iPhone-Filme von Gus van Sant und Steven Soderbergh Ganz kleines Kino

Die Indie-Ikonen Gus van Sant und Steven Soderbergh drehen ihre Filme auf dem Smartphone und verkaufen sie an Amazon. Was für ein Kino entsteht so?

Joaquin Phoenix und Jonah Hill in "Don't Worry, He Won't Get Far on Foot"
Scott Patrick Green

Joaquin Phoenix und Jonah Hill in "Don't Worry, He Won't Get Far on Foot"

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Auf die Frage, wie man einem Laien am besten die verschiedenen Sektionen der Berlinale erklären könnte, unkte ein Kollege einmal, dass man besser nicht nach inhaltlichen Kriterien suchen sollte: Im Forum würden einfach die Independent-Produktionen mit gar keinem Geld laufen, im Panorama die mit ein bisschen Geld und im Wettbewerb die mit einigermaßen viel Geld.

Nun ist gerade mit Steven Soderberghs "Unsane" ein Film im Wettbewerb gelaufen, der in zehn Tagen und ausschließlich auf iPhones gedreht wurde. Es passt nicht nur zur Berlinale, dass auch behelfsmäßige Erklärungen ihrer kompliziert gewachsenen Struktur von einem Jahr zum nächsten hinfällig werden. Es passt zur gesamten Filmbranche im Jahr 2018. Was ein großer Film ist und was ein kleiner und wie sie jeweils ihr Publikum finden, wandelt sich gerade branchenweit radikal - und das hat auch weitreichende Folgen für die Festivals. Drei Schlaglichter dazu:

  • "Moonlight" war 2016 irgendwo in den Tiefen von Telluride, dem Festival, das sich zwischen Venedig und Toronto reingequetscht hat, verborgen gewesen. Am Ende war das Zweitlingswerk von dem unbekannten Regisseur Barry Jenkins mit seinem Budget von 1,5 Millionen US-Dollar der günstigste Gewinner des Hauptpreises "Bester Film des Jahres", den die Oscars jemals hatten.
  • Martin Scorseses nächster Film "The Irishman" mit Robert de Niro soll nach neuesten Angaben noch teurer als die zunächst avisierten 140 Millionen Dollar werden. Er wird nur auf Netflix zu sehen sein. Nach dem Wirbel, den Netflix-Produktionen im vergangenen Jahr in Cannes ausgelöst haben, sind Filme ohne Kinoauswertung künftig vom Wettbewerb des Festivals ausgeschlossen.
  • Christopher Nolans experimenteller Kriegsfilm "Dunkirk", der keinen Hauptdarsteller hat, lief auf keinem Festival. Er spielte weltweit über 525 Millionen Dollar ein und ist für acht Oscars nominiert.

Dieser Umbruch betrifft die "großen Festivals" wie Cannes, Venedig und die Berlinale insofern, als sie immer noch auf die vermeintlich "großen Filme" ausgerichtet sind - also Filme mit großen Themen, großen Stars und großen Weltpremieren, die vom roten Festivalteppich aus vorzugsweise direkt weiter zu den Oscars wandern.

Am besten funktioniert dieser Ansatz noch in Venedig: Dessen aktueller Gewinnerfilm "The Shape of Water " von Guillermo del Toro ist mit 13 Nominierungen der, nun ja, große Oscarfavorit. Cannes greift dagegen das anspruchsvolle Autorenkino ab, bei dem zumindest die Namen - Todd Haynes! Sofia Coppola! Roman Polanski! - groß sind.

Horror auf dem Handy

Und die Berlinale? Hat am schwersten mit der neuen Mischung aus klein-groß und klein-klein zu kämpfen. Kleinen Filmen - siehe Sektion Forum - hat sie schon immer den meisten Platz unter den A-Festivals eingeräumt. Wenn nun auch die anderen Filme schrumpfen, müssen eben doch wieder inhaltliche Kriterien her, um die Systematik des Festivals mit Sinn und Leben zu erfüllen.

