"Hacksaw Ridge" von Mel Gibson Superchrist geht durch die Hölle

"Hacksaw Ridge" ist ein schockierendes Gemetzel mit frommer Botschaft: kein Gegensatz für Mel Gibson. Mit dem Film über einen realen pazifistischen Kriegshelden feiert er sein Comeback als Regisseur.

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Wie wird man zum Kriegshelden, ohne zu töten? Wie überlebt man eine der schlimmsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs und rettet 75 verletzte Kameraden, ohne eine Waffe zu benutzen? Desmond Doss hat das, was man ein Wunder oder eine übermenschliche Leistung nennen kann, vollbracht. Der junge, gläubige Soldat aus Lynchburg, Virginia, meldete sich nach dem Kriegseintritt der USA freiwillig für den Einsatz im Pazifik, verweigerte aber den Dienst an der Waffe.

Als Sanitätssoldat wurde er 1945 im erbitterten Kampf um Okinawa auf der gleichnamigen japanischen Insel eingesetzt. Im Kugelhagel der gegnerischen Truppen half er 75 verwundeten Soldaten vom Schlachtfeld und rettete ihnen das Leben, indem er sie eigenhändig, einen nach den anderen, mit einer Seilkonstruktion eine steile Klippe hinabbeförderte. Für seine Heldentat an der martialisch betitelten "Hacksaw Ridge", dem "Sägenkamm", wurde Doss als erster Gewissensverweigerer überhaupt mit der Medal of Honor ausgezeichnet, einer der höchsten Ehrungen des US-Militärs. Seine Geschichte kommt nun als einer der wohl schockierendsten und blutigsten Feelgood-Filme der Geschichte ins Kino. "Hacksaw Ridge" ist ultra-fromm in seiner Botschaft und erbarmungslos brutal in seinen Bildern von zerfetzen Leibern und klaffenden Wunden.

Für Mel Gibson ist das kein Gegensatz. Der 61-jährige Schauspieler und Filmemacher erlebt mit "Hacksaw Ridge", seiner ersten Regiearbeit seit dem Dschungelhatz-Horror "Apocalypto" (2006), ein überraschendes Comeback. Sogar eine Oscar-Nominierung könnte drin sein für den Achtzigerjahre-Superstar, der in Hollywood nach mehreren rassistischen Äußerungen und einem alkoholinduzierten Antisemitismus-Ausbruch in Ungnade gefallen war. Gibson, im traditionellen katholischen Glauben der Sedevacantisten erzogen, kennt sich aus mit inneren Dämonen, mit dem ewigen Konflikt zwischen Sünde, Selbstzerstörung und der Sehnsucht nach Reinheit und Erlösung.

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"Hacksaw Ridge": Samariter auf dem Schlachtfeld

Wenn er in seinen Filmen das Ringen des Menschen mit seiner animalischen Mordlust auslotete, im Schotten-Gemetzel "Braveheart" ebenso wie im Splatter-Martyrium "Die Passion Christi", schreckte er selbst vor explizitesten Gewaltdarstellungen nicht zurück. Sein Wille, stets bis an die Grenze des Zumutbaren zu stoßen, verleiht Gibsons blutigen Inszenierungen ihre abstoßende Wirkungsmacht. Aber auch eine wollüstige, beunruhigende Feierlichkeit wohnt seinen Exzessen inne.

Schon in den Hügeln Virginias lauert das Trauma

So ist es auch in "Hacksaw Ridge". Dessen immersiv-durchrüttelnde Schlachtfeld-Szenen (es gibt mehrere längere Sequenzen, eine gleich zu Beginn) erinnern an die ersten 15 Minuten von Steven Spielbergs "Der Soldat James Ryan", seit bald 20 Jahren das Maß für die im Kino illustrierte Hölle des Krieges. Wie Doss, mit packender Intensität gespielt von Andrew Garfield, inmitten dieses Infernos körperlich und geistig über sich selbst hinauswächst, ist mit mitreißender Leidenschaft inszeniert.

Gibsons Faszination für die staunenswert reale Figur ist offensichtlich, sie beherrscht den gesamten Film. Doss, Mitglied der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, also Protestant, dient dem Katholiken Gibson als Beleg, wie stark, erhaben und edel ein Christ sein kann, wenn er nur das größte aller Gebote bis zum Äußersten beherzigt: Du sollst nicht töten.

Hacksaw Ridge

    USA 2016

    Regie: Mel Gibson

    Drehbuch: Robert Schenkkan, Andrew Knight

    Darsteller: Andrew Garfield, Sam Worthington, Vince Vaughn, Luke Bracey, Teresa Palmer, Hugo Weaving, Rachel Griffiths

    Produktion: Cross Creek Pictures, Demarest Media, IM Global, Icon Productions

    Verleih: Universum

    Länge: 140 Minuten

    FSK: freigegeben ab 16

    Start: 26. Januar 2017

Gespiegelt wird die Hölle an der Hacksaw Ridge am Südstaatenidyll in den Blue Ridge Mountains, wo Desmond Doss in einfachsten Verhältnissen auf einer kleinen Farm aufwächst. Doch auch hier, in den warmen Farben der Natur und den geschwungenen Hügeln Virginias, lauert bereits das Trauma. Doss' Vater (Hugo Weaving) neigt nach seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg zu häuslicher Gewalt und Alkoholismus. Wie dünn der Firnis der Zivilisation ist, erlebt der junge Desmond, als er beim Spielen beinahe seinen Bruder erschlägt, ein Kain- und Abel-Gleichnis vor Hillbilly-Kulisse. Als sein Vater im Rausch die Mutter mit der Waffe bedroht und Desmond sich dazwischen wirft, erwacht, mit Blick auf eine Bibeltafel an der Wand, sein fortan eherner Glaube an den Pazifismus.

Zeitgeistiger Sog eines realen Superhelden

Gerade aber in der Schilderung der frömmelnden Kleinstadtgemeinde verschenkt Gibson die Chance, den Blick über seinen Protagonisten hinaus ins Gesellschaftliche zu wenden. Auch die zuerst schüchterne, dann flammende Romanze zwischen dem Teenager Desmond und der Krankenschwester Dorothy (Teresa Palmer) bleibt generisch, ebenso wie die Szenen, die Doss im Ausbildungscamp der Armee zeigen. Wegen seiner Gewaltablehnung gilt Doss als Feigling und wird von Kameraden und Vorgesetzten (u.a. Vince Vaughn und Sam Worthington) schikanös unter Druck gesetzt, den Dienst zu quittieren. Man kann nichts anfangen in der Tötungsmaschinerie für einen, der nicht zum Killer werden will.

Das Bootcamp, den Drill-Sergeant, die Konflikte in der Zweckgemeinschaft junger Rekruten, all das hat man im Kriegsfilm schon effektiver gesehen, vor allem in Stanley Kubricks "Full Metal Jacket", der sich auf philosophischere Weise mit der Dualität des Menschen beschäftigt. Und auch für die Zumutungen des Pazifikkriegs gibt es bessere, ähnlich spirituell durchwirkte Beispiele wie Terrence Malicks "Der schmale Grat". Nicht zuletzt die hier bis auf wenige Ausnahmen anonymen japanischen Antagonisten wurden in Clint Eastwoods Film-Doppel "Flags Of Our Fathers"/"Letters From Iwo Jima" menschlicher und differenzierter dargestellt.

Trailer ansehen: "Hacksaw Ridge":

Und doch verfügt die schwer moralische Erbauungsdidaktik von "Hacksaw Ridge" über einen zeitgeistigen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann - vielleicht auch, weil Hauptdarsteller Garfield zuvor als "Spider-Man" zum Popstar wurde. Mel Gibson, mit seinem Blick für Action und Auratisches, erkannte in Desmond Doss die Origin-Story eines Superhelden. Dessen Kampf um Werte und Überzeugungen spielt sich jedoch nicht im fiktiven Comic-Universum von Marvel und DC ab, wo Brutalität und Gewalt immer relativ sind, sondern in der Realität.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Max Super-Powers 23.01.2017
1.
Warum kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor es in gewisser Hinsicht bedauert, dass der Protagonist aus christlichen Glaubensgründen zum Pazifist wurde?
philemajo 23.01.2017
2. Grundsätzlich positiv, ...
dass es auch Heldenerzählungen über Vorbilder gibt, die sich nicht mit dem Maschinengewehr den Weg bahnen! Ob jetzt religiös missionarisch oder atheistisch erzählt, steht auf einem anderen Blatt. Allerdings brauche ich die extensiven und expliziten Gewaltexzesse nicht, um mir reales Kriegsleid vorzustellen. Mag der Zuschauer bei Braveheart noch ein bisschen Nachhilfe hinsichtlich des rohen Mittelalters gebraucht haben, kann man sich unter Kriegsgewalt im 20.Jhdt. genug vorstellen.
akeley 23.01.2017
3. bumm
Der Film könnte ein wohltuendes Gegengewicht zur allgegenwärtigen martialischen Vernichtungsrhetorik in den USA sein, wo vom evangelikalen Häuschenbesitzer bis zum Präsidenten alle mitmachen. Wer uns zwickt, dem reißen wir den Arm aus, wer auf unseren Rasen tritt, den erschießen wir, denn Gott will es so, das ist unser Recht, unser Schutz. Vielleicht erreicht die Botschaft des Films Gläubige, die Frieden propagierende Atheisten schon nach wenigen Sätzen aus Glaubensgewissheit oder -unsicherheit geistig ausmauern.
snickerman 23.01.2017
4. Zu bedenken wäre...
dass dieser Mann- dessen tapferen Einsatz ich großartig finde- nur Pazifist bleiben konnte, weil seine Kameraden keine waren. Schön wäre es ja, wenn wir alle so sein könnten, aber ohne die Männer, die an den Waffen dienten, wäre sein Pazifismus leider Selbstmord gewesen...
Ringmodulation 23.01.2017
5. Eine erbärmliche Rezension
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die gesamte Rezension unter dem Vorsatz oder mit der Vorgabe geschrieben wurde, einen guten Film schlecht zu reden, weil der Regisseur nicht für sein Werk gelobt werden soll. Was ist am Pazifismus denn "ultra-fromm"? Der unbedingte Wille, sich nicht am Töten zu beteiligen? Was ist überhaupt so falsch an Frömmigkeit? Hohe Authentizität ist bei Spielberg selbstverständlich etwas Gutes, bei Gibson ist es "Splatter" und "schockierendes Gemetzel". Einheit der Zeit ist bei anderen ein klassisches Stilmittel, bei Gibson kritisiert man, dass er keine expliziten Verweise auf die Gegenwart einbaut. Vielleicht möchte Gibson diesen Transfer ja dem Zuschauer überlassen, statt ihm alles vorzukauen? Das mit der "Duality of Man" ist übrigens ein Witz in Full Metal Jacket, und nicht etwa die Botschaft des Films. "Colonel: Whose side are you on, son? Private Joker: Our side, sir".
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