Grenzgängerin: Die Grenzenlose

Von Daniel Sander

Ihre Karriere führte sie vom Kosovo nach Cannes. Die Schauspielerin Arta Dobroshi wird es noch weit bringen.

Auf einmal war sie da, die Chance, auf die sie gewartet hatte, von der sie wusste, dass sie eines Tages kommt. Sie war gerade für ein Theaterstück in Sarajevo, ein Casting-Agent war am Telefon. Ob sie die Dardenne-Brüder kenne, das Regie-Duo aus Belgien, die würden für ihren neuen Film eine Hauptdarstellerin aus Albanien oder dem Kosovo suchen. Es gebe da bald ein Vorsprechen. Bin dabei, sagte Arta Dobroshi, atmete durch und musste einen Moment lang an die Preise denken, mit denen Jean-Pierre und Luc Dardenne für fast jeden ihrer Filme zugeschüttet werden, allein in Cannes gab es schon zweimal die Goldene Palme. Sie stellte sich vor, ganz kurz nur, wie sie selbst die Croisette entlangflanieren würde, Blitzlichter um sie herum. Gefiel ihr, der Gedanke.

Eine Sache noch, sagte der Casting-Mann, ob sie denn auch Französisch könne, das wäre wichtig.

Kein Problem, Grundkenntnisse seien vorhanden.

Sieben Wörter gehen als Basiswissen durch, dachte sie, irgendjemand hatte ihr doch mal die Wochentage beigebracht. Montag war Lundi, was hieß doch gleich Dienstag? Alles andere könnte sie ja noch lernen, wenn sie die Rolle erst bekommen hätte.

Die Dardenne-Brüder sahen das dann auch so. Dass sich Arta Dobroshi von so etwas Läppischem wie einer fehlenden Fremdsprache nicht aufhalten lässt, merkt jeder, der sie kennenlernt. Sie ist einer dieser Menschen, die nur lächeln müssen, und alle sehen sie an. Ein natürlicher Mittelpunkt, zum Star geboren, das passiert eben auch im Kosovo.

Innerhalb von zwei Monaten lernte sie Französisch, fließend, "dafür musste ich nur mein soziales Leben beerdigen", sagt sie. "Ich war wie besessen." Währenddessen begannen die Proben für "Lornas Schweigen", die Geschichte einer jungen Albanerin (Dobroshi), die im belgischen Lüttich für die Staatsbürgerschaft einen Junkie (Jérémie Renier) heiratet und dann, wie immer bei Jean-Pierre und Luc Dardenne ("Das Kind"), in ein tiefes moralisches Problem gerät: Denn als Belgierin soll Lorna einen russischen Gangster heiraten, der auch gern EU-Bürger wäre und ihr und ihrem Mittelsmann Fabio (Fabrizio Rongione) viel Geld geboten hat. Dafür muss der erste Ehemann aber aus dem Weg geräumt werden, und eine zufällige Überdosis wäre weniger auffällig als eine Scheidung.

Etwa fünf Monate dauerten Proben und Dreharbeiten, "eine extrem konzentrierte, intensive Zeit", erzählt sie. "Das ganze Team lebt und atmet bei den Dardennes während dieser Phase nur für den Film, ein Traum für jeden Schauspieler." Apropos Traum: Die Weltpremiere von "Lornas Schweigen" fand natürlich beim Festival in Cannes statt. "Da wurde es dann wirklich surreal."

Der Film kam bei den Kritikern gut an, am allermeisten aber ihre Leistung. "Le Monde" nannte sie eine Entdeckung, für die "Süddeutsche Zeitung" war sie wundervoll, Hollywoods Zentralorgan "Variety" fand sie "glänzend" und lobte ihre "ruhige Intensität". Ziemlich gut für eine Schauspielerin, die bis dahin in einer Handvoll albanischer Spielfilme mitgespielt hat und sonst am ehesten noch Kennern der osteuropäischen Theaterszene ein Begriff war.

"Das mag blöd klingen", sagt Arta Dobroshi, "aber ich habe immer daran geglaubt, dass ich das schaffen kann." Sie lebt jetzt die meiste Zeit in Belgien, zum Interview hat sie aber in das Haus ihrer Eltern in die Hauptstadt Pristina geladen, wo sie mit ihrem belgischen Freund Urlaub macht - eine kleine Villa am Hang mit einem märchenhaft angelegten Garten und Blick über die Dächer der Stadt. Es ist ein lauer Spätsommerabend, sie nippt an ihrem Rotwein und schaut hinunter auf die Lichter, die überall angehen. "Seit ich hier auf der Kunstakademie war, hieß es immer: 'Als Schauspielerin aus dem Kosovo hast du international keine Chance.' Habe ich nie einsehen wollen. Die Welt ist doch eigentlich ziemlich klein. Was in Pristina geht, kann auch in Paris funktionieren oder in London, in Los Angeles. Warum sich selbst Grenzen setzen?"

Diese Einstellung pflegt Dobroshi, Jahrgang 1979, seit sie mit 15 von ihren Eltern für ein Jahr nach North Carolina geschickt wurde, um dort zur Schule zu gehen. Danach war sie für ein weiteres Jahr bei Verwandten in Albanien, weil es ihre Eltern für sie im Kosovo langsam zu gefährlich fanden, es sah nach Krieg aus. Sie begann Theater zu spielen und stellte fest, dass sie Schauspielerin werden musste - "alles andere wäre Verrat an mir selbst gewesen" - und kehrte zurück in die Heimat. Während des Kosovo-Kriegs war sie in Pristina an der Kunstakademie, studierte Schauspiel und versuchte sich von dem Chaos um sie herum möglichst wenig beeindrucken zu lassen.

Stattdessen begann sie ihre Karriere zu planen, spielte so viel Theater wie möglich und suchte Kontakte nach Albanien, wo es im Gegensatz zum Kosovo Spuren einer Filmindustrie gab. Fernsehen kam nicht in Frage, sie hatte schließlich noch Großes vor und wollte nicht in einer Schundserie landen, aus der man nicht wieder herauskommt. "Ich weiß, dass ich Glück hatte", sagt sie heute. "Meine Eltern haben mich immer unterstützt, ich war finanziell abgesichert und musste keine Rollen annehmen, bei denen sich mir der Magen umgedreht hätte."

Langsam wurde sie bekannt im Kosovo, aber auch hier ging es erst nach ihrem Auftritt in Cannes richtig los. "Ich glaube, den Leuten hat das gutgetan - eine von ihnen in Cannes, endlich mal ein anderes Bild vom Kosovo, das in die Welt gesandt wird, als die üblichen Berichte von Gewalt und Unruhen."

Mittlerweile hat sie einen Agenten in Frankreich, "Lornas Schweigen" kam dort sehr gut an. Zur Premiere in Berlin Anfang Oktober will sie kommen, und dann soll es womöglich schon Ende des Jahres den Start in den USA geben. "Die Gelegenheit könnte ich ja mal nutzen, um mich dort nach einem Agenten umzusehen." Sie zwinkert, fängt an zu lachen. "Ich muss ja größenwahnsinnig klingen. Was soll's. Ich reise einfach gern."

Und sie hat nicht vor, sich das verderben zu lassen, auch wenn sie für jeden noch so kleinen Trip ins Ausland wieder ein neues Visum beantragen muss. Wer aus dem Kosovo kommt, steht auch als Berühmtheit erst mal unter dem Verdacht, nach der Einreise nicht mehr gehen zu wollen.

Je dunkler es draußen wird, desto mehr Leute finden sich im Garten der Eltern ein, die Mutter hat ein riesiges Abendessen für ihre Tochter organisiert, die beiden Brüder sind da, Cousins und Cousinen, Freunde und Kollegen, über ein Dutzend Leute, und alle sind sie mächtig stolz auf den Star aus ihrer Mitte. Eine Zeitschrift aus Belgien mit ihr auf dem Cover macht die Runde, ein Artikel aus Frankreich, und überhaupt, was macht eigentlich der Journalist aus Deutschland hier? Es wird gelacht und getrunken und gegessen, Sensation des Abends ist natürlich der neue Freund aus Belgien, der sofort zum festen Bestandteil der Familie erklärt wird, worauf er auch mit jedem mehrfach anstoßen muss.

Arta Dobroshi schaut in die Runde, auf die Eltern, den Garten, die Stadt. "Am Ende", flüstert sie, "ist es zu Hause doch immer noch am Schönsten." Noch.


Lornas Schweigen. Filmstart 9.10.

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"Lornas Schweigen": Rechnungs-Wesen und ihre Kämpfe