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Große Burton-Retrospektive: Trip durch Tims Horrorwelt

Von , New York

Er gilt als Meister des phantastischen Gruseltrips, des surrealen Leinwandspektakels. Doch US-Regisseur Tim Burton ist auch ein begnadeter Fotograf, Autor und Zeichner. Jetzt hat das Museum of Modern Art ihm eine Mammut-Show gewidmet, die tief in seine zerrissene Seele blickt.

Tim-Burton-Ausstellung: Der Meister des Surrealen Fotos
Warner Bros.

Tim Burton ist kein Mann großer Worte. Ganz in schwarz, die Augen hinter einer klobigen, dunklen Brille verborgen, schaut er sich fast verlegen um. "Ist vielleicht ein Arzt anwesend?", fragt er, einen Scherz wagend. "Ich will gucken, ob ich nicht schon tot bin." Denn das, was Burton gerade spürt, beschreibt er als das "phantastischste, surrealste" Gefühl. Und das will was heißen - ist der US-Regisseur selbst doch der Meister des Phantastischen und Surrealen.

Wenn Tim Burton, 51, seine Gefühlswelt preisgibt, dann durch seine Arbeit, durch sein Werk, das von seinen Träumen und Alpträumen lebt. Weshalb die Retrospektive, die ihm das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) jetzt widmet, auch irgendwie einer Therapiesitzung gleicht, bei der der Patient erst skeptisch, dann immer freudiger mitmacht. "Vielen Dank, dass ihr mir den Sinn meines Lebens erklärt habt", sagt Burton, als er das Ergebnis vorab besichtigt. "Ihr habt mir mehr geholfen, als ihr ahnt."

Vier Jahre lang hat das MoMA die Archive durchstöbert, um Burtons komplexer Psyche auf die Spur zu kommen: die Katakomben von Disney, Warner Brothers, 20th Century Fox, die Requisiten- und Produktionsbüros Burtons, selbst seine Privatwohnung in London, "um zu sehen, was da so alles an der Wand rumhängt", wie MoMA-Filmkurator Ron Magliozzi berichtet.

Größte Ausstellung über einen Filmemacher

Herausgekommen ist eine Lustreise durch eine Horrorwelt - und die größte Ausstellung in der Geschichte des MoMA, die sich je mit einem einzigen Filmemacher befasst hat. Die mehr als 700 Objekte nehmen fast alle freien Säle des Museums und Teile des Skulpturengartens in Beschlag. Ein Ausmaß, das zeigt, warum der Begriff "Filmemacher" eine Untertreibung ist. Regisseur, Illustrator, Fotograf, Autor, Phantast, Allround-Künstler: Burton lässt nichts aus, um "unsere tiefsten und dunkelsten Ängste zu erforschen", so MoMA-Direktor Glenn Lowry.

Zur Eröffnung lud das MoMA am Dienstag zur Benefizgala fürs Museum, ein Tisch kostete bis zu 75.000 Dollar. Neben Burtons Stammdarstellern Helena Bonham Carter, die auch seine Lebensgefährtin ist, und Johnny Depp tummelten sich dort auch Industriegrößen wie Disney-Chef Robert Iger und David Howe, Präsident des US-Kabelkanals Syfy, der die Show sponsert.

Der Begriff "Retrospektive" greift ebenfalls zu kurz. Sicher, alle 14 Feature-Filme Burtons sind hier vertreten, von Horrormärchen ("Beetlejuice", "Corpse Bride") bis zur Massenware ("Batman", "Mars Attacks!", "Sweeney Todd") - nicht nur als Screenings im MoMA-Hauskino, sondern auch in Form von Storyboards, Zeichnungen, Figurinen, Kulissen, Requisiten. Doch das ist nur der Anfang: Das MoMA hat den kreativen Ausstoß seines ganzen Lebens angesammelt; Skizzen, Notizbücher, Zettel, Skulpturen, Dias, Fotos, Super-Acht-Filme, digitale Videos, Illustrationen, Cartoons, Animationsentwürfe, Puppen, Spielzeuge, Gipsmasken. Vieles davon sei "nie für fremde Augen bestimmt" gewesen, wie Burton einräumt.

Idylle und Grauen, Kunst und Kommerz

Die Ausstellung, die am Sonntag eröffnet wird, folgt Burtons Leben und seiner fast drei Jahrzehnte langen Karriere chronologisch, ein konventioneller Ansatz für unkonventionelles Material. Doch es funktioniert: Der scharfe Kontrast von Form und Inhalt illustriert, wie zerrissen die Gedankenwelt Burtons ist. Idylle und Grauen, Kunst und Kommerz.

