"Green Book"-Star Mahershala Ali "Steht irgendwo, dass ein Film nur dann gut ist, wenn man völlig verstört aus dem Kino kommt?"

Auf dem Weg zum zweiten Oscar: US-Schauspieler Mahershala Ali über seine Rolle im Film "Green Book", unfaire Ansprüche an schwarzes Kino und die Kritik, in einem Wohlfühlfilm über Rassismus mitzuspielen.

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Zur Person
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    Mahershala Ali, 1974 in Oakland, Kalifornien geboren, heißt eigentlich Mahershalalhashbaz nach einer biblischen Figur. Für seine Darstellung des Drogendealers Juan in "Moonlight" gewann er 2017 den Oscar als bester Nebendarsteller. Zurzeit spielt er die Hauptrolle in der dritten Staffel von "True Detective". Mit "Green Book" ist Ali erneut für einen Oscar nominiert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ali, 2017 gewannen Sie einen Oscar als bester Nebendarsteller in "Moonlight". In "Green Book" (unsere Filmkritik lesen Sie hier) teilen Sie sich nun die Hauptrolle mit einem sehr raumgreifenden Viggo Mortensen. Warum so bescheiden?

Ali: Zunächst hatte ich tatsächlich erst einmal mit der Idee herumgespielt, ein großes Action-Projekt anzunehmen und durch diesen ganzen Blockbuster-Prozess zu gehen. Aber daraus wurde nichts, und das führte zu der Überlegung, stattdessen etwas eher Kleineres, Intimeres zu wählen und das Momentum meines Oscar-Gewinns auszunutzen, um wirklich in die Tiefe zu gehen. Zuvor hatte ich noch nicht die Möglichkeit gehabt, derart präsent in einem Projekt zu sein und meinen Filmcharakter gleichzeitig durch eine so komplizierte Reise zu navigieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen den Konzertpianisten Don "Doc" Shirley, der in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts zusammen mit seinem weißen Fahrer und Bodyguard Tony Vallelonga eine Tournee durch den rassistischen Süden der USA unternimmt. Eine wahre Geschichte. Was genau reizte sie daran?

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Mahershala Ali: Der sanfte Perfektionist

Ali: Don Shirley ist der isolierteste Charakter, den ich bisher spielen durfte, ganz anders als der selbstbewusste Lobbyist Remy Danton in "House of Cards" oder der warmherzige Juan in "Moonlight". Ich liebe die Transformation in eine Rolle, und ich benutze subtile Methoden dafür. Sie sind nicht ganz so extrem wie das, was Viggo in "Green Book" macht: Ich verändere die Art, wie ich spreche, ich frage mich, wieviel mein Charakter wiegt, wie er sich bewegt. So etwas macht mir am meisten Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Die Dynamik zwischen Ihnen und Viggo Mortensen ist toll, Kritiker warfen aber "Green Book" vor, eine allzu versöhnliche Wohlfühlgeschichte zu erzählen. Wie sehen Sie das?

Ali: Ich frage mich, warum es den Film entwertet, wenn er Erbauung transportiert. Steht irgendwo im Kleingedruckten, dass ein Film nur dann gut ist, wenn man völlig verstört aus dem Kino kommt? Ich empfinde es als große Leistung, eine Geschichte mit so vielen Höhen und Tiefen zu erzählen - und das Publikum am Ende trotzdem mit einem guten Gefühl zu entlassen. Und ich halte es für wichtig, dass es auch weiterhin einen Platz für diese Art von Filmen gibt. Wir brauchen auch emotionale Diversität.

SPIEGEL ONLINE: Wird es vor allem dem weißen Publikum in "Green Book" nicht zu einfach gemacht, sich von dem im Film gezeigten Rassismus zu distanzieren?