Wie das aussehen kann, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen, wenn eine neue Leitung ihre Ideen entwickeln und umsetzen kann. In der Zwischenzeit sind es vor allem die Filme auf der Berlinale, die ein neues Verständnis von Größe und Reichweite des Kinos unter den Bedingungen der Digitalisierung erkunden.

Claire Foy in "Unsane: Ausgeliefert"
Fingerprint Releasing / Bleecker Street

Claire Foy in "Unsane: Ausgeliefert"

Jemand, der bei diesem Suchtrupp immer vorneweg stürmt, ist Steven Soderbergh. Sein Handy-Film "Unsane: Ausgeliefert" (deutscher Kinostart: 29. März) ist gewissermaßen das Begleitexperiment zu seiner traditionell gefilmten, aber neuartig finanzierten Krimikomödie "Logan Lucky". An zehn Tagen und zwischen zwei PR-Touren für "Logan Lucky" gedreht, wirkt "Unsane" wie ein ausgedehnter Probedreh, bei dem sich Soderbergh - er hat erneut selbst Kamera geführt - mit dem neuen und so unfassbar günstigen Equipment vertraut macht.

Der Horrorplot um die junge Bankerin Sawyer (Claire Foy, "The Crown"), die gegen ihren Willen in einer psychiatrischen Einrichtung festgehalten wird, ist dabei nicht ohne Reiz. Immer wieder zeigt Sawyer ein anderes Gesicht, ist einmal manipulativ, dann von Angst gelähmt und dazwischen attackiert sie ihre Mitinsassen. Ist sie vielleicht doch aus gutem Grund in der geschlossenen Abteilung gelandet?

Die ungefilterte Handykamera, die Schweiß, Pickel und vor allem vor Panik weit aufgerissene Augen so unmittelbar einfängt, ergänzt dabei die eher grobe Psychologie des Films sehr schön. Gleichwohl treten auch die Mängel der Aufnahmetechnik deutlich hervor: Am besten funktionieren Zentralperspektiven, da die Bildränder mitunter gebogen aussehen können. Auch bei Totalen, in denen die Bewegung einer Figur verfolgt wird, entstehen Krümmungen im Bild. Und viel Wert auf Ausstattung zu legen, scheint sich bei so wenig Detailschärfe auch nicht zu lohnen.

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Berlinale 2018: Die besten Filme des Festivals

Brav gestreamt

Wie Soderbergh mit diesen Erfahrungswerten umgeht, wird sich bald zeigen: Der manische Arbeiter, der als Nächstes ein Projekt zu den Panama Papers umsetzen wird, hat bereits angekündigt, nur noch auf dem iPhone drehen zu wollen.

Gus van Sant, der fast zur selben Zeit wie Soderbergh zu den Regiestars der US-Independent-Szene aufstieg, versucht derweil einen anderen Weg, um in der sich wandelnden Kinolandschaft zu bestehen: Sein neuer Film "Don't Worry, He Won't Get Far on Foot", der ebenfalls soeben im Berlinale-Wettbewerb zu sehen war, ist von Amazon Studios gekauft worden.

Joaquin Phoenix und Jonah Hill in "Don't Worry, He Won't Get Far on Foot"
Scott Patrick Green

Joaquin Phoenix und Jonah Hill in "Don't Worry, He Won't Get Far on Foot"

Amazon Studios setzen im Gegensatz zum großen Konkurrenten Netflix auf einen Kinostart vor der Streamingpremiere, ihre Filme bereiten Festivals deshalb keine Kopfschmerzen, haben dank "Manchester by the Sea" auch schon einen Oscar aufzuweisen - und mit Todd Haynes' "Wonderstruck" bereits eine weitere Ikone der US-Indies in ihrem Bestand.

Im Verbund mit "Wonderstruck", aber auch mit "The Meyerowitz Stories" von Noah Baumbach (verfügbar auf Netflix) scheint "Don't Worry..." eine wichtige Entwicklung aufzuzeigen: Wohin es inhaltlich und formal für Filme geht, die unabhängig von den traditionellen Filmstudios gedreht wurden, nun aber von den neuen, aufsteigenden Playern der Industrie protegiert werden.

