Gruselfilmer in der Krise: Nachsitzen in "Horror-warts"

Von Rüdiger Sturm

Warum die Regisseure des Horrorgenres dringend in die Schule müssten. Und wie sie dadurch bessere Filme drehen könnten...

Grusel-Thriller "The Cell" (mit Jennifer Lopez): Hohle Schrecken
Kinowelt

Grusel-Thriller "The Cell" (mit Jennifer Lopez): Hohle Schrecken

Die Gebrüder Grimm sind doch die wahren Propheten des Horror-Kinos. Schon anno 1815 hatten sie ihr Traktat zum Horrorfilm des Jahres 2000 veröffentlicht. Das "Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" liefert eine exakte Beschreibung dessen, was dem heutigen Kinogänger widerfährt: Egal welcher Terror auch aufgetischt wird, alles lässt den Zuschauer kalt. Hohl sind die Schrecken von "The Cell" oder "Blair Witch 2". Bei den Satans-Schmonzetten "Die Prophezeiung" und "Lost Souls" wünschte man nur, die Filmemacher hätten sich auf einen faustischen Pakt eingelassen. Vielleicht wäre dann etwas Talentierteres dabei herausgekommen. So bleibt nur die Forderung nach einem Zwangsinternat für alle Horrorfilmer, einer Art Schockzauberschule, die man - frei nach Joanne K. Rowling - vielleicht Horror-warts nennen könnte.

Als erste Lehr-Maßnahme werden den lethargischen Regisseuren sämtliche digitalen Trick-Werkzeuge abgenommen. So sollen die Gymnasiasten des Grauens begreifen, dass visuelle Spielchen weniger mit Atmosphäre und Spannung zu tun haben, sondern eher mit der Zelebrierung des eigenen Regie-Egos. Als Hausaufgabe vergleichen sie Robert Wises "Bis das Blut gefriert" (1963) mit Jan De Bonts 1999er Budenzauber-Remake "Das Geisterschloss". Wem danach immer noch der Finger nach dem Joystick juckt, muss sich zur Strafe "The Cell" ein zweites Mal ansehen.

Last Exit "Scary Movie": Eindimensionale Plot-Vehikel

Last Exit "Scary Movie": Eindimensionale Plot-Vehikel

Haben sich die Teilnehmer an den Entzug gewöhnt, drehen sie aufwendige Sequenzen mit ultra-effektvollem Make-up, die danach komplett herausgeschnitten werden müssen. Nur durch Totalverzicht lernen sie die richtige Dosierung. Danach entwerfen die Kandidaten Projekte, deren Protagonisten mindestens 23 Jahre alt sind. Ein prominenter Drehbuch-Autor erklärte einmal, warum er nicht über Teenager schreiben wolle: "Weil sie in der Regel noch nicht so viel vom Leben gesehen haben und deshalb weniger komplexe Charaktere abgeben." Natürlich ist das pauschal gesagt. Aber auf diese Weise realisieren unsere Sorgenkinder endlich, dass auch ein Genrefilm differenzierte Psychologie verträgt. Es mag ja ein paar Mal ganz possierlich sein, Pubertierende vom Schwarzen Mann hetzen zu lassen. Aber wie viele Optionen bleiben dann noch? Am Ende verlinkt man den "Boogey Man" mit der Traumwelt der Charaktere, damit die Doktor-Sommer-Probleme einen Doktor-Freud-Touch kriegen. Als nächstes mokieren sich die Film-Figuren nassforsch und postmodern über ihre eindimensionalen Plot-Vehikel. Und die letzte Stufe ist dann "Scary Movie".

Im zweiten Semester ist das Thema "Liebe deine Feinde" zu bearbeiten. Denn Lieben heißt Verstehen, und nur wer seinen Bösewicht versteht, kriegt ihn so überzeugend hin, dass aus Grauen Faszination wird. Warum wohl ist Graf Dracula tatsächlich unsterblich? Warum finden wir Freddy Krüger interessanter als einen axtschwingenden Eishockey-Torwart?

"The Sixth Sense": Die meisten Lektionen beherzigt
AP

"The Sixth Sense": Die meisten Lektionen beherzigt

Als Examensarbeit drehen unsere Problemfälle einen Dokumentarfilm. Einen echten. Ohne Camcorder. Damit kriegen sie endlich einen Crashkurs in Sachen Realität. Und wenn sie die überzeugend fabrizieren, knallt der Schrecken umso heftiger in die heile Welt. Leider führt diese Therapie nicht automatisch zu guten Filmen, wenn auch zu gutem Geld. Subtilität und Originalität müssen die Kandidaten schon selbst mitbringen. Robert Zemeckis und seine Schreiber beherzigten zwar mit "Schatten der Wahrheit" die meisten Lektionen, nur das rettete uns nicht vor abgedroschenen Ideen und holzfällerischer Inszenierung. M. Night Shyamalan schnitt mit "The Sixth Sense" schon ehrenhafter ab. Aber wer mal sehen will, wie beklemmend sich tote Menschen präsentieren lassen, der werfe lieber einen Blick in Jack Claytons "Schloss des Schreckens " (1961, Co-Autor: Truman Capote).

Zum Glück hat das Horror-Internat ein paar Ehrenschüler. Ihre gemeinsame Abschlussarbeit lässt sich wie ein Dokumentarfilm auf die Welt der Protagonisten ein; Helden, Bösewicht und Fußvolk sind durchrecherchiert und entwickelt, und die Spezialeffekte folgen in genau abgestimmter Dosierung und fügen sich perfekt in die Handlung ein: In rund drei Monaten läuft der Director's Cut des "Exorzisten" auch hier zu Lande wieder im Kino. Da ist Nachsitzen angesagt...

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