Alles begann in Burbank bei Los Angeles, wo Burton als Sohn einer Verkäuferin und eines Baseballspielers aufwuchs. Eine Vorstadt-Tristesse, der er entfloh, indem er "Monster-Filme guckte, zeichnete und auf dem Friedhof spielte", wie er sagt - sein Alternativkosmos zum Elend des typisch amerikanischen Alltags.

Durch ein Riesenmaul betritt der Besucher diese Welt. Hunderte Skizzen aus den frühen Jahren hängen an den Wänden: erste Ausgeburten seines expressionistischen, pechschwarzen Humors. Ein Herr in der Wanne, den ein Meeresungeheuer angrinst. Eine Frau, die "einem Mann mit Mundgeruch zuhört", aus seinem Rachen springen ihr Schlangen, Drachen und Fledermäuse ins Gesicht. Eine andere Zeichnung zeigt einen Mann in Zwangsjacke - zweifellos Burton selbst.

Dazwischen knallbunte Spielzeuge, Utensilien, ein Karussell, das im Schwarzlicht glüht. Filme, die er als Kind mit Freunden im Garten dreht, lassen seine schräge Phantasie schon erkennen, es geht um Monster, Opfer, Blut, Tod. "Tims Träume", heißt eines dieser Filmchen von 1972, da war er gerade mal 14. Eine "Liste von Filmen" von 1977 umfasst bereits 54 Titel.

Alptraumversion von "Hänsel und Gretel"

Er beginnt Poster, zu entwerfen, Plakate, ein Comic-Blechschild, das auf dem örtlichen Müllabfuhr-Lkw prangt: "Abfall zerquetschen". Eine Aktzeichnung - eines der wenigen herkömmlichen Bilder hier - erinnert an seine Studentenzeit am California Institute of Arts. Der folgt ein Fließbandjob bei Disney, als Animationskünstler. Deprimiert und eingeengt, tobt sich Burton privat aus, mit zynischen, immer apokalyptischer wirkenden Phantasiemalereien auf Disney-Papier.

Disney ließ ihn 1983 seinen ersten Kurzfilm drehen: "Hänsel und Gretel", eine von japanischen Schauspielern und Trickgestalten bevölkerte, surreale Alptraumversion des Grimm-Märchens, die in einem Kung-Fu-Kampf mit der Hexe endet. Disney strahlte das Werk einmal im Fernsehen aus, um 22.30 Uhr an Halloween, und ließ es dann in der Versenkung verschwinden. Im MoMA ersteht das grell-groteske Werk jetzt wieder auf.

Burtons Karriere war trotz des Disney-Flops nicht aufzuhalten. Sein erster Kinohit, die Horrorkomödie "Beetlejuice" (1988), gewinnt einen Oscar für Make-up. Dann kommt "Batman" (1989), ein Blockbuster, der einen Design-Oscar abräumt. Doch selbst seine späteren Hits ("Edward mit den Scherenhänden", "James und der Riesenpfirsich", "Planet der Affen", "Charlie und die Schokoladenfabrik") lassen den jungen Burton erkennen, trotz unterschiedlichster Formen und Formate. Die Puppen, Masken, Kostüme und Modelle, die die zweite Hälfte der Ausstellung beherrschen, sind nichts anderes als dreidimensionale Variationen seiner Kindheitsvisionen.

Gesprenkelt sind diese Ausgeburten seiner wortwörtlich erschreckenden Kreativität mit Exponaten seines kommerziellen Talents. Etwa die Werbefilme für Timex und das Musikvideo, das er 2006 für die Rockband The Killers drehte. Insgesamt eine überwältigende Menge, die den Besucher ähnlich erschlägt, wie Burtons Kinohits das tun, und die das helle MoMA in ein Panoptikum düsterer Phantasien verwandelt.

Vielleicht sogar für immer. "Das Museum", seufzte jedenfalls Direktor Lowry bei der Eröffnung, "wird nie mehr so sein wie früher."


