Fincher-Thriller "Gone Girl" House of Hass

Wenn Hipster hassen: Im Entführungsthriller "Gone Girl" setzt "House of Cards"-Schöpfer David Fincher Ironie und Grausamkeit, Zärtlichkeit und Terror brillant ins Verhältnis. Großes Kino - im Netflix-Serienlook.

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Da stehen sie sich nackt in der Dusche gegenüber, fahren mit hungrigen Blicken den Körper des anderen ab und fallen schließlich übereinander her. Aber nur mit Worten; die Lust am gegenseitigen Verletzen hat bei den beiden Hauptfiguren von "Gone Girl" längst die Lust am Sex ersetzt. Der Terror der Intimität: In dieser Szene gegen Ende seines zweieinhalbstündigen Entführungsthriller bringt ihn David Fincher so ironisch wie brutal auf den Punkt.

Was haben wir davor eigentlich genau gesehen? Einen Krimi über die Entführung einer jungen Frau und die minutiöse Durchleuchtung der Tat? Einen Thriller über die verheerende Kraft des Hasses im Mantel der Liebe? Eine Studie über in die Jahre gekommene Hipster, die sich über den Rest der Menschheit erhaben fühlen, sich dann aber in ihrem überbordenden Zynismus selbst zerlegen? Ein bisschen von allem. So oder so, "Gone Girl" ist ein Beziehungsmassaker erster Güte geworden.

Auch wenn man am Anfang des Filmes die Blutspuren des Hasses suchen muss. Nick (Ben Affleck), ein Schriftsteller, der nach seinem Scheitern in New York eine kleine Bar in seinem Heimatkaff in Missouri aufgemacht hat, kommt eines Tages in sein aufgebrochenes Haus zurück. Glas ist zersplittert, Stühle sind umgeworfen, die herbeigerufene Polizei entdeckt bei genauerem Hinsehen schlecht beseitigte Blutspuren am Mobiliar. Alles deutet darauf hin, dass Nicks Frau Amy (Rosamund Pike) entführt worden ist. Vielleicht sogar ermordet.

Bloß kein Spießerleben, bitte!

Es beginnt eine Rekonstruktion der Ereignisse, bei der Fincher ständig den Blickwinkel wechselt. Mal werden die Untersuchungen aus der Perspektive von Nick gezeigt, der selbst zwischenzeitlich unter Tatverdacht gerät. Mal werden über Tagebucheintragungen der verschwundenen Amy die Tage und Monate vor dem Verbrechen nachgezeichnet. Obendrauf gibt es die Kommentare eifriger Fernsehmoderatoren, die aus der Love-, Crime- und (wie sich später eben herausstellt) Hate-Story ihren spekulativen Mehrwert herauszuschlagen versuchen. Man ahnt bald: Keine der unterschiedlichen Perspektiven ist verlässlich, eine jede ist der Darstellungsstrategie desjenigen geschuldet, der sie einnimmt.

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"Gone Girl" mit Ben Affleck: Wer hat hier wen auf dem Gewissen?
Vorlage zu dem labyrinthischen Krimi ist der gleichnamige Roman von Gillian Flynn, der 2012 zum Bestseller avancierte. Darin füllt die ehemalige Fernsehkritikerin von "Entertainment Weekly", die nun auch das Drehbuch zum Film geschrieben hat, den multiperspektivischen Krimiplot mit Personal aus der Hipster-Szene. Das Pärchen im Buch gehört zur Szene jener Leute, die sich popkulturell ganz vorne glauben, die selbstverständlich sämtliche aufregenden neuen Fernsehserien kennen und sich ihr Leben selbst wie ein Seriendrehbuch zurechtzuschreiben versuchen. Vorbei an den üblichen Spießerlebensläufen.

Vom Kino zum TV - und wieder zurück

Da ist es eine schöne Spitze, dass Regisseur Fincher den Beziehungskrimi um die beiden medialen Oberchecker streckenweise in einem Ambiente spielen lässt, das an ausgewählt unhippe Fernsehserien erinnert. Fincher, Schöpfer hochbeschleunigter und hochglänzender Identitätsthriller wie "The Game" oder "Fight Club", machte in den letzten Jahren ja vor allem als Fernsehschaffender Furore. Für den Online-Streamingdienst Netflix entwickelte er das Polit-Drama "House of Cards", das die Intrigen in Washington als großes formstrenges Strippenzieher-Tableau zeigt. State of the Art des Erzählfernsehens sozusagen.

Mit "House of Cards" brachte Fincher das Kino ins Fernsehen. Mit "Gone Girl" bringt er nun das Fernsehen ins Kino.

Die erste Dreiviertelstunde erinnert ein wenig an US-TV-Ware wie "Law and Order", die Kulissen verbreiten steriles Modellhaus-Flair, die Chefermittlerin (Kim Dickens) läuft nach klassischer amerikanischer Krimi-Folklore im engen grauen Hosenanzug und mit Halbliter-Kaffeebecher zwischen Tatort und Verhörzelle hin und her. Das Leben ist eben keine Netflix-Serie. Oder etwa doch?

