Grundgesetz-Film "GG19" Von der Bonn-Rolle

Die Idee, das deutsche Grundgesetz zu verfilmen, ist gewagt. Wenn dabei aber nur Konsenskino herauskommt, ist das zu wenig. Der Filmemacher Harald Siebler hat sich mit der Paragrafenreiterei gründlich verhoben.

Von Bert Rebhandl


Ach, Deutschland! Was für ein schönes Land! Hügel und Wälder, Eisen- und Autobahn, Dörfer und Städte, Menschen und Tiere. Man lebt so dahin, mit Stelle, Stütze oder Stipendium, und kaum einmal macht man sich Gedanken darüber, was einen – über den DSL-Anschluss und die Steuernummer hinaus – so mit dem großen Ganzen verbindet.

Grundgesetz? Mal ehrlich, wer denkt da gelegentlich dran? Würde des Menschen, alle möglichen Freiheiten, Briefgeheimnis, Asylrecht. Eben. Man setzt das einfach voraus, dabei ist es eine Errungenschaft. Man lebt damit in den Tag hinein, weil man sich selten darauf berufen muss. Die Grundrechte sind für den Krisenfall, und der Krisenfall betrifft nur Asylwerber und andere Außenseiter. Das ist das Vorurteil, vor dem das Grundgesetz dringend in Schutz genommen gehört, denn es ist für alle da, und jeder kann jederzeit in die Lage kommen, dass er es braucht.

Das hat sich jedenfalls der in Köln geborene und in Berlin lebende Verfassungspatriot Harald Siebler gedacht, der auf die Idee kam, dass eine Verfilmung des Grundgesetzes viel zu dessen Popularität beitragen könnte. Dass er sich dabei selbst auf das Grundrecht der freien Meinungsäußerung berufen musste, ist auszuschließen, denn es handelt sich um ein echtes Konsensprojekt, zu dem neben allen möglichen deutschen Filmförderungen auch die Bundeszentrale für politische Bildung beigetragen haben.

Metawitzig verkracht

Der Film "GG19" ist vielfach gewollt worden, er wird, wie er nun aber vorliegt, vielleicht nicht überall gemocht werden. Das liegt daran, dass zwischen dem erhabenen (und kurzen) Text des Grundgesetzes und dem (zweieinhalb Stunden langen) Film "GG19" eine Reihe von Vermittlungsschritten liegen, die sich unter dem Stichwort "Kreativität" zusammenfassen lassen. 19 Artikel hat der Text, 19 kurze Filme machen den Film aus, der ein wenig so funktioniert wie früher die "Cannes-Rolle" mit den interessantesten Werbe-Spots. "GG19" ist die "Bonn-Rolle", denn in Bonn am Rhein wurde das Grundgesetz verabschiedet.

Der Film "GG19" kam auf denkbar demokratische Weise zustande: Drehbücher wurden eingesandt, es gab Jury-Sitzungen, Ideen wurden ausgewählt und schließlich realisiert. Eine ganze Reihe prominenter Menschen hat sich an der guten Sache beteiligt, man sieht etwa Kurt Krömer, Karoline Eichhorn, Anna Thalbach unter den Schauspielern, und eine der Episoden stammt sogar von dem bekannten Regisseur Alan Smithee.

Das sollte allerdings stutzig machen, denn dieser Name taucht normalerweise nur in besonderen Situationen auf: "Alan Smithee" ist das Hollywood-Pseudonym, das zum Einsatz kommt, wenn sich bei einem Film alle so zerkrachen, dass am Ende keiner unterschreiben will. Das gilt hier aber nur für den Beitrag zum Artikel 5 (Freiheit der Meinungsäußerung und –verbreitung), und ist vermutlich metawitzig gemeint. Aber es weist doch ein wenig die Richtung.

Bürger als Versuchstierchen

"GG19" zeichnet ein seltsames Bild von der Republik. Nur undeutlich sind die normalen Lebensumstände von Menschen wie du und ich zu erkennen. Fast allen Beiträgen eignet eine leicht verzerrte Ästhetik, so als wäre Franz Kafka der Schutzheilige des bürgerlichen Lebens in diesem Land, und das "Kafkaeske" die Grundstimmung. Ob nun einer zu einem Behördengang aufbricht, wie in "Sieg für S." von Ansgar Ahlers (Artikel Gewährleistung der Grundrechte), oder eine Frau zu einem Vorstellungsgespräch erscheint ("Der Traumjob" von Christine Repond, Artikel 12: Freie Wahl des Berufes, des Arbeitsplatzes und der Berufsstätte), sofort verzerren sich die Korridore ins Unwirkliche, und die Menschen nehmen ein latent groteskes Gehabe an.

Eigentlich sollte das Grundgesetz durch einen Film dieser Art ja einen "Sitz im Leben" bekommen. "GG19" kennt aber gar kein Leben, sondern zumeist surreale Szenarien, in denen sich die armen Bürgerinnen und Bürger fühlen müssen wie Versuchstierchen. Der Soundtrack klingt wie verkümmerter Krautrock und trägt auch zu dem Gefühl von Verklemmung bei, das sich wie ein grauer Schleier über das doch von einem so tollen Grundgesetz gesegnete Land legt. Daran ändert auch der Jubelkameraschwenk am Ende nichts, der im Berchtesgadener Land noch einmal die Schönheiten Deutschlands sucht, die im Film davor so unsichtbar geblieben waren.

In den 19 Artikeln, von denen "GG19" handelt, verdichtet sich die europäische Aufklärung auf ein paar unhintergehbare Tatsachen. Der Film, der sich darauf beruft, gleicht dagegen eher einer langen Sitzung, bei der es nie zu einer Beschlussfassung reichen wird, weil die verschrobene Meinung bevorzugt gehört wird. In welchem anderen Land der Welt wäre so ein Projekt denkbar? Ach, Deutschland!



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