Grace Jones im Interview "Die Dunkelheit hat mich geprägt"

Anlässlich eines Dokumentarfilms über ihre schillernde Biographie spricht Grace Jones über Treffen mit dem FBI, Konzerte im All und was sie ihrer Mutter in den Tee tut.

Ascot Elite/ Kristian Sibast

Ein Interview von


An einem Abend nach der Weltpremiere des Dokumentarfilms "Grace Jones: Bloodlight and Bami" - in Deutschland läuft er dieser Tage an - hält Grace Jones Hof im Windsor Arms Hotel in Toronto. Lange nach der vereinbarten Zeit bittet sie in ein durch dicke Vorhänge abgetrenntes Séparée - und ist gleichzeitig Diva und doch unglaublich herzlich, mit festem Händedruck und lautem Lachen.

Mit dem geplanten Interview-Aufbau muss man sich nicht lange aufhalten. Dazu ist Jones zu abgelenkt, von dem Teller Steak und Fritten vor ihr, von der sich zusehends leerenden Rotweinflasche, aber auch vom Tennismatch zwischen Rafael Nadal und Juan Martin del Potro auf dem Bildschirm. Zudem sprudelt die 69-Jährige viel zu sehr vor Einfällen, um allzu lange bei einem Thema zu verweilen.

SPIEGEL ONLINE: Miss Jones, zu ihrem Erfolg schien immer auch eine gewisse Unnahbarkeit zu gehören. So als sei Grace Jones mehr Mythos und Kunstfigur als ein Mensch aus Fleisch und Blut. Haben Sie keine Bedenken, in "Grace Jones: Bloodlight and Bami" zu viel zu offenbaren?

Jones: Schon bei meiner Autobiografie habe ich gemerkt, dass es möglich ist, Persönliches preiszugeben und trotzdem ein Geheimnis zu bewahren. Denn wissen Sie was? Ich weiß selbst noch längst nicht alles über mich. Bis zu einem gewissen Grad bleibt doch jeder Mensch immer auch ein Mysterium, egal, wie viel er von sich erzählt.

SPIEGEL ONLINE: Aber gab es Momente und Situationen, die für die Regisseurin Sophie Fiennes und ihre Kamera tabu waren?

Jones: Nein, gar nicht. Sie bekam von mir eine Carte blanche. Wenn ich mich einmal entscheide, jemandem zu vertrauen, dann tue ich das auch, uneingeschränkt. Das Beste, was ich tun konnte, war einfach gar nicht über die Kamera nachzudenken. Hätte ich die ganze Zeit darüber nachgedacht, was ich später im Film sehen will oder was Sophie gerne zeigen würde, hätte ich mich total verkrampft.

SPIEGEL ONLINE: Stattdessen ließen Sie sich sogar nackt filmen...

Jones: Das ist doch nur ein winziger Moment gewesen! Ich war eigentlich ganz erstaunt, dass nicht viel mehr nackte Haut zu sehen ist. Denn zu Hause bin ich geradezu Nudistin. Meine Familie, meine engen Freunde - alle sehen mich ständig nackt. Das ist doch keine große Sache!

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie immer so frei?

Jones: Um Gottes Willen, nein, im Gegenteil. Sie sehen ja im Film, aus was für einem Kirchenumfeld ich stamme. Aber ich habe mich selbst befreit. Mein Hippie-Freund, mit dem ich damals zusammen war, das Nudisten-Camp in Philadelphia, die Halluzinogene, die ich genommen habe - das steht alles in meinem Buch. Als Model in Paris zu arbeiten hilft natürlich auch dabei, sich mit der eigenen Nacktheit wohlzufühlen. Hinter der Bühne einer Modenschau sind alle immerzu nackt. Dass ich so glücklich war als Mannequin hatte wirklich auch viel damit zu tun, dass ich mich nicht mehr in einem Umfeld befand, in dem ich mich ständig bedecken musste.

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"Grace Jones: Bloodlight and Bami": Das Mysterium

SPIEGEL ONLINE: Ihre Outfits spielen für Ihr Image und bei Ihren Auftritten eine große Rolle. Woraus speist sich Ihr Sinn fürs Visuelle?

Jones: Das lässt sich nicht mal eben in ein paar Sätzen auf den Punkt bringen, denn meine Inspiration setzt sich aus einer Vielfalt von Dingen zusammen. Ein wichtiger Faktor ist sicherlich schlicht und einfach meine Fantasie! Außerdem hatte es sicher einen großen Einfluss auf mich, dass ich in Jamaika aufgewachsen bin. Die Farben dort sind unglaublich, aber noch mehr geprägt hat mich die Dunkelheit. Wir hatten meistens keinen Strom, deswegen mussten wir uns mit Öllampen zu helfen wissen. Die machen das schönste Licht, das man sich vorstellen kann. Seither verstehe ich zum Beispiel etwas von Beleuchtung!

SPIEGEL ONLINE: Und wann begannen Sie, sich für Mode zu interessieren?

Jones: Schon in meiner Kindheit. Meine Mutter war eine tolle Näherin, von der ich mir früh ganz viel abgeguckt habe. Und mit meiner Tante habe ich immerzu gehäkelt. Daher habe ich meinen Blick für kleinste Details!

SPIEGEL ONLINE: Hat auch die Arbeit als Model in Paris Ihren Stil geprägt?

Jones: Nicht die Mode, die ich auf dem Laufsteg trug. Aber das Leben damals in Paris ohne Frage. Für die Model-Castings musste man sich natürlich selbst einkleiden, und weil wir natürlich alle nicht viel Geld hatten, musste man kreativ werden und mit nur ein paar Francs in der Tasche tolle Outfits kreieren. Jerry Hall und ich gingen immer shoppen in einem Laden namens "The Rag Queen", in dem eine Deutsche sehr billig Second-Hand-Mode verkaufte. Und was soll ich sagen? Die Mode-Leute in Paris liebten meinen Stil. Ich weiß noch, wie mal jemand eine ganze Modenschau nach dem Look stylte, in dem ich zum Casting erschienen war. Plötzlich trugen alle Models in der Show Hauben wie aus den Zwanziger und Dreißigerjahren. Dabei hatte ich mir nur so eine aufgesetzt, weil ich einen rasierten Schädel hatte und gefroren habe! Eine meiner verrückten Ideen eben.

SPIEGEL ONLINE: Was war die verrückteste Idee, die Sie je hatten?

Jones: Ich habe jeden Tag fünf Stück, wie soll ich da auswählen? Aber ich erinnere mich immer gerne an meine Idee, gemeinsam mit Michael Jackson und David Bowie ein Konzert im Weltall zu geben, an Bord eines Space Shuttles. Ich war kurz davor, Bill Gates um Geld dafür anzuhauen. Hätte ich das doch mal gemacht...

SPIEGEL ONLINE: Wir müssen ohnehin noch über Ihre Musik sprechen, die in "Bloodlight and Bami" dem Film die Struktur gibt. Sind Sie es manchmal leid, dass die Leute auch nach über 30 Jahren vor allem "Pull Up to the Bumper" oder "Slave to the Rhythm" von Ihnen hören wollen?

Jones: Oh nein, niemals. Meine Songs sind wie meine wunderschönen Kinder für mich, denen kann ich nie überdrüssig werden. Und selbst wenn ich nie wieder einen neuen Song aufnehmen würde, käme keine Langeweile auf. Denn wenn ich auftrete und diese Lieder singe, sorge ich immer für Abwechslung und nehme Veränderungen vor. Wenn meine Stimme zum Beispiel mal nicht so fit ist, kann es schon mal vorkommen, dass ich einen Song spontan rappe. Oder ich singe ihn im Opern-Stil.

SPIEGEL ONLINE: Egal, ob musikalisch oder als Stilikone - Sie wirken zeitlos und so cool wie in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Gibt es dafür ein Rezept?

Jones: Glauben Sie, ich würde es verraten, wenn es eines gäbe? Für mich ist das Wichtigste auf jeden Fall, nicht in der Vergangenheit zu leben. Nostalgie interessiert mich nicht. Ich lebe in der Gegenwart und blicke nach vorne, in die Zukunft. Ich trete nicht in Retro-Shows auf, sondern bei Festivals wie Afropunk oder Wilderness, denn da tummeln sich die jungen Leute von heute. Das ist meine Welt, nicht die Erinnerung an irgendetwas, das längst vorbei ist.

SPIEGEL ONLINE: Das erklärt trotzdem nicht, warum Sie fitter sind als manche 30-Jährige...

Jones: Meine Gene sind großartig, das kann man nicht anders sagen. Mein Vater, der Amateurboxer war bevor er Priester wurde, sah selbst bei seinem Tod mit 84 Jahren Jahrzehnte jünger aus. Und meine Mutter hat heute, mit 88 Jahren, noch immer keine wirkliche Falte. Wobei die beiden natürlich ein anderes Leben geführt haben als ich. Traubensaft zum Abendmahl, keine Zigaretten, der Wahnsinn. Manchmal tue ich meiner Mutter heimlich ein bisschen Marihuana in den Tee, damit sie besser schläft, aber das war's. Da muss ich bei meinem Lebensstil natürlich etwas mehr für meine Fitness tun. Aber ich war schon als Kind Leichtathletin und habe Sport immer geliebt. Wenn ich an all die Gewichte denke, die ich in meinem Leben gestemmt habe! Heute ist mir Schwimmen das Wichtigste, am liebsten im Meer. Zwei Stunden im Ozean tun Wunder fürs Gleichgewicht!

SPIEGEL ONLINE: Im Mai werden Sie 70 Jahre alt. Bedeutet Ihnen die Zahl überhaupt irgendetwas?

Jones: Glauben Sie mir, mein Alter ist mir wirklich vollkommen egal. Anders als offenbar dem FBI. Als ich kürzlich einen neuen Reisepass beantragen musste, wurde ich vorgeladen! Wie sich herausstellte, waren sie irritiert, weil auf Wikipedia ein anderes Geburtsdatum zu finden war als in meinem Pass. Das kam ihnen wohl verdächtig vor. Seither kennt man beim FBI also mein exaktes Alter. Und allen anderen darf es gerne genauso unwichtig sein wie mir!


"Grace Jones: Bloodlight and Bami" von Sophie Fiennes ist vom 24. bis 31. Januar in einigen Kinos zu sehen und ab dem 9. März auf DVD und Blu-ray verfügbar.

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two-wheels 21.01.2018
1. Wenn ich heute
immer wieder mal Stücke von Grace höre, läuft mir nach 30 Jahren immer noch der Schauer über den Rücken. Sie war damals, wie heute, der einzige Popstar, der es verstand, trotz aller sexuellen Anspielungen immer eines suggerierte: Mich bekommst du nie!!!. Das Alice Schwarzer sie immer als Sexsymbol verachtete, sei ihr verziehen, im Strickpulli mit Schlabberkragen, kann ich mir Grace nicht so wirklich vorstellen.
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