Oscarkandidat Guillermo del Toro "Märchen sind für Erwachsene!"

Sein Fantasy-Drama "The Shape of Water" ist für 13 Oscars nominiert: Regisseur Guillermo del Toro über heldenhafte Putzfrauen, Diversität - und seine Vorliebe für Abwasserkanäle.

Twentieth Century Fox

Ein Interview von


Zur Person
  • AP
    Guillermo del Toro wurde 1964 im mexikanischen Guadalajara geboren; er drehte unter anderem die Comicverfilmung "Hellboy" und das Fantasy-Drama "Pans Labyrinth". Sein aktueller Film "The Shape of Water", der in diesem Jahr für 13 Oscars nominiert ist, wurde bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, del Toro bei den Golden Globes als bester Regisseur.

SPIEGEL ONLINE: Herr del Toro, in Ihrem neuen Film "Shape of Water" treten eine stumme Putzfrau, ihr schwuler Nachbar und ihre schwarze Freundin gegen einen sehr mächtigen weißen Mann an. Ein Film über das heutige Amerika?

Del Toro: Ja, es ist ein Film gegen Ausgrenzung - und für Diversität. Ich glaube nicht an Reinheit, sondern an wilde Kreuzungen. Sie bringen die schönsten Geschöpfe hervor. Das gilt auch fürs Kino. In "Shape of Water" mischen sich unter anderem Fantasyfilm, Spionagethriller und Musical.

SPIEGEL ONLINE: Sie erzählen in "The Shape of Water" von einer schüchternen, stummen Putzfrau, die sich im Amerika der frühen Sechzigerjahre in ein echsenartiges Wesen verliebt, das in einem Geheimlabor der US-Regierung gefangen gehalten wird. Eine Variation von "Die Schöne und das Biest"?

Fotostrecke

12  Bilder
"The Shape of Water": Guillermos wunderbare Welt

Del Toro: Mir war wichtig, dass die Schöne nicht eine süße, hübsche Prinzessin ist. Und dass das Biest wild ist. Es verschlingt eine Hauskatze. Da steckt kein Prinz drin. Es gilt, dieses Wesen in seiner Andersartigkeit zu respektieren. Jedes Wesen.

SPIEGEL ONLINE: Was reizte Sie an einer Putzfrau als Hauptfigur?

Del Toro: Putzfrauen und Zimmermädchen sind großartige Figuren, denn sie sind Spione des Alltags. Wenn Sie eine Putzfrau haben, dann wissen Sie, wovon ich rede. Vor ihr gibt es keine Geheimnisse. Doch wer den Dreck wegmacht, wird oft wie Dreck behandelt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie als Mexikaner, der in den USA lebt, dafür ein besonderes Gespür?

Del Toro: Ja, wir Mexikaner kennen dieses Gefühl gut, von oben herab behandelt zu werden, nur geduldet zu sein. Ich fühle mich all denen verbunden, die in den USA "die Anderen" genannt werden.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie sich als politischen Filmemacher?

Del Toro: Aber ja! Ich finde zum Beispiel, dass der Horrorfilm das politischste Genre überhaupt ist. Er zeigt, wie menschlich Monster und wie monströs Menschen sein können, wozu sie fähig sind, zu welchen Grausamkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Die Putzfrau und der Echsenmann können beide nicht sprechen, verstehen sich aber irgendwann wortlos. Misstrauen Sie den Worten?

Del Toro: Ja. Die einzigen Monster, vor denen ich Angst habe, sind Politiker, denn sie verwischen ständig die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge. Wer keine Worte benutzt, kann keine Worte verdrehen. Natürlich liebe ich auch den Stummfilm. Als der Ton kam, war das ein gewaltiger Rückschritt für das Kino. Hitchcock ist einer der wenigen Regisseure, denen der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm gelungen ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben über Hitchcock eine mehrere Hundert Seiten lange Studie geschrieben. Warum ist er so wichtig für Sie?

Del Toro: Er hatte sein ganz eigenes Vokabular und war ein Virtuose der Technik. Er hat Märchen für Erwachsene gemacht. "Vertigo" handelt von einem Mann, der in eine seltsame Zwischenwelt entführt wird. Ein magischer Film.

