"Good Night, and Good Luck" Futter für die Paranoia

Das Herz am linken Fleck: George Clooneys eleganter Schwarzweißfilm "Good Night, and Good Luck" erzählt von heroischem Journalismus in der McCarthy-Ära und stellt subtil die Frage nach dem politischen Anstand im heutigen Amerika.

Von Jan Distelmeyer


Die Aufklärung ist zurück. Etwas verspätet vielleicht, aber sie kommt immer rechtzeitig, um westeuropäische Dankbarkeit zu erfahren. Schon als George Clooneys zweite Regiearbeit "Good Night, and Good Luck" im vergangenen September beim Filmfestival von Venedig mit zwei Hauptpreisen für das Drehbuch und den großartigen Hauptdarsteller David Strathairn gefeiert wurde, war allen sofort klar, dass dieser Film über sich selbst hinaus weist. Wie sonst wäre ein Film über die McCarthy-Ära heute zu deuten?

Die Zeitreise zurück nach 1953/54, als der CBS-Fernsehmoderator Edward R. Murrow seine Stimme gegen Senator Joseph McCarthy erhob, wurde auch von der deutschen Kritik als trojanisches Arthouse-Pferd begrüßt – "vordergründig Historienstück über den Kommunistenjäger McCarthy und einen tapferen Journalisten, kaum verdeckt aber auch Parabel auf die Einschränkung bürgerlicher Freiheiten in den heutigen USA". Bei Clooney, dem "Star der A-Liga, der nicht nur gut aussieht, sondern auch weltanschaulich das Herz auf dem rechten (oder doch eher linken) Fleck hat", wissen wir, dass er "von McCarthy erzählt und den Patriot Act meint".

Zum Filmstart lastet somit die Meta-Ebene schon amtlich auf "Good Night, and Good Luck”, bevor die ersten Bilder ihre eigene Kraft entwickeln können. Gerade diese aber wirken zunächst wie ein Kontrastprogramm gegen das Über-sich-Hinausweisen.

Der Anfang etabliert nicht nur den doppelten Star des Films, David Strathairn als Reporterlegende Edward R. Murrow, sondern erklärt auch aus sich selbst heraus, warum "Good Night, and Good Luck" ein Schwarzweißfilm ist. Die Kamera ist zu Gast bei einem Empfang, dem "Salute to Edward R. Murrow” 1958. Wie bewegte Partyfotos montiert Cutter Stephen Mirrione die hellen Cocktailkleider, schwarzen Smokings, weißen Hemden, schwarzen Fliegen, brillantierten Scheitel eines weißen Amerikas. Schon hier fängt der Bildausschnitt der von Robert Elswitt dirigierten Kamera die Atmosphäre vor allem über Details ein – Details, für die schwarz und weiß völlig ausreichen. Mit dieser Eröffnungssequenz, dem Auftakt für die Rückblende ins Jahr 1953, schwindet der Wunsch nach Farbe, weil wir sie nicht brauchen.

Diese ganz und gar filmische Eröffnung, eine heute seltene Art von stoischem Kino, konkurriert sogleich mit einem dramatischen Gestus, der auf Überzeugung setzt. Die Rede Edward R. Murrows über Missstand und Verantwortung des Fernsehens leitet ermahnend über nach 1953. Hier erwarten uns klare Fronten. Auf der von Beginn an anderen Seite steht die als McCarthyism bekannte Hexenjagd auf alle, die im Sinne "unamerikanischer Aktivitäten” irgendeiner Sympathie für den Kommunismus beschuldigt werden.

Joseph McCarthy selbst ist der Antagonist dieses Films – präsent in den Folgen seiner Taten, seinen dämlichen Reden und schließlich auch mit dokumentarischen Fernsehbildern, in denen dem erhitzten Agitator das schüttere Deckhaar schweißschwer in die Stirn fällt. Als Gegenüber bilden Murrow und sein von George Clooney gespielter Produzent Fred Friendly die so elegante wie aufrechte Führung einer kleinen CBS-Phalanx, die in Murrows Sendung "See it Now” den Senator attackiert. Ihr Symbol ist die Zigarette. Hinter den Kulissen gibt Friendly seinem Freund Murrow Feuer und Rückendeckung, damit dieser vor der Kamera rauchen und die Wahrheit sagen kann. Wenn es noch einen Film brauchte, das Polit-Methadonprogramm der Sabine Christiansens und Peter Klöppels zu verachten und dagegen Günther Gaus von Herzen zu vermissen – hier ist er.

Der Ausgangspunkt ist ein ohne Beweise aus der Luftwaffe ausgeschlossener Pilot, bald genug aber geht es um das Prinzip des McCarthyism. Allem Druck durch Militärs, Vorgesetzte und Sponsoren zum Trotz, kommt es schließlich zum medialen Showdown zwischen Murrow und McCarthy, den der Moderator für sich entscheidet. Das Ende des Films ist auch das des Senators – die berühmte Demontage McCarthys durch Oberstaatsanwalt Welch ("Have you no sense of decency?”) in den Army-McCarthy-Hearings schließt sich direkt an seinen Auftritt in "See it Now” an.

So wird historisch Recht gesprochen nach einer 90-minütigen Anklage, die 2006 freilich keinerlei Verteidigung mehr herausfordert. Aus heutiger Perspektive ist McCarthy ein extrem dankbarer Gegner, sein Name Schrecken genug, sein Aussehen prädestiniert ihn zum Kino-Heavy, zum politischen Gangster. Genau so soll es bleiben, wenn mit diesem Fall eine Kritik der aktuellen US-Politik verbunden sein will. Und die hiesigen Lesarten zu "Good Night, and Good Luck” haben in George Clooney den besten Verbündeten. Immer wieder hat der Regisseur und Co-Autor klargestellt, die McCarthy-Ära weise "einige Parallelen zur aktuellen Situation auf”; in den Presseinformationen zum Film betont Clooney, "wie gefährlich eine Demokratie sein kann, wenn Angst (zum Beispiel vor Terrorismus) als Waffe missbraucht wird”.

Ganz unabhängig davon, wie konsequent oder eitel man es finden mag, dass George Clooney sich dabei gleich selbst als Lancelot an Murrows Tafelrunde inszeniert, oder ob man die Parallele zwischen McCarthy und Bush nachvollzieht: Angehoben auf dieses politische Level ist es bemerkenswert, dass die hier formulierte Kritik nie in Frage stellt, ob Kommunisten denn überhaupt verfolgt werden sollten. Murrows bestätigte Position zielt einzig auf die unrechten Methoden, die Vorverurteilungen, beschnittenen Grundrechte jener, die nicht nach einem ordentlichen Verfahren ihrer Schuld überführt worden sind. Die von Clooney selbst ins Blickfeld gezwungene politische Haltung seines Films erscheint so vielleicht weniger links oder besonders liberal, als vielmehr wie eine Kino-Übersetzung der Welch-Anklage: Haben Sie keinen Sinn für Anstand?

Anders politisch ist "Good Night, and Good Luck” auf seiner ästhetisch-konzeptionellen Ebene – in seiner Entscheidung, jeglichen Blick auf Privates oder Intimes seiner Figuren zu verweigern. Jedes Bild dieses Films ist immer Teil des Arbeitszusammenhangs von CBS. Dies ist die eigentliche, filmische Antwort auf die McCarthy-Methode, Privates öffentlich zu machen, um dort vermeintlichen Schmutz als Futter der nationalen Paranoia zu finden.



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