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"Green Book": Schwarzes Drama, weißer Bauch

Ali: Vielleicht. Aber wer sagt denn, dass jeder Film, der sich mit Rassismus beschäftigt, schwergängig und unerbittlich sein muss? Es gibt herzzerreißende Momente in "Green Book", aber auch lustige, und wir brauchen all das. Ich finde es ein bisschen unfair: Filme mit und über Schwarze sollen ständig jedes nur denkbare Kontrollkästchen abhaken und auf jede kulturelle Befindlichkeit Rücksicht nehmen. Das ist ehrlich gesagt unmöglich. Auf "weißen" Filmen lastet dieser Druck nicht, im weißen Kino kann jeder machen, was er will. Davon abgesehen: Wenn Leute sagen, "Green Book" ist ein Film über Rassismus, bei dem sich Weiße am Ende besser fühlen, also wenn das das einzige ist, was sie sagen, dann sind wir mit diesem Projekt gescheitert.

SPIEGEL ONLINE: Worüber sollen die Leute denn stattdessen reden?

Ali: Wie wäre es mit einem Gespräch über Don Shirley? Er war ein Wunderkind am Piano, sprach acht Sprachen, war eng mit den Kennedys befreundet - und begab sich in aufopfernder Weise auf diese Tournee durch die Südstaaten, die er überhaupt nicht hätte machen müssen. Das Geld brauchte er nicht. Er hätte jederzeit abbrechen können und in den sicheren Norden zurückkehren können. Wann in den Sechzigerjahren haben wir einen afroamerikanischen Charakter mit dieser Form von Power gesehen, reich, kultiviert und gebildet? Ich glaube, wir würden der Kultur als Ganzes nicht gerecht, wenn wir diesen Film nur auf ein Thema reduzieren und diesen hochdynamischen Charakter als selbstverständlich betrachten. Das fände ich respektlos.

SPIEGEL ONLINE: Shirley war ein kultureller Grenzgänger. Die weiße Welt der klassischen Musik lehnt ihn als schwarzen Konzertpianisten ab, aber die "schwarze" Kultur blieb ihm ebenfalls fremd.

Ali: Ja. Die Gesellschaft hatte keinen Platz für ihn, es gab keine Gruppe, der er sich zugehörig fühlen konnte. Seine Hautfarbe erlaubte es ihm nicht, die Musik zu spielen, für die er brannte, er galt nach damaligen Moralvorstellungen ja noch nicht einmal als richtiger Mann. Er war jemand, der verzweifelt nach sich selbst und einer Rolle in dieser Kultur suchte.

SPIEGEL ONLINE: Hätte es Don Shirley heute leichter als in den Sechzigern?

Ali: Ich bin sicher, es wäre komfortabler für ihn, dann wiederum glaube ich nicht, dass es heute viel mehr schwarze Pianisten gibt, die von der Klassikszene umarmt werden. Zurzeit beginnt aber glücklicherweise eine gesellschaftliche Konversation darüber, warum und in welcher Form sich Menschen nicht akzeptiert fühlen, nicht nur in den USA, sondern global. Vieles ist dabei, sich zu verbessern, aber es wäre auch heute noch ein Kampf für Shirley. Das ist eine Botschaft unseres Films: Er und Nick Vallelonga mögen letztlich ihre Gemeinsamkeiten entdecken, er mag es sogar in sich gefunden haben, "schwarze" Musik zu spielen. Aber am Ende ist Shirley immer noch alleine damit, sich künstlerisch und persönlich nicht frei entfalten zu können.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst kommen erst jetzt, mit Mitte 40, dazu, sich als Schauspieler mit anspruchsvollen Rollen zu verwirklichen. Gibt Ihnen der Erfolg und die Aufmerksamkeit ein Gefühl der Erfüllung?

Ali: Definitiv. Aber größere Möglichkeiten bringen auch größere Verantwortung mit sich. Künstler zu sein, bedeutet für mich, sich dem Prozess vollständig hinzugeben: immer zu arbeiten, immer auf Verbesserung zu drängen, immer zu beobachten, zu wachsen. Mehr Raum zur Entfaltung zu haben, bereitet mir große Freude, dieser Raum hat jedoch einen Preis, und der heißt Arbeit, viel Arbeit. Aber diese Herausforderung bevorzuge ich allemal gegenüber früher, als ich noch auf der anderen Seite stand und Erfüllung nur eine Hoffnung war.



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