Von Rüdiger Sturm
Die Gebrüder Grimm sind doch die wahren Propheten des Horror-Kinos. Schon anno 1815 hatten sie ihr Traktat zum Horrorfilm des Jahres 2000 veröffentlicht. Das "Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" liefert eine exakte Beschreibung dessen, was dem heutigen Kinogänger widerfährt: Egal welcher Terror auch aufgetischt wird, alles lässt den Zuschauer kalt. Hohl sind die Schrecken von "The Cell" oder "Blair Witch 2". Bei den Satans-Schmonzetten "Die Prophezeiung" und "Lost Souls" wünschte man nur, die Filmemacher hätten sich auf einen faustischen Pakt eingelassen. Vielleicht wäre dann etwas Talentierteres dabei herausgekommen. So bleibt nur die Forderung nach einem Zwangsinternat für alle Horrorfilmer, einer Art Schockzauberschule, die man - frei nach Joanne K. Rowling - vielleicht Horror-warts nennen könnte.
Als erste Lehr-Maßnahme werden den lethargischen Regisseuren sämtliche digitalen Trick-Werkzeuge abgenommen. So sollen die Gymnasiasten des Grauens begreifen, dass visuelle Spielchen weniger mit Atmosphäre und Spannung zu tun haben, sondern eher mit der Zelebrierung des eigenen Regie-Egos. Als Hausaufgabe vergleichen sie Robert Wises "Bis das Blut gefriert" (1963) mit Jan De Bonts 1999er Budenzauber-Remake "Das Geisterschloss". Wem danach immer noch der Finger nach dem Joystick juckt, muss sich zur Strafe "The Cell" ein zweites Mal ansehen.
Haben sich die Teilnehmer an den Entzug gewöhnt, drehen sie aufwendige Sequenzen mit ultra-effektvollem Make-up, die danach komplett herausgeschnitten werden müssen. Nur durch Totalverzicht lernen sie die richtige Dosierung. Danach entwerfen die Kandidaten Projekte, deren Protagonisten mindestens 23 Jahre alt sind. Ein prominenter Drehbuch-Autor erklärte einmal, warum er nicht über Teenager schreiben wolle: "Weil sie in der Regel noch nicht so viel vom Leben gesehen haben und deshalb weniger komplexe Charaktere abgeben." Natürlich ist das pauschal gesagt. Aber auf diese Weise realisieren unsere Sorgenkinder endlich, dass auch ein Genrefilm differenzierte Psychologie verträgt. Es mag ja ein paar Mal ganz possierlich sein, Pubertierende vom Schwarzen Mann hetzen zu lassen. Aber wie viele Optionen bleiben dann noch? Am Ende verlinkt man den "Boogey Man" mit der Traumwelt der Charaktere, damit die Doktor-Sommer-Probleme einen Doktor-Freud-Touch kriegen. Als nächstes mokieren sich die Film-Figuren nassforsch und postmodern über ihre eindimensionalen Plot-Vehikel. Und die letzte Stufe ist dann "Scary Movie".
Im zweiten Semester ist das Thema "Liebe deine Feinde" zu bearbeiten. Denn Lieben heißt Verstehen, und nur wer seinen Bösewicht versteht, kriegt ihn so überzeugend hin, dass aus Grauen Faszination wird. Warum wohl ist Graf Dracula tatsächlich unsterblich? Warum finden wir Freddy Krüger interessanter als einen axtschwingenden Eishockey-Torwart?

"The Sixth Sense": Die meisten Lektionen beherzigt
Zum Glück hat das Horror-Internat ein paar Ehrenschüler. Ihre gemeinsame Abschlussarbeit lässt sich wie ein Dokumentarfilm auf die Welt der Protagonisten ein; Helden, Bösewicht und Fußvolk sind durchrecherchiert und entwickelt, und die Spezialeffekte folgen in genau abgestimmter Dosierung und fügen sich perfekt in die Handlung ein: In rund drei Monaten läuft der Director's Cut des "Exorzisten" auch hier zu Lande wieder im Kino. Da ist Nachsitzen angesagt...
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