Blockbuster "Guardians of the Galaxy" Fünfer-Bande mit Soul

Killer-Amazone, genetisch gepimpter Waschbär, sprechender Baum: Hier kommt die Underdog-Variante der Avengers. In "Guardians of the Galaxy" führt Comedy-Star Chris Pratt eine wilde Truppe von Außenseitern an - charmantes Superhelden-Kino.


Wer berühmt sein will, muss sich erst einmal einen Namen machen. Das gilt auch und gerade für Superhelden. Unter denen waren Marvels "Guardians of the Galaxy" lange Hinterbänkler, ein weiteres von vielen Weltenretter-Kollektiven, das seit seinem Comic-Debüt in den Sechzigern mit wechselnder Besetzung nur wenige Heftreihen bestreiten durfte. Die Zeiten als Geheimtipp sollten nun allerdings vorbei sein, denn mit ihrem eigenen, schon jetzt kommerziell erfolgreichen Kinofilm katapultieren sich Peter Quill alias Star-Lord, Gamora, Rocket Racoon, Groot und Drax the Destroyer aus der zweiten Reihe mitten ins helle Zentrum des Marvel Cinematic Universe.

Das finanzielle Risiko, die zuvor fast ausschließlich Enthusiasten bekannten Charaktere mit hohem Produktions- und Marketingaufwand auf Augenhöhe mit Ikonen wie Captain America oder Hulk zu bringen, hat sich offenkundig ausgezahlt. Was den Film jedoch über die Bilanzen hinaus bemerkenswert macht, ist sein Charme: Unter der Regie von James Gunn gelingt der raumfahrenden Schicksalsgemeinschaft ein eigentümlicher Spagat zwischen Krawalllust und Herzlichkeit, anarchischem Spaß und trotzigem Pathos.

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"Guardians of the Galaxy": Mit Waschbär für den Weltfrieden
Damit zeitigt die Verfilmung jene Qualitäten, die bereits die jüngeren Guardians-Comics von Autor Brian Michael Bendis auszeichneten. Dazu gehören auch eine selbstironische Haltung zum eigenen Nischendasein und die Pflege des Underdog-Image. Dafür bietet diese Ursprungsgeschichte reichlich Gelegenheit, denn anfangs sind die Protagonisten keine sonderlich glorreichen Gestalten und Lichtjahre davon entfernt, ein Team zu sein.

Mit dem Walkman durchs Weltall

Entsprechend allein unterwegs ist zunächst Peter Quill, den Weltraumpiraten im Kindesalter von der Erde und vom Sterbebett seiner Mutter entführten. Nunmehr volljährig, aber keineswegs erwachsen, versucht sich der selbsternannte Star-Lord als Glücksritter und Auftragsdieb. Stets mit dabei hat er sein großes Mundwerk sowie einen antiken Walkman, auf dem ausschließlich Mamas "Awesome Mix Vol. I" läuft, eine Kompilation mit Soul- und Rockklassikern aus ihrer Kindheit. Chris Pratt ("Parks and Recreation"), der mit diesem Film auch den Geheimtipp-Status hinter sich lässt, spielt diesen liebenswerten Möchtegern mit so viel lässiger Selbstverständlichkeit und Hingabe, dass eine andere Besetzung unvorstellbar scheint.

Zum Auftakt handelt sich Quill durch den Raub eines kugelförmigen Artefakts gleich mehrfach Ärger ein: Sein außerirdischer Ersatzvater, der blauhäutige Pirat Yondu (Michael Rooker), setzt ein Kopfgeld auf ihn aus, um an die mysteriöse Beute zu gelangen. Der Fanatiker Ronan (Lee Pace) hingegen braucht den in der Kugel verborgenen, sagenhaften Infinity Stone zur Verwirklichung seiner universalen Vernichtungsfantasien. Er schickt Gamora (Zoe Saldana) auf die Jagd nach Quill, womit die Drohkulisse noch imposanter gerät. Denn Gamora wurde von Thanos, Marvels wahnsinnigem Titan für alle Fälle, zur Waise gemacht und dann von Kind an zur Killerin erzogen. Keine Frage, dass der Adoptivvater im Hintergrund weiter seine perfiden Pläne verfolgt.

Gamora findet Quill auf dem Planeten Xandar. Doch da wartet weitere Konkurrenz auf die zweifelnde Kämpferin: Der genetisch manipulierte Waffen- und Technikspezialist Rocket und sein Begleiter Groot wollen das Kopfgeld für Quill kassieren. Sie geben ein aufsehenerregendes Duo, denn der aufbrausende Rocket ähnelt verblüffend einem irdischen Waschbär - nur sollte man das ihm gegenüber besser nicht erwähnen -, und Groot ist ein Baumwesen mit erstaunlichen Wachstumsfähigkeiten und kleinem Wortschatz (bestehend aus dem Satz "I am Groot").

