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"Gravity"-Regisseur Cuarón: "Und die Achterbahnfahrt beginnt sofort"

Ein Interview von Roland Huschke

Schon kurz nach dem Start gilt das Weltraumdrama "Gravity" als neuer Science-Fiction-Klassiker, bricht alle Kassenrekorde. Was macht den Film so fesselnd? Regisseur Alfonso Cuarón spricht über den Sturz in den Abgrund, die Magie von Sandra Bullock und die Tricks seiner Geeks.

SPIEGEL ONLINE: Señor Cuarón, wie kommt man auf die kühne Idee, ein 3-D-Drama über verunglückte Astronauten zu drehen, das ausschließlich in der Schwerelosigkeit des Weltraums spielt - und für dessen Umsetzung die Technik jahrelang entwickelt werden musste?

Cuarón: Am Anfang stand ein einziges Motiv: Ein Astronaut trudelt ins Dunkel des Alls. Ein Sturz in den Abgrund, wörtlich und psychologisch, der symbolisch für mein Ziel des "puren Kinos" stand, wie es Hitchcock nannte.

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie das bitte mal am Beispiel von "Gravity".

Cuarón: Schauen Sie: Mainstream-Filme könnte man auch mit geschlossenen Augen sehen und verpasst trotzdem nichts. Die Figuren erzählen alles, wie bei einer Radiosendung, nur mit Bildern. Man sieht aber auch nichts Neues, wenn man die Augen öffnet: Die Bildkompositionen vieler großer Hollywoodfilme sind leer und rein funktional. Pures Kino hingegen muss seine Wirkung auch stumm entfalten können. Alles ist der Idee untergeordnet, eine Einheit von Bildern, Technik und Geschichte zu schaffen, die dich wenigstens für einen Moment aus deiner Welt trägt. Die vergessen lässt, dass du im Kino sitzt und eine blöde 3-D-Brille auf der Nase trägst. Darum haben wir in "Gravity" auf eine Vorgeschichte oder auf Rückblenden zur Erde verzichtet. Ich wollte 90 Minuten Intensität. Und die Achterbahnfahrt beginnt sofort, sobald das Nasa-Team in einen Schwarm tödlichen Weltraumschrotts gerät.

SPIEGEL ONLINE: Sie schrieben das Drehbuch zusammen mit ihrem Sohn. Ahnten Sie da nicht schon, wie schwer die Umsetzung würde?

Cuarón: Ich liebe den Schreibprozess! Dann kann ich mich ganz meiner Vorstellung hingeben und muss noch nicht mit Produzenten und Problemen kämpfen. "Gravity" wäre wahrscheinlich nie Realität geworden, wenn ich nicht "Avatar" gesehen hätte. James Cameron hat damit eine Tür für Filmemacher aufgestoßen, weil er bewiesen hat, dass visuelle Effekte keine Gimmicks sind, sondern ein künstlerisches Werkzeug, mit dem wir alles im Kino zeigen können, was wir uns erträumen.

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"Gravity": Zwei Weltstars im Weltall
SPIEGEL ONLINE: Cameron und David Fincher haben Sie sogar gewarnt: Ambitionierte Idee, doch die Technik für realistische Schwerelosigkeit existiert schlichtweg nicht.

Cuarón: Stimmt. Filme wie "Apollo 18" haben mit Kabeln vor dem Blue Screen oder mit der Technik im Trainingszentrum der Nasa gearbeitet. Ich wollte einen Schritt weiter - und das war unmöglich mit den üblichen Mitteln. Vielleicht hätte ich auf die Kollegen hören sollen, denn insgesamt stecken viereinhalb Jahre Arbeit in "Gravity". Das muss ich wirklich nie wieder erleben.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat man sich einen typischen "Gravity"-Drehtag vorzustellen?

Cuarón: Nichts war typisch. Unser Set hätte auch als bizarre Kunst-Installation durchgehen können. Mit einem Würfel am Ende des Raumes, in den eine lange Schiene für einen dieser Roboter führte, die sonst Autos bauen. Umgeben von tanzenden Lichtern und Reihen um Reihen an Computern, an denen unsere Geeks die Abläufe programmierten. Darum führen wir sie in den Credits auch zuerst an - traditionelles Crew-Personal haben wir deutlich weniger beschäftigt.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als ob Regisseure inzwischen ein Physikstudium gebrauchen könnten.

