Graffiti-Film "Wholetrain" Sprühen vor Leidenschaft

Bomben, batteln und sprayen - und die Stadt zur Leinwand machen: Florian Gaags exzellentes Kinodebüt präsentiert eine Graffiti-Crew als moderne Helden zwischen Alltagstress und künstlerischer Passion.

Von Daniel Haas


Sie tragen schwarze Strumpfmasken, ihre Waffen füllen ganze Sporttaschen. Sie agieren nachts und attackieren Züge und Häuserwände. Die Stadt ist ihr Ziel und alle sollen ihre Attentate sehen.

Florian Gaag hat einen kleinen Film über Graffiti-Sprayer gedreht und ein großes Porträt subkultureller Ninjas geschaffen. Und nebenbei auch noch die Misere eines Milieus in den Blick genommen, das jedes Kind aus einschlägigen Rap-Songs kennt: Allein erziehende Eltern, Geldnot, nur die Gang gibt Halt und Orientierung.

Die Waffen, das sind die Sprühdosen, die David (Mike Adler), Tino (Florian Renner) und Elyas (Elyas M'Barek) im Baumarkt klauen. Im Dunkeln schleichen sie sich in ein Stellwerk, dort wo ihre Leinwände zu finden sind: Züge, die mit Schrift und Bildern bombardiert werden. Das Ziel ist ein so genannter wholetrain: einen kompletten Zug in Zeichen einzuhüllen, um ihm nächsten Tag als gigantisches Tableau durch die Stadt rollen zu sehen.

Doch die Helden von Gaags exzellentem Film müssen kämpfen für ihre Kunst: gegen die Zivilfahnder, von denen sie regelmäßig gefilzt werden; gegen feindliche Crews, die ihnen den Rang ablaufen wollen; gegen den täglichen Stress als McJobber in einer europäischen Großstadt.

Gaag begreift seine Figuren als postmoderne Guerilleros, entlässt sie aber nicht ins romantische Outlaw-Dasein jenseits ökonomischer und politischer Zwänge. Deshalb spitzt sich die Lage auch immer weiter zu: David ist schon mehrere Male geschnappt worden und nur noch auf Bewährung frei; Tino haust immer noch bei seiner Mutter und schlägt sich nur mäßig als Vater einer kleinen Tochter.

Dazu muss im täglichen Wettbewerb mit anderen Sprayer-Gruppen der eigene Stil weiterentwickelt, die Technik vorangetrieben, das Risiko erhöht werden. "Deine Crew ist Old School!", bekommt David einmal zu hören, die schlimmste aller möglichen Kränkungen.

Alte Schule, das heißt: nicht innovativ, sondern antiquiert, von gestern. Tatsächlich tobt zwischen den Gruppen eine querelle des anciens et des modernes, zwischen Traditionalisten und Neuerern. "Wir sind 'ne Fingermalgruppe gegen die", beschimpft Tino seinen Freund. "Wenn wir jetzt kein piece abliefern, können wir uns mit Frauen in der Volkshochschule batteln!" Weil artistisches Scheitern bedrohlicher ist als Verhaftung und Gefängnis, rüstet die Truppe zu einer finalen Aktion mit gravierenden Folgen.

"Wholetrain" hat den Look des Dokumentarfilms; schnelle Schnitte und minimale Lichtregie sorgen für den Eindruck von Authentizität. Der Film ist zugleich aber auch eine soziale Utopie, die den Kreativen weder als abgezockten Nutznießer einer medialisierten Gesellschaft noch als Opfer seiner avantgardistischen Ansprüche zeigt. Nicht umsonst wurde der Soundtrack von HipHop-Veteran KRS One eingespielt: Der New Yorker gilt seit den Neunzigern als einer der politischsten Köpfe des Rap. Seine Verbindung von Kritik und Kunst passt gut zu Gaags Projekt einer Vermittlung von Ethik und Ästhetik. In der Sprayer-Crew gehen Stilwille und Loyalität einher. Ehrgefühl und artistischer Anspruch gehören zusammen.

Die Deutsche Bahn wollte mit "Wholetrain" nicht in Verbindung gebracht werden, deutsche Züge und Bahnhöfe waren tabu. Monate lang suchten Gaag und sein Team nach einem Drehort, bis sie in Warschau fündig wurden. Sie haben es der Stadt gedankt - mit rollenden Kunstwerken, die dem öffentlichen Raum für die Dauer einer Bahnfahrt etwas zurückgaben, was selten geworden ist: Humor, Provokation, ein bisschen Magie.



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