SPIEGEL ONLINE: Hitchcock hat höchst ungern unter freiem Himmel gedreht, sondern lieber im Studio. Wie ist das bei Ihnen?

Del Toro: Ich bin auch ein Stubenhocker. Doch ich habe gelernt, dass du dem Zufall eine Chance geben musst! Damit er zeigen kann, dass er auf deiner Seite steht. Wenn du unter freiem Himmel drehst und plötzlich eine Wolke vor die Sonne zieht und die ganze Szene in ein anderes Licht taucht, ist das unbezahlbar.

SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer Filme spielen in Kellern oder unterirdischen Gebäuden. Sind Sie lichtscheu?

Video-Kritik zu "Shape of Water": Rendezvous mit einem Monster

Del Toro: Die Vorstellung, dass tief unter uns fremdartige, geheimnisvolle, wunderbare Wesen leben, funktioniert einfach hervorragend als Metapher für unsere Gesellschaft, in der es extrem große Unterschiede zwischen oben und unten gibt. Und ich fühle mich zu denen hingezogen, die ganz unten sind. Aber ich liebe es auch einfach, unter der Erde zu sein. War schon als Kind so.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Kinder haben Angst vor der Dunkelheit.

Del Toro: Ich habe mir als kleiner Junge eine Taschenlampe geschnappt und bin in die Kanalisation geklettert. Davon konnte ich gar nicht genug kriegen. Ist heute noch so. Andere Menschen schauen sich Kirchen an, wenn sie in eine andere Stadt reisen. Ich stapfe lieber durch das Abwasser. Ich kenne die Kanalisation von Paris bis Prag, war da überall schon. Ich finde, die Architektur ist fast sakral. Sehr magisch.

SPIEGEL ONLINE: Welche Stadt hat die schönste Kanalisation?

Del Toro: Wien. Knapp vor Prag. Eine etwas langweilige Wahl, zugegeben. Viele Menschen kennen die Wiener Kanalisation aus dem Film "Der dritte Mann". Aber man fühlt sich wirklich in eine ganz andere Welt versetzt, wenn man da unten ist.

SPIEGEL ONLINE: "Shape of Water" beginnt in den Tiefen des Flusses, in den Gebäuden einer versunkenen Stadt. Wollten Sie den Zuschauern von Beginn das Gefühl geben, in einem amphibischen Film zu sitzen?

Del Toro: Ja, ich habe ein sehr intimes Verhältnis zum Wasser. Ich bin zwar ganz schön schwer und rundlich, aber glauben Sie mir: Ich bin ein wirklich guter Schwimmer. Viele Menschen träumen vom Fliegen. Ich träume davon, unter Wasser atmen zu können.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Film ist Wasser ein Element, das die Figuren verbindet.

Del Toro: Wasser ist wie die Liebe. Zärtlich, anschmiegsam. Es umhüllt dich, es schützt dich. Und durchbricht jede Barriere. Aber eben nicht mit Gewalt.

SPIEGEL ONLINE: Ist "Shape of Water" ein Märchen für Erwachsene?

Del Toro: Märchen sind für Erwachsene! In einer Szene gibt es einen Kuss unter Wasser, ein Schuh löst sich vom Fuß der Frau und sinkt in die Tiefe. Bilder wie diese lassen uns den Zauber der Welt wiederentdecken, den wir einst als Kinder empfunden haben. Märchen lassen uns die Welt mit anderen Augen sehen.

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
anna cotty 13.02.2018
1. Ein toller Film!
Ich habe ihn vor kurzem gesehen und er gefiel mir wirklich gut. Ich habe laut aufgelacht---- und vor Spannung auf der Sesselkante gesessen, war geruehrt und schockiert. Wunderbar leise gespielt. Einer der besten Filme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.
derjoey 14.02.2018
2.
Die Nominierungen für Sally Hawkins, Octavia Spencer sowie Richard Jenkins und natürlich Guillermo del Toro freuen mich sehr. Jeder hätte den Oscar verdient.
sven17 15.02.2018
3.
Werde mir den Film am Wochenende ansehen. Bei Guillermo del Toro sind die Filme immer gut. Schade nur, das er den dritten Hellboy nicht drehen durfte. Aber wenn dafür solche Filme gemacht werden ist das verschmerzbarer.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.