Cuarón: Ich bin kaum in der Lage, fehlerfrei E-Mails zu verschicken, und die Jungs haben so viel geschaffen, was ich nie verstehen werde. Ich will aber auch nicht alle Tricks verraten. Es ist schließlich Entertainment, und wenn du in eine Copperfield-Show gehst, willst du auch nicht wissen, wie die Nummer funktioniert. Vereinfacht ausgedrückt ist die Illusion der Schwerelosigkeit nur möglich, weil sich Sandra Bullock und George Clooney zehn Stunden am Tag in diesen blickdichten Würfel setzten, um darin monatelang trainierten Bewegungsabläufen zu folgen. Wie Tänzer einer komplizierten Choreografie, mit LED-Lichtern als Positionierungen, um für den Film den Widerschein der Erdoberfläche auf ihren Helmen zu koordinieren. Sehr komplex.

SPIEGEL ONLINE: Wie dirigiert man Schauspieler, wenn man sie nur über Monitor sehen kann?

Cuarón: Man engagiert Leute, die so leidenschaftlich sind wie man selbst. Sonst wären wir alle wahnsinnig geworden. Dabei gilt den Schauspielern meine volle Bewunderung. Sie mussten sicher sein wie "Cirque de Soleil"-Artisten, dabei hatten sie tausend Techniker im Ohr - und trotzdem zeigten sie zutiefst intime und subtile Schauspielerei.

SPIEGEL ONLINE: Hauptfigur ist eine als Astronautin unerfahrene Wissenschaftlerin, die ihre Tochter verloren hat und in der Einsamkeit des Alls nach neuer Lebenskraft sucht. Anfangs war Angelina Jolie für die Rolle im Gespräch, warum wurde es Sandra Bullock, die eher selten dramatische Stoffe spielt?

Cuarón: Die Gespräche mit Angie sind lange her, da existierte der Film nur auf dem Papier. Bis wir dann so weit waren, hatte sie andere Aufträge. Kann passieren. Wir haben viele Kandidatinnen getestet, auch Unbekannte, doch das richtige Gefühl hatte ich nur bei Sandra. Ich arbeite am liebsten mit Schauspielern außerhalb ihrer Komfortzone. Außerdem hat Sandra diese magische Verbindung zum Publikum, die nur Stars haben. Als Zuschauer vertrauen wir ihnen, wir sind bei ihnen - auch wenn der Weg in den Horror führt.

SPIEGEL ONLINE: "Gravity" arbeitet, wie schon Ihr Film "Children of Men", mit ultralangen Einstellungen und einer sehr metaphorischen Bildsprache - Bullock in einer Fötushaltung, die an "2001" erinnert, eine Evolutionssequenz. Wie wichtig ist es Ihnen, dass Ihre Filme nicht nur als reine Unterhaltung dienen?

Cuarón: Die einen werden hoffentlich eine coole Zeit im Kino verbringen. Andere interessieren sich dafür, in den Bildern zu lesen. Beides freut mich. Mein Anspruch ist allein, nichts als Selbstzweck zu zeigen. Alles Spektakel wäre wertlos, wenn man nicht ganz nah bei dieser Frau ist, die nichts weniger als ihre persönliche Wiedergeburt erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn jetzt das Gefühl, Ihrer Idee des puren Kinos nahe gekommen zu sein?

Cuarón: Ich finde immer etwas, das man besser machen müsste und was ich dann korrigieren will.

SPIEGEL ONLINE: Auch noch kurz vor dem Start eines Films?

Cuarón: So lange es geht. Denn wenn der Film erst beim Publikum ist, sehe ich ihn nie wieder. Ich habe keinen meiner Filme nach der Veröffentlichung je wieder angeguckt - ich würde mich doch nur darauf konzentrieren, was mich stört. Manchmal zappe ich im Fernsehen zufällig in einen meiner Filme rein. Das ist, als sähe man ein Video der eigenen Eltern beim Sex - sofort umschalten! Viele meiner Kollegen betrachten ihre Filme als ihre Babys, die sie mit immer neuen Kommentaren und Editionen pflegen. Meine Filme sind nicht meine Kinder, sondern eher Ex-Frauen. Ich liebe sie, sie haben mir viel gegeben. Aber auf keinen Fall möchte ich wieder mit ihnen zusammen sein.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie sich den Abend der Oscar-Verleihung frei halten?

Cuarón: Hören Sie auf! Die Spekulationen machen mich jetzt schon wahnsinnig. Ich erwarte nichts. Aber falls sie mich einladen, werde ich es nicht so wie Woody Allen machen, der ja immer zu Hause bleibt.

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insgesamt 71 Beiträge
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1.
Sikozu 07.10.2013
Danke für diesen großartigen Film Alfonso! :)
2. Sandra Bullock...
hatem1 07.10.2013
ist einfach grandios in diesem Film. Hätte ich nicht erwartet von "Miss Undercover"... Und der Film ist klasse. Zum ersten Mal, dass ich 3D nicht als Gimmick, sondern als echten Gewinn empfand.
3. Geht gar nicht ...
reever_de 07.10.2013
Sorry, aber es fällt mir schwer, mir Sandra Bullock in einer "ernsthaften Rolle" vorstellen ... allein schon wegen der quietschigen deutschen Synchronstimme; die versaut alles ... ;)
4. Coole Ex-Frau ;)
bitboy0 07.10.2013
Endlich ein Film der nahezu alles auch so zeigt wie es sich da draußen physikalisch wirklich verhält. Ich mag auch Sandra Bullok sehr! Vielleicht ist sie bei manchen so unbeliebt weil sie "echt" ist und auf eine gewisse Art gewöhnlich? Aber auf der anderen Seite habe ich ihr auch jede Rolle "abgekauft" die sie gespielt hat. Der liebe George ist mir hier aber etwas auf den Zeiger gegangen! Ausgerechnet jemand der seine Gefühle nur hinter albernen Sprüchen versteckt soll hier der Dr. Stone einen Weg zeigen ihre Gefühle zuzulassen und zu verarbeiten? Ob die russische/chinesische Technik wirklich so viel aushalten kann, wie es im Film gezeigt wird, kann ich nicht beurteilen, aber es hat dem Film nicht geschadet! Spannend von Anfang an! Herr Cuarón, vielleicht sollten sie doch noch mal einen Augenblick drüber nachdenken; So schlecht ist diese "Exfrau" nicht! Ich bin wirklich beeindruckt!
5. Wahnsinn!
unique-style 07.10.2013
Habe den Film im IMAX 3D gesehen. Einfach Wahnsinn. War 90 Minuten lang angespannt! Ganz großes Kino.
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Zur Person
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Alfonso Cuarón, 1961 in Mexiko City als Sohn eines Nuklearphysikers geboren, studierte Film und Philosophie. Nach seinem Regie-Debüt "Solo con tu pareja" (1991) wurde er von Sydney Pollack für die TV-Krimireihe "Fallen Angels" (TV, 1993) engagiert. In dieser Krimireihe wurde jeweils eine Episode von einem Jung-Regisseur übernommen, unter anderem auch von Steven Soderbergh. In Hollywood drehte Cuarón danach die Literaturverfilmungen "Little Princess" und "Great Expectations". Doch ein in Mexiko gedrehter Film brachte ihm einen Drehbuch-Oscar ein: der Roadmovie "Y tu mamá también" (2001). Sein nächstes Werk spaltete das Publikum: Viele Rowling-Leser kritisierten Cuaróns Umgang mit der literarischen Vorlage, dem dritten "Harry Potter"-Band, während Kinofreunde seine Interpretation des "Gefangenen von Askaban" lobten. Einhellig hingegen war 2006 das Lob für den Science-Fiction-Thriller "Children Of Men", für den Cuarón mit Oscars in den Kategorien Schnitt und Drehbuch ausgezeichnet wurde. Auch beim Filmfestival in Venedig wurde er daführ erneut geehrt. 2013 hatte dort sein Weltalldrama "Gravity" Premiere - außer Konkurrenz.

Gravity

USA/UK 2013

Regie: Alfonso Cuarón

Buch: Alfonso Cuarón, Jonás Cuarón

Darsteller: Sandra Bullock, George Clooney

Produktion: Warner Bros., Esperanto Filmoj, Heyday Films

Verleih: Warner Bros.

Länge: 90 Minuten

Start: 3. Oktober 2013



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