Es ist ein Kino der Vertrautheit und der Gemütlichkeit, das hier gefördert wird. Eines, das für einen Streamingabend mit aufs Sofa darf und auch sonst ein pflegeleichter, weil zurückhaltender Hausgast ist. Gus van Sant hat auch mal ein anderes Kino gemacht - zum Beispiel den brillanten Cannes-Gewinnerfilm "Elephant" von 2003 über Highschool-Shootings. Aber zumindest das Personal des neuen Films erinnert an van Sants wunderbar räudige Anfangstage: "Don't Worry" ist ein Biopic über den alkoholkranken Malhandwerker John Callahan (gespielt von Joaquin Phoenix), der nach einem Autounfall querschnittsgelähmt ist. In der Folge findet er als Zeichner von anarchischen Cartoons zu einigem Ruhm in seiner Heimatstadt Portland. Doch erst der Entschluss, mithilfe der Anonymen Alkoholiker und ihrem 12-Schritte-Plan nüchtern zu werden, lässt John in seinem neuen Leben ankommen.

Eine fragmentierte Erzählstruktur, die zwischen verschiedenen Zeiten in Johns Leben hin und her springt, sowie ein herausragender Jonah Hill, der Hauptdarsteller Phoenix völlig gelassen an die Wand spielt, retten "Don't Worry" vorm Versinken in der eigenen Erbaulichkeit. Am interessantesten am Film sind aber die zahlreichen Gastauftritte: Indie-Musik-Ikonen Beth Ditto, Carrie Brownstein und Kim Gordon spielen wichtige Vertraute in Johns Leben.

Im Film bilden sie seine Support-Group - und außerhalb wahrscheinlich die von Gus van Sant. Nachdem erst die unabhängigen Institutionen der Musikbranche weggebrochen sind, dann die der Filmbranche, finden ihre Schlüsselfiguren nun Unterschlupf beim scheinbar unaufhaltbaren global player Amazon. Ein erster Schritt in eine neue Zukunft - nur ob, wie bei den Anonymen Alkoholikern, am Ende Freiheit und Erlösung stehen, ist ungewiss.

insgesamt 3 Beiträge
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philosophus 22.02.2018
1. Die Aussage zählt...
Ein Film, ist in erster Linie ein Medium durch welches ein Regisseur eine Geschichte erzählt. Ist seine Geschichte aussagekräftig und interessant, ist der Film gross. Hat der Film nichts zu sagen, ist er unbedeutend und klein. Das Aufnahmematerial und die Filmtechnik drumrum, hat dabei eine sekundäre Bedeutung. Der berühmte Photograf Helmut Newton auf die Frage warum er einfache Technik benutzt: ?I think things are complicated enough without making them more so, I think this is why my technical equipment is very simple, very basic*because it gives me more time to work with the girl which is the most important thing.?... Also, to the point...
frank.huebner 23.02.2018
2. Geld ist egal
Ein Film kann noch noch so teuer sein, wenn die Handlung schrott ist, die Schauspieler nicht rüberkommen oder der Film seelenlos abgedreht wird, dann wird der Film nicht erfolgreich. Und wenn ein Regisseur "nur" mit einem Handy, aber mit einer tollen Idee und glaubwürdigen Schauspielern einen sehenswerten Film macht, dann werden sich die Leute auch den ansehen. Wie viele grottenschlechte Filme, die zwar viel Kohle kosteten, aber bis auf nette CGI nicht wirklich sehenswert waren, kamen denn in den letzten Jahren in die Kinos? ZU viele. Mich freut die Entwicklung. Es kommt nicht auf die Produktionskosten an, obwohl das gerade bei vielen Filmforen und Zeitschriften seeeehr wichtig bei der Bewertung zu sein scheint.
frida1209 23.02.2018
3.
Na ja, Soderbergh war nicht der erste, der auf iPhone gedreht hat, wie hier suggeriert wird. Ich erinnere an den Indie-Film Tangerine aus dem Jahr 2015 von Sean Baker und Chris Bergoch. Schon vergessen?
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