Quill and the Gang

Es folgt eine turbulente Auseinandersetzung, die für alle Beteiligten im Gefängnis endet. Aber wie so oft im Kino schweißt auch diese Knasterfahrung zusammen. Quill, Gamora, Rocket und Groot legen ihren Streit also zumindest zeitweise bei und wagen gemeinsam einen Ausbruchversuch. Begleitet werden sie dabei vom hünenhaften Mitinsassen Drax (Dave Bautista), der sich am Massenmörder Ronan für den Tod seiner Familie rächen will. Kaum sind die ungleichen fünf entkommen, müssen sie die gefährliche Wunderkugel entschärfen, Ronan samt seiner Armee aufhalten und obendrein eine Zivilisation retten, in der für sie selbst kein Platz zu sein scheint. Wenn schon Rehabilitation, dann halt richtig schwer.

Nebenbei wird noch mehr prominentes Personal aufgefahren, darunter Glenn Close als Chefin des Nova Corps - einer Art galaktischer Polizei - und Benicio del Torro in der Rolle von Taneleer Tivan, einem undurchsichtigen Sammler rarer Objekte. Einige dieser Auftritte, wie auch die Anwesenheit von Superschurke Thanos, dienen offenkundig der Vorbereitung kommender Fortsetzungen im Marvel Universum. Das alles wird pflichtschuldig erledigt, doch ganz bei sich ist der Film eher, wenn er den generischen Plot und das schon symptomatische Brimborium um mächtige Energiequellen ignoriert und stattdessen die Guardians einfach ein wenig die Galaxis aufmischen lässt.

Zum Glück nutzt die Produktion denn auch die relativ große Gestaltungsfreiheit, welche eine vergleichsweise unbekannte Comicvorlage bietet. In Gunns kurzweiliger Inszenierung knallt es jedenfalls farbenfroh an allen Ecken, und fraglos würde Han Solo in diesem Universum immer zuerst schießen.

Neben unbekümmerter Spaceploitation zeigt der Film aber auch, wie aus einer Handvoll versehrter bis verkorkster Außenseiter eine rührende Ersatzfamilie entsteht. In der haben Drax' amüsante Probleme mit Metaphern ebenso Platz wie Rockets ergreifender "Elephant Man"-Moment ("I'm not an animal!") oder Peter Quills philosophische Exkurse über Kevin Bacon in "Footloose". Wenn dazu noch Groot gefühlig die Äste ausstreckt und Marvin Gaye mit Tammi Terrell "Ain't no mountain high enough" singt, verdrückt vermutlich sogar die hartgesottene Gamora eine Träne.

Darum und dank einer überzeugenden Besetzung - zu der in der englischsprachigen Originalfassung auch Bradley Cooper und Vin Diesel als Sprecher von Rocket und Groot gehören - brauchen diese Guardians keinen Vergleich mit den strahlenden Marvel-Stars zu scheuen. Viele Superhelden bilden Teams, sie dagegen sind eine echte Gang. Und sie haben Soul.

Guardians of the Galaxy

USA, Großbritannien 2014

Regie: James Gunn

Buch: James Gunn, Nicole Perlman

Darsteller: Chris Pratt, Zoe Saldana, Lee Pace, Dave Batista, Benicio del Toro, Glenn Close, Karen Gillan

Produktion: Marvel Films, Marvel Enterprises, The Moving Picture Company

Verleih: Walt Disney Germany

Länge: 122 Minuten

Start: 28. August 2014

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
ManRai 24.08.2014
1. trotzdem ein mieses Marvel comic
leider sind den Filmemachern die Ideen ausgegangen Marvel ist die letzte Bastion des dumpfsinns
Parwes 24.08.2014
2. wow,
8,6 IMDB ein Kinogang wohl doch wert ...
Taiga_Wutz 24.08.2014
3. Hatte mal ein Taschenbuch mit Geschichten der ersten GotG-Generation...
... und freue mich schon auf den Film hier, den ich aber weniger als Marvel-Film erwarte, wie der bisherige Kanon, sondern als irgendwas, was dem Geist der besten SciFi-Serie aller Zeiten - FIREFLY - folgt. Das hier wird sicher auch ein Spaß.
Checkker 24.08.2014
4. Klasse Film,
leider ist die Synchronisation einmal mehr typisch Deutsch. Man sollte sich endlich einmal bequemen, die Übersetztungen nicht in die gleichen Studios zu vergeben, die schon die Edgar Wallace Filme synchronisiert haben.
Antalyaner 24.08.2014
5. Unterhaltsame Kurzweil
Die Helden wollen aus dem Gefaengnis ausbrechen. Der technische begabte Rocket verlangt dafür verschiedene Dinge, um den Ausbruch zu ermöglichen unter anderem die Beinprothese eines Insassen. Nach viel Action werden die Utensilien besorgt und Rocket schafft es tatsaechlich, das Fluchtmobil zu starten. Als ihm Quill die Beinprothese überreicht, bekommt er zur Antwort: "Die brauche ich nicht". "Warum hast du mich dann die Prothese besorgen lassen ? Die hat mich 30.000 gekostet." "Ich habe es halt für einen guten Scherz gehalten". Der Film, den ich im Original mit Untertiteln gesehen habe, ist kurzweilige Unterhaltung ohne Tiefgang. Wer sich zwei Stunden einfach nur amüsieren möchte, ohne irgendwelche cineastischen Ansprüche zu erheben, ist bei diesem Werk recht gut aufgehoben.
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