SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. August 2018, 20:45 Uhr

Gerhard-Gundermann-Porträt

Einer wie keiner

Von

Es ist einer der differenziertesten, besten Filme über die DDR: Aus dem aufregend widersprüchlichen Leben des Liedermachers Gerhard Gundermann hat Andreas Dresen ein faszinierendes Porträt geschaffen - unser Film der Woche.

Alexander Scheer ist schon eine Schau. Das heißt, eigentlich ist er es gerade nicht, zumindest nicht als Alexander Scheer, weil Scheer regelmäßig abtaucht in seine Figuren. Zuletzt hatte er sich in dem Fernsehzweiteiler "Gladbeck" rauchend und stierend in den Geiselnehmer Dieter Degowski verloren.

Nun erkennt man Scheer in Gerhard Gundermann nicht wieder, der Titelfigur von Andreas Dresens neuem Film. Der 1998 im Alter von nur 43 Jahren verstorbene Gundermann ist ein faszinierend widersprüchlicher Typ, den so wohl nur die selbst so widersprüchliche DDR hervorbringen konnte: ein Liedermacher aus Hoyerswerda, der nie seinen Beruf als Kohlebaggerfahrer in den Tagebauen der Lausitz aufgeben wollte. Ein Künstler, der im Drei-Schichten-System arbeitet, ein Unangepasster, der sagt, was er denkt - das aber auch über Personen in seinem Umfeld gegenüber der Stasi, für die er Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre Inoffizieller Mitarbeiter war.

Die Szene in "Gundermann", die den Eigensinn des Charakters am besten belegt, ist der versuchte Parteiausschluss des überzeugten Kommunisten ("Wenn's die nicht schon gäbe, die Weltanschauung, da hätte ich auch drauf kommen können"). Es wird eigens ein Veteran aufgefahren (Peter Sodann), um den Jungdynamo zur Räson zu bringen. Aber das gelingt nicht, Gundermann kann seine Überzeugungen nicht eintauschen gegen ein bisschen Angst vor der Obrigkeit.

Und er, das ist beste Witz, will sich auch nicht aus der Partei ausschließen lassen. Hat man so was schon gesehen in einem Zeitgeschichtsfilm - einen Widerständler, dessen Widerstand darin besteht, das SED-Parteibuch behalten zu wollen wie ein trotziges Kind? In den meisten Filmen über die DDR sind die Oppositionen einfach: Die Stasi ist böse, die SED auch und jede Bürgerin gibt sich schon lange vor 1989 so tapfer wie Mahatma Gandhi, Nelson Mandela und Rosa Parks zusammen.

Hochgezogene Nase, große Zähne

In "Gundermann" ist das anders. Hier klemmen all' die Schubladen, aus denen Filme wie zu Beginn des Jahres Lars Kraumes "Das schweigende Klassenzimmer" wohlfeil-gelangweilt die immer gleichen Bilder fischen. Obwohl Dresen und seine Autorin Laila Stieler von Beginn an unter dem Eindruck von Gundermanns Stasi-Mitarbeit erzählen, steckt ihre Figur in der Postwende-Gegenwart des Films und den Rückblenden bis in die Siebzigerjahre nicht nur im Schwitzkasten ihres moralischen Dilemmas.

Diese Figur kann auch liebender Papa und nicht immer einfacher Partner von Freundin Conny (Anna Unterberger) sein, selbst eine höchstproblematische Vater-Geschichte haben und Musik machen - die vielen Songs, die im Film ertönen, sind für "Gundermann" musikalisch sanft modernisiert worden, um den zeitlosen Texten ein adäquates Gewand zu verpassen.


"Gundermann"
Deutschland 2018
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Laila Stieler
Darsteller: Peter Schneider, Bjarne Mädel, Alexander Scheer, Milan Peschel, Axel Prahl, Alexander Schubert, Anna Unterberger, Thorsten Merten, Leni Wesselman, Peter Sodann
Produktion: Pandora Filmproduktion
Verleih: Pandora
Länge: 127 Minuten
FSK: keine Einschränkung
Kinostart: 23. August 2018


Das größte Ereignis des Films ist dabei Alexander Scheer, der den komischen Vogel "Gundi" in seiner ganzen Vogelhaftigkeit spielt. Das Spackelige der Figur, die mit hochgezogener Nase, großen Zähnen und unschicken Brillen durchaus stullig in die Welt schaut, gerät nie zur Karikatur, sondern füllt sich mit Eigenleben: Scheer entwickelt eine Kunstfigur, die man irgendwann nicht mehr vom echten Gundermann unterscheiden kann, wenn der durch Fernsehmaterial im Film auftaucht.

Ein Individuum, das sich nicht festlegen lässt, das so beweglich und spontan ist wie das Amalgam seiner Sprache, die Scheer aus Thüringer Färbung, Dresdner Hebungen und Berolinismen ("ick", "wa") zusammensetzt. Wenn Alexander Scheer dafür nicht alle Schauspielerpreise gewinnt, die in nächster Zeit vergeben werden, dann gibt es keinen Fußballgott.

Die Obstschale verrät sie

"Gundermann" ist darüber hinaus aber auch groß, weil das Szenenbild von Susanne Hopf DDR und Neunzigerjahre unaufdringlich und mit großer Liebe zum Detail einrichtet. Weil Laila Stielers Drehbuch einen präzisen, aber uneitlen Ton findet, der in der Linie der Wolfgang-Kohlhaase-Lakonik steht ("Der Kollege hat den Vor- und Nachteil, dass er sagt, ausspricht, was er denkt", befindet eine Kollegin nüchtern über Gundi). Und weil Dresen mit Sinn für Motivik inszeniert: eine überkandidelt geschwungene Obstschale wird zum Symbol der Korruption, weil sie als Stasi-Prämie erkennen lässt, wer mitgemacht hat.

"Gundermann" ist einer der reichsten, differenziertesten, tollsten Filme über die DDR. Und vielleicht der beste, den Dresen je gemacht hat, weil sich dessen Menschenfreundlichkeit hier am Ende nicht auf dem Parkplatz der Versöhnung abstellen lässt. Es bleibt etwas offen in "Gundermann".

Im Video: Der Trailer von "Gundermann"

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH