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22. Dezember 2012, 16:30 Uhr

Gruselfilm "Du hast es versprochen"

Der Horror haust auf Hiddensee

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Zwei verstörte Frauen, ein vergrabenes Kindheitstrauma und eine verregnete Ostseeinsel im Winter - mehr braucht der Grusel-Thriller "Du hast es versprochen" nicht für den Beweis, dass auch deutsche Filme schlaflose Nächte bereiten können.

In vielen deutschen Filmen gruselt man sich gerne und oft, aber häufig ist das von den Machern nicht unbedingt intendiert. So manche Komödie, das einzige Kino-Genre, das hierzulande gnadenlos ausgebeutet wird, erweist sich angesichts flacher Gags und hölzerner Darsteller schnell als Horrortrip. Der echte deutsche Gruselfilm jedoch fristet seit dem Ernsthaftigkeits-Diktat der Autorenfilmer in den Siebzigern ebenso ein Schattendasein wie das Science-Fiction- oder Actionkino. Wer als Deutscher Genre machen will, geht, wenn er kann, zumeist gleich dahin, wo es herkommt, nach Hollywood. Das gilt für Roland Emmerich ebenso wie für Robert Schwendtke.

Alex Schmidt hat sich zunächst dafür entschieden, es hier zu versuchen, dafür gebührt der jungen Berliner Regisseurin schon einmal Respekt. Ihr Debütfilm "Du hast es versprochen", ein klassischer Mystery-Thriller, läuft diese Woche im Kino an, bekam aber bereits viel Aufmerksamkeit und Lob auf dem Hamburger Filmfest und wurde im Herbst als einziger deutscher Beitrag zum Filmfestival in Venedig eingeladen. In der Mitternachtskino-Sektion, wie es sich gerade für so einen Genrefilm gehört.

Das Schöne an "Du hast es versprochen" ist nämlich, dass er sein Genre eben nicht transzendieren will, sich nicht nach einer historischen, gesellschaftlich relevanten Meta-Ebene streckt, um vielleicht hier und da noch ein paar öffentliche Fördergelder einsammeln zu können, sondern primär eine spannende, gruselige Geschichte erzählen will. Bedrückend soll hier nur die Schauer-Atmosphäre sein, nicht der pädagogische Anspruch. Ob das am Ende funktioniert? Darüber lässt sich streiten. Der Mut an sich ist schon erfreulich genug.

Wohnt da ein Geist im Bunker?

Schmidt und ihr Drehbuchautor Valentin Mereutza erzählen die Geschichte zweier junger Frauen, die als Kinder im Sommerurlaub zusammen gespielt haben, und sich als Erwachsene unter dubiosen Umständen wiedertreffen. Krankenschwester Hanna (Mina Tander) lebt in bürgerlichen Verhältnissen, hat aber gerade erfahren, dass ihr Mann sie betrügt. Erschüttert beschließt sie, mit ihrer kleinen Tochter nach Hiddensee zu fliehen, in dasselbe Ferienhaus, das ihre Eltern früher immer gemietet haben, als sie selbst noch klein war. Befeuert wird ihr Eskapismus-Trip von Clarissa (Laura De Boer), der flatterhaften Freundin von damals, die versucht hat, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen und nun - zufällig? - in das Krankenhaus eingeliefert wurde, in dem Hanna arbeitet.

In einer schön verruckelt-verwischten Flashback-Sequenz sieht man zuvor noch, wie Hanna und Clarissa als Kinder im Wald Verstecken spielen und sich schließlich in einer alten Bunkeranlage Gruselgeschichten erzählen. Von einem Mädchen, das dort einst eingesperrt wurde und nun als Geist die Insulaner heimsucht, weil sie nur erlöst werden kann, wenn ein anderes Mädchen ihren Platz einnimmt. Hanna erzählt Clarissa dieses Schauermärchen, und die Freundin lobt mit weit aufgerissenen Augen ihr Erzähltalent.

Jahre später, beim Ausflug auf das nun winterlich nasskalte und düstere Hiddensee, wird Hanna gezwungen, ihre eigene Story vielleicht doch ernst zu nehmen: In dem Ferienhaus geschehen übernatürliche Dinge - und Hanna erinnert sich schubweise daran, dass damals noch ein drittes Mädchen dabei war, die Tochter der krötenhaften Fischersfrau (Katharina Thalbach), die seit dem Sommer des Bunkergrusels nicht mehr gesehen wurde.

Eine angemessen schaurige Handlungsfährte, die aber, so viel sei verraten, gehörig in die Irre führt. Manche Dialoge, besonders zu Beginn, als die Figuren mit einigen Standard-Szenen in ihren Alltagsleben etabliert werden, lassen viel an Dynamik zu wünschen übrig. Auch kommt die Thriller-Handlung nach dem furiosen Auftakt im Weltkriegsbeton ein wenig zu lange nicht in Fahrt, so dass mancher Zuschauer vielleicht die Geduld verliert, bevor alles in einem Finale mit verblüffenden Wendungen und - für deutsche Standards - dramatischer Action mündet.

Sie liebe harte, amerikanische Filme wie "Saw" oder "Silent Hill", sagte Alex Schmidt der "Berliner Morgenpost" in Venedig, und sie verstehe nicht, warum so etwas in Deutschland nicht möglich ist. An die Konsequenz und Bösartigkeit ihrer Vorbilder reicht die 34-Jährige mit ihrem Insel-Thriller noch nicht heran. Doch ihr gelingt ein stimmungsvolles Psycho-Schauermärchen mit hervorragenden Nebendarstellern wie Thalbach oder Max Riemelt, der den undurchsichtigen Sohn der Fischersfrau spielt. Auch Mina Tander und Laura De Boer machen - nach anfänglicher Steifheit und unschönen Soap-Dialogen - einen ziemlich guten Job als ehemals beste Freundinnen, zwischen denen ein dunkles Geheimnis steht. Formal löst "Du hast es versprochen" also durchaus ein Versprechen ein: dass Genre auch in Deutschland geht - und das sonnige Ferienidyll Hiddensee nicht nur dann ein idealer Horror-Schauplatz sein kann, wenn zu viele Touristen die Insel heimsuchen.

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