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Filme über Missbrauch: Wo Gewalt beginnt

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Von der Mutter zum Sex genötigt, vom Vater zum Sex versklavt: Mit "That Lovely Girl" von Keren Yedaya und "Härte" von Rosa von Praunheim nähern sich zwei aktuelle Kinofilme dem Thema Missbrauch in der Familie.

"Dein Schwanz gehört mir!" Als seine Geliebte Hanna diesen Satz übers Handy zu ihm sagt, rastet Andreas Marquardt aus. Er vollzieht mit seinem Sportwagen eine Kehrtwende, fährt zu ihrer Wohnung