Später taucht in der Handlung ein ehemaliger Liebhaber der weiblichen Hauptperson auf, gespielt von Neil Patrick Harris, dem Aufreißer und Angeber Barney aus der unlängst abgelaufenen Mega-Sitcom "How I Met Your Mother". Harris spielt die Figur wie ein Wiedergänger seines Barneys: In einer Szene in "Gone Girl" präsentiert er die Gadgets seiner Protzbehausung. Weinkeller, Luxusbett und gigantische Fernsehanlage mit - Achtung! - Netflix-Anschluss.

Fincher und Autorin Flynn bringen Ironie und Grausamkeit, Zärtlichkeit und Terror in ein Verhältnis, wie man es so noch nicht im Kino gesehen hat. Affleck bleibt zwar, zugegeben, das Abziehbild eines Bier trinkenden Testosteronmännchens, aber er lässt auf diese Weise Raum für das Spiel von Rosamund Pike. Und die beherrscht zwischen tragisch verzagter Hipsterin und fröhlich aggressiver Manipulatorin jede Tonlage.

Sie ist die Königin einer Welt, in der nichts echt ist, außer dem Hass, der einer Liebe entwächst, wenn sie zu smart sein will.

Gone Girl

USA 2014

Regie: David Fincher

Drehbuch: Gillian Flynn

Darsteller: Ben Affleck, Rosamund Pike, Scoot McNairy, Carrie Coon

Produktion: New Regency Pictures

Verleih: Fox Deutschland

Länge: 149 Minuten

FSK: Ab 12 Jahren

Start: 2. Oktober 2014

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Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
uiolo 29.09.2014
1. Ist der Film nun gut oder schlecht?
Komische Fernsehkritik. Ist der Film nun in den Augen des Verfassers gut oder schlecht? Dies kommt überhaupt nicht rüber.
Faserati 29.09.2014
2. Bloss nicht den Trailer schauen
Aus diesem Text und dem Trailer habe ich gelernt: niemals mehr eine Filmkritik lesen oder einen Trailer schauen. Vor allem der Trailer zeigt nicht etwa Appetithäppchen, die erlauben, den Film einzuschätzen. Eigentlich ist es eher der gesamte Film im Schnelldurchlauf, inklusive aller Handlungsstränge. Somit kann man sich den Film sparen, die Spannung ist weg.
tlatz 29.09.2014
3. Spoiler?
Danke vielmals. Sie beschreiben direkt im ersten Absatz, wie die beiden Hauptcharaktere, also Ben Afflek und Rosamund Pike gemeinsam Duschen und sagen dann, dass das am Ende des Filmes geschieht. Das heißt also, dass sie einander am Ende zwar nicht unbedingt mögen, aber immerhin taucht sie wieder auf und er ist es nicht gewesen. Ich finde es immer total super, solche Infos zu bekommen, bevor ich den Film schaue. Ich frage mich, wie ich vor 15 oder 20 Jahren leben konnte, als Filmkritiken einem zwar klarmachten, ob der Film etwas für einen ist oder nicht, gleichzeitig aber noch nicht das Ende verrieten. Nene, da ist es heute eindeutig besser; man liest die Kritik und muss sich hinterher den blöden Film erst gar nicht mehr anschauen.
mxdoc 29.09.2014
4. Bechdel 2.0
Ob ein Film gut ist, oder nicht, kann man heute ganz einfach entscheiden: Bechdel-Test bestanden? Weg damit.
DrStrang3love 29.09.2014
5.
Zitat von tlatzDanke vielmals. Sie beschreiben direkt im ersten Absatz, wie die beiden Hauptcharaktere, also Ben Afflek und Rosamund Pike gemeinsam Duschen und sagen dann, dass das am Ende des Filmes geschieht. Das heißt also, dass sie einander am Ende zwar nicht unbedingt mögen, aber immerhin taucht sie wieder auf und er ist es nicht gewesen. Ich finde es immer total super, solche Infos zu bekommen, bevor ich den Film schaue. Ich frage mich, wie ich vor 15 oder 20 Jahren leben konnte, als Filmkritiken einem zwar klarmachten, ob der Film etwas für einen ist oder nicht, gleichzeitig aber noch nicht das Ende verrieten. Nene, da ist es heute eindeutig besser; man liest die Kritik und muss sich hinterher den blöden Film erst gar nicht mehr anschauen.
Da haben Sie den Rest des Artikels offensichtlich nicht mehr gelesen (oder sich anderweitig über "Gone Girl" informiert"): große Teile der Handlung werden nämlich in Rückblenden erzählt. Es ist also keinesfalls gesagt, dass die beschriebene Szene tatsächlich am (chronologischen) Ende des Geschehens stattfindet.
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