieler Leonard Carow war ehrlich überwältigt: "Leute! Immer, wenn ich denke, ich sollte aufhören mit dem Schei߅", begann er seine Rede, in der er hoffte, kompromisslose Filme könnten die Welt besser machen.

Jane Fonda, geehrt für ihr Lebenswerk, wies alle Ignoranten in ihre Schranken, die sie immer noch als Aerobic-Dohle verkennen. Überaus elastisch bewahrte sie während der Sendung weitgehend die Fassung und überstand auch die Laudatio von Geraldine Chaplin (möglicherweise eine Freundin von Fonda, so genau war das bei ihrer Rede nicht herauszubekommen). "Ich verspreche Ihnen, dass die Mehrheit der Amerikaner für die Demokratie kämpfen wird", sagte Fonda und machte dann noch ein anzügliches Witzchen.

So sonderbar war diese ganze Sendung, dass man einen externen Streich zuerst nur als weiteren kruden Regie-Einfall verbuchte: Bei der Ehrung von "La La Land" als bestem internationalen Film bittet Steven Gätjen den Hauptdarsteller Ryan Gosling auf die Bühne, stattdessen erscheint ein schmierhaariger Doppelgänger. "Ich widme den Preis Joko und Klaas. In Hamburg sagt man Tschüs!", sagt er, und da ist klar: Der Auftritt ist ein Scherz von "Circus HalliGalli", der in der kommenden Sendung aufgelöst werden wird. Tatsächlich lustig aber ist die Annahme, dass die Show-Macher augenscheinlich ernsthaft angenommen hatten, der echte Hollywoodstar würde sich die Ehre geben.

Wir haben dank "Wetten, dass...?" Tom Hanks verloren, nun auch Colin Farrell. Wir müssen alles tun, um zu verhindern, dass Ryan Gosling jemals von der Existenz der Goldenen Kamera erfährt.



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stsw 05.03.2017
1. Der kleine Unterschied
Lauinige Kommentierung der alljährlichen Selbstbeweihräucherung... Allein: Übersetzer schreiben, Dolmetscher sprechen.... nur um den Berufsstand der Übersetzer zu retten.
grommeck 05.03.2017
2. Und diese Typen sollen zu unseren
Durch Zwangsbeiträge und Steuergelder ernährte Schausteller sind aber nicht meine Eliten, ganz im Gegenteil. Gruselig war dieser Bambi aber schon immer, also nichts besonderes in diesen Tagen. Ich hätte mir jedoch einen für Frau von der Leyen gewünscht - das hätte Flair.
Rassek 05.03.2017
3. Hihi
Ich schaue ja fast nie in die Glotze, die Gefahr, daß mir dort das Resthirn abgesaugt wird .... Aber auch, wenn ich die Sendungen nicht sehe, lese ich so gern ihre Verrisse. Wegen des literarischen Gehalts.
aus_dem_off 05.03.2017
4. Bambi war schon immer ein Graus
Die erste und letzte Bambi-Verleihung, die ich gesehen habe, war mit Harpe Kerkeling und Morgan Freeman. Und trotz des für deutsche genialen Kerkelings war es eine fürchtleriche Beweihreucherung ohne STIL und Freeman konnte gentleman-like das Gesicht wahren. Was ich nie verstehen werde, ist, wie man eine Barbara Schöneberger überall unterbringen will, auch da, wo leise Töne und Bescheidenheit besser ankommen würden.
avada~kedavra 05.03.2017
5. Der/die/das
Zitat von grommeckDurch Zwangsbeiträge und Steuergelder ernährte Schausteller sind aber nicht meine Eliten, ganz im Gegenteil. Gruselig war dieser Bambi aber schon immer, also nichts besonderes in diesen Tagen. Ich hätte mir jedoch einen für Frau von der Leyen gewünscht - das hätte Flair.
Bambi ist aber eine etwas andere Baustelle als die goldene Kamera. Auch wenn unter dem Strich diese Show meistens ebenso chaotisch und dröge rüberkommt. Bambi = Burda Medien Goldene Kamera = Funke-Medien Gruppe (HörZu, Bild+Funk, Gong,)
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