"Tim Burton", Museum of Modern Art, 22. November 2009 bis 26. April 2010

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
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1. 3D Kino
shatreng 18.11.2009
Ich habe zwar keine Ahnung von "Kunst", aber die meisten Filme und Zeichnungen gefallen mir sehr gut. Besonders die "hageren" Körper mit den großen Köpfen ^^ Auch auf Alice im Wunderland bin ich sehr gespannt, allerdings war ich letzte Woche in einem IMAX 3D Kino in dieser Weihnachtsgeschichte von Diseny und ich muss sagen, dass mich die 3D Technik für 10€ Eintritt schon sehr enttäuscht hat. Im "Standbild" waren die Bilder und auch die 3D Animation gestochen scharf, sobald es sich das Bild aber bewegt hat bzw. es in schnelle Szenen überging, war das Bild sehr unscharf und unglaublich anstrengend für die Augen etwas zu fixieren bzw. "scharf" zu stellen. Vllt. lag das auch alles an dieser riesigen Leinwand und es ist in anderen Kinos, die auch für 3D umgebaut werden, besser. Ich hoffe es zumindest, denn auch der neue Cameron Film "Avatar", der ja das Kino revolutionieren oder gar neu erfinden soll, war in der Vorschau auf dieser IMAX Leinwand nicht "anschaubar". Aufgrund der "Geschwindigkeit" der Szenen komplett unscharf und dadurch ungeheuer anstrengend zum Anschauen..
2. Der Grufti unter den Regisseuren
copic_marco 18.11.2009
Ich find Burton Genial. Mein lieblings Regisseur. Auch den Bericht bei Spon fand ich ganz gut, bis auf 2 Dinge: 1. Das Wort horror Taucht immer wieder auf und suggeriert das Burtons stärke Horrorfilme sind wie z.B. bei Hitchcock oder Wes Craven. Das ist bullshit. Burtons stärke sind märchenhafte Erzählungen mit einer liebe zum düsteren und morbieden. 2.Sweeney Todd, die Verfilmung eines Musicals das schon auf der Bühne kein Erfolg war, als Massenware (tendenz Blockbuster oder Mainstream) zu bezeichnen ist auch voll daneben. Ich freu mich schon tierisch auf die nächsten Burton filme "9" und "Alice im wunderland"
3. ...
Celegorm 18.11.2009
Zitat von copic_marcoIch find Burton Genial. Mein lieblings Regisseur. Auch den Bericht bei Spon fand ich ganz gut, bis auf 2 Dinge: 1. Das Wort horror Taucht immer wieder auf und suggeriert das Burtons stärke Horrorfilme sind wie z.B. bei Hitchcock oder Wes Craven. Das ist bullshit. Burtons stärke sind märchenhafte Erzählungen mit einer liebe zum düsteren und morbieden. 2.Sweeney Todd, die Verfilmung eines Musicals das schon auf der Bühne kein Erfolg war, als Massenware (tendenz Blockbuster oder Mainstream) zu bezeichnen ist auch voll daneben. Ich freu mich schon tierisch auf die nächsten Burton filme "9" und "Alice im wunderland"
Vorsicht: 9 ist nicht wirklich ein Burton-Produkt, auch wenn das in der Werbekampagne suggeriert wird. Er war da jedoch lediglich einer der Produzenten, entsprechend ist das künstlerisch gesehen sicherlich nicht "sein" Film. Merkt man auch, selbst wenn er wohl einen gewissen Einfluss hatte ist der Film nicht wirklich in seinem typischen Stil, sondern halt logischerweise was eigenes. Das zwar gerade graphisch auch gelungen ist, aber letztlich v.a. inhaltlich leider nicht so recht zu überzeugen vermag..
4. Nur Producer ok
copic_marco 18.11.2009
Zitat von CelegormVorsicht: 9 ist nicht wirklich ein Burton-Produkt, auch wenn das in der Werbekampagne suggeriert wird. Er war da jedoch lediglich einer der Produzenten, entsprechend ist das künstlerisch gesehen sicherlich nicht "sein" Film. Merkt man auch, selbst wenn er wohl einen gewissen Einfluss hatte ist der Film nicht wirklich in seinem typischen Stil, sondern halt logischerweise was eigenes. Das zwar gerade graphisch auch gelungen ist, aber letztlich v.a. inhaltlich leider nicht so recht zu überzeugen vermag..
hab mich schon gewundert weil der Trailer, im vergleich zu Alice, nicht die typische Burton Handschrift aufweißt. Danke für den hinweis.
5. ja,
digital-transducer 18.11.2009
sind schon ziemlich gute filme.
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