"Gottes Werk und Teufels Beitrag" Schlicht quillt das Herz über

Die Irving-Verflilmung "Gottes Werk und Teufels Beitrag" von Lasse Hallström hat sich heimlich und leise zum Oscar-Favoriten gemausert.

Von Rainer Fellmann


Hinein in die Nacht - Candy (Charlize Theron) und Homer (Tobey Maguire)
Kinowelt

Hinein in die Nacht - Candy (Charlize Theron) und Homer (Tobey Maguire)

Dass dieser Film überhaupt auf die Leinwand kommt, ist erstaunlich. 13 Jahre vergingen und drei Regisseure wurden verschlissen, bevor der vierte kam: Lasse Hallström ("Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa") zauberte zusammen mit Schriftsteller John Irving (Drehbuch) aus dessen Bestsellerroman "Gottes Werk und Teufels Beitrag" eine exzellente Kinoversion. Die Art und Weise, wie das Duo den umfangreichen Stoff filmisch verdichtet, ist so kunstvoll wie selten bei Literaturverfilmungen.

Die Vereinigten Staaten in den dreißiger Jahren. Für den äthersüchtigen Waisenhausleiter Dr. Larch (begnadet: Michael Caine) ist Homer Welles (Tobey Maguire) wie der eigene Sohn, den er nie hatte. Ihm lehrt Larch die hohe Kunst der Medizin, in der Hoffnung seinen Nachfolger gefunden zu haben. Umso größer ist die Enttäuschung, als Homer beschließt, sein Leben selbst zu bestimmen. Der stoische junge Mann verliert seine Passivität, als er erfährt, dass sein Mentor in einem Hinterzimmer des Waisenhauses Abtreibungen vornimmt. Für Homer eine medizinisch und moralisch verwerfliche Angelegenheit. Mit der Patientin Candy (Charlize Theron) und deren Freund Wally (Paul Rudd) bricht er auf zu neuen Ufern - zaghaft entschlossen, das Leben ohne den übergroßen Ziehvaters zu entdecken.

Die Literaturverfilmung ist konventionell in der Inszenierung und altmodisch in der Erzählung - und das ist gut so. Der Zuschauer hat Zeit, sich auf alles zu konzentrieren: nostalgische Bilder, vordergründig einfältige Gemüter, karge Lebensumstände und kleine Gefühle, die deshalb groß sind, weil sie gänzlich frei von pathetischer Süßlichkeit daherkommen.

Seit Wochen wird "American Beauty" als der Abräumer der diesjährigen Oscar-Verleihung gehandelt. Mit sieben Nominierungen entpuppt sich urplötzlich "Gottes Werk und Teufels Beitrag" als schärfster Konkurrent. Ohne viel Brimborium im Vorfeld - genau deshalb könnte er "American Beauty" sehr gefährlich werden.

"Gottes Werk und Teufels Beitrag" (The Cider House Rules), R: Lasse Hallström, D: Tobey Maguire, Charlize Theron, Michael Caine, USA 1999, 131 Minuten, Kinowelt

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