Gruselmärchen "Coraline" Horrortrip in die Püppchenwelt

Ist ja zauberhaft! In der 3-D-Verfilmung des hintersinnigen Kinderbuchs "Coraline" kämpft sich ein kleines Mädchen durch eine gruselige Wunderwelt. Ein erwachsenes Leinwandmärchen von entrückter Schönheit - und wahrhaft großes Kino.


Filme mit phantastischer Thematik nehmen gern für sich in Anspruch, ihr Publikum verzaubern zu wollen. Meist verkaufen sie jedoch nur Kitsch als Magie, was den Zuschauer entweder vor lauter falscher Süßlichkeit innerlich verkleben oder aber zynisch werden lässt.

In beiden Fällen bietet ein Besuch von "Coraline" das perfekte Gegenmittel, denn die Kinoadaption von Neil Gaimans Bestseller löst alle Versprechen ein: Indem er klassische Stop-Motion-Animation und neue 3-D-Bildtechnik in Formvollendung vereinigt, hat Regisseur Henry Selick das hintersinnige Kinderbuch in ein erwachsenes Leinwandmärchen übersetzt.

Von Zauberei zu sprechen klingt da fast zu profan angesichts eines Films, der trotz überbordender Zeiglust nie effektheischend wirkt, und bei aller Spielfreude eine sinnliche wie dramatische Tiefe erreicht, die dem Zuschauer schlicht den Atem raubt.

Bei seiner Titelheldin herrscht dagegen anfangs das große Gähnen: Die elfjährige Coraline Jones ist mit ihren Eltern aus Michigan in einen entlegenen, chronisch verregneten Winkel Oregons umgezogen, und fern von ihren alten Freunden kann das Mädchen mit den leuchtendblauen Haaren vor lauter Langeweile kaum an sich halten.

Mutter und Vater haben im Arbeits- und Alltagstress weder Augen noch Ohren für die aufgeweckte Tochter, die notgedrungen allein auf Entdeckungstour durch die ungeliebte neue Heimat geht. So lernt sie schnell die anderen Mieter in dem morschen Riesenhaus kennen: Neben den im Altersruhestand verschrumpelten britischen Varieté-Künstlerinnen Miss Spink und Miss Forcible wohnt dort noch der verschrobene Mr. Bobinsky, ein russischer Rübenfan und vormaliger Zirkusstar.

Die älteren Herrschaften sind bei aller exzentrischen Freundlichkeit nicht als Spielgefährten geeignet, doch in Coralines Altersklasse ist an diesem einsamen Ort nur der quirlige Nachbarsjunge Wybie Lovat zu finden.

Aber von dessen unbeholfenen Avancen zeigt sich das schlagfertige Mädchen nur genervt - und wenn jemand sie versehentlich Caroline statt Coraline nennt, hat derjenige eh schlechte Karten.

Schon scheint es, als ob die ekligen Silberfische in der Dusche noch das Aufregendste in Coralines Leben bleiben. Doch dann entdeckt sie eine verborgene Tür im Haus, und als Coraline eines Nachts den dahinterliegenden Tunnel durchquert, landet sie in einer alternativen Realität: Hier ist das Haus plötzlich heimelig eingerichtet, und statt im matschigem Grau zu versinken, schillert der Garten in satten Farben.

Aber die größte Überraschung bieten die Bewohner dieser Parallelwelt, allen voran die viel besser aufgelegte Version von Coralines Mutter. Die stellt sich auch gleich fröhlich als die "andere Mutter" vor, serviert Kuchen, Hot Dogs und Pizza, ist für jeden Spaß zu haben und schenkt Coraline ihre ganze Aufmerksamkeit.

Auch der verständige "andere Vater" sowie die ebenfalls runderneuerten Hausbewohner sorgen dafür, dass Coraline sich in einem kunterbunten Kinderparadies mit Zuckerguss obendrauf wähnt. Etwas irritierend findet sie allein den Umstand, dass die freundlichen Doppelgänger allesamt Knöpfe statt Augen im Gesicht haben.

Paradies mit Pferdefuß

Doch über dieses unheimliche Detail im Schlaraffenland sieht Coraline zunächst hinweg, was sich als fataler Fehler erweist. Denn nach einem weiteren nächtlichen Ausflug in dieses verspielte Tal der Puppen will die andere Mutter sie nicht mehr in ihre Wirklichkeit zurückkehren lassen. Und was gerade noch farbenfroh, wohlklingend und liebevoll wirkte, erscheint auf einmal grell, schrill und abgründig.

Neil Gaiman, der "Coraline" ursprünglich als Gutenacht-Geschichte für seine Tochter ersann, hat seiner Heldin nicht nur einen Dickkopf, sondern auch reichlich Herz und Verstand geschenkt. Der Autor der bahnbrechenden "Sandman"-Comicreihe lässt das Mädchen darum mutig dem schrecklichen Geheimnis der anderen Mutter nachspüren.

Auch in der Verfilmung hängt vom Geschick der kleinen Detektivin nicht nur ihr eigenes Schicksal, sondern auch das der echten, gar nicht mehr so unattraktiven Welt ab. Und zum Glück gibt es sprechende Katzen und nervige Nachbarjungen - wobei die Figur des Wybie nicht Gaimans Vorlage entspringt -, die den Horror überstehen helfen.

Denn gruselig ist dieser psychologisch dichte Crossover aus American Gothic und präpubertärem Selbstfindungstrip ohne Frage. Statt eine simple Moral durchzudrücken - das Leben ist kein Wunschkonzert, Erwachsene sind auch nur Menschen und trau keinem Fremden mit Knopfaugen - lässt der Film viel Raum für unausgesprochene Träume und Ängste. Die Erfahrung von Tod und unwiederbringlichem Verlust existieren in Coralines Welt ebenso wie ein Gefühl völliger Verlorenheit, das Henry Selick durch seine ruhigen, bisweilen melancholischen Erzählduktus eindringlich vermittelt.

Dass er dennoch das Lebensbejahende in tiefster Finsternis entdecken kann, hat der Regisseur schon im beschwingten Schauermärchen "Nightmare Before Christmas" bewiesen. Hier triumphieren Gestaltungswille und Vorstellungskraft der begnadeten Puppenspieler und Kulissenbauer um Selick jedoch noch eindrucksvoller, auch weil die emotionale Fallhöhe von Gaimans Kunstmärchen so viel höher ist.

Dazu passt, das "Coraline" mithin der erste der neuen stereoskopischen 3-D-Filme ist, der die spektakuläre Technik mit Souveränität und Selbstverständlichkeit einsetzt. Ob eine virtuos entfesselte Kamera durch die Szenerie streift oder eine horrende Begegnung mit der anderen Mutter unvermittelt in einen surrealen Vertigo-Moment mündet, man möchte stundenlang an Coralines Seite diese Welt entdecken.

Doch wie die Heldin darf man nicht vergessen, irgendwann zurückzukehren. Das ist die eine Erkenntnis dieser großartigen Kinoerfahrung. Die andere lehrt, dass Kunst manchmal doch ein Kinderspiel ist.

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insgesamt 9 Beiträge
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SirRobin 12.08.2009
1. Filmischer Ritterschlag?
Mein lieber.... Krass, wenn der Spiegel einmal so eine Kritik bringt. Da schrumpft der Oscar doch auf Bambi-Größe - oder umgekehrt? Egal... bin mal ob diese Kritik auch der Animations-Wirklichkeit stand hält... ,-)
McManimal 12.08.2009
2. Für Leseratten eine Enttäuschung in 3D
Als Neil-Gaiman-Fan habe ich dieses wunderbare Kinderbuch mehrfach im englischen Original verschlungen und liebe es. (Mit wunderbaren Bildern von Gaimans langjährigem Partner Dave McKean - man recherchiere lieber über diesen Mann wenn man etwas über Kunst erfahren möchte...) Die deutsche Übersetzung kam dann als erstes ohne McKeans Bilder mit sehr kitschigem Cover und einem völlig unsinnigen Untertitel daher. Diese Tradition der Verunglimpfung wird nun auch in 3D weitergeführt. Die wunderbare Geschichte wird völlig entstellt, bis hin zur Erfindung des völlig unnötigen Charakters Wybie Lovat. Als ob die Heldin ausser einer charakterstarken, arroganten Katze auch noch einen dummen Freund braucht. Ein Standard-Drehbuch sieht das wohl vor... Man hätte diese Geschichte erzählen können wie sie vom Autor geschrieben wurde und es hätte wahrlich ein toller, stimmungsvoller und stimmiger Film wie Nightmare before Christmas werden können. Schade dass Tim Burton in diesem Fall nichts mitzureden hatte, vieleicht wäre es mir erspart geblieben mich über den Verlust von 101 Minuten - die ich besser mit lesen verbracht hätte - zu ärgern. So ist leider wieder ein bestenfalls mittlemässiger Kinderfilm entstanden, der vor allem durch seine 3D-Technik glänzt und blendet. Wer Gaimans Charme in einer Verfilmung spüren möchte sollte sich lieber Mirrormask anschauen. Nicht in 3D aber dafür wirklich mit künstlerischem Anspruch. (Regie Dave McKean/Drehbuch Neil Gaiman).
zeres_br 12.08.2009
3. Erst jetzt...
Mich wundert es total das man erst jetzt über diesen Film in Deutschland redet. Ich habe den auf Portugiesisch während eines Brasilienurlaubes im Februar(5 Monate her) gesehen....Ich kannte die Geschichte ehrlich gesagt nicht, habe den Film sehr genossen aber für Kinder ist er definitiv nicht!
McManimal 12.08.2009
4. für Kinder oder nicht?
@zerres_br: wie immer ist Deutschland mal wieder weit hinten dran, ich habe ihn im Urlaub in London geseshen. Vieleicht hätte mir der Film auch gefallen wenn ich nicht literarisch vorbelastet gewesen wäre. Das ist so ein Kreuz mit den Büchern... :) Gaiman hat übrigens die Reaktionen zum Buch so beschrieben, dass Erwachsene den Horror bekommen und sich gruseln, wohingegen Kinder es als große Abenteuergeschichte aufnehmen. Ob Kinder den Film genauso betrachten bleibt abzuwarten, beim Buch kann man sich auch schon streiten ob das kindgerecht ist ...
gekido 14.08.2009
5. Mirrormask
Bei aller Liebe zu McKeans und Gaimans Arbeit kann man über Mirrormask sicher geteilter Meinung sein. Undiskutierbar großartige Bilder allein machen noch keinen guten Film. Die Story liegt weit unter dem Level eines "American Gods", "Neverwhere" oder eben "Coraline". Ich jedenfalls freue mich wahnsinnig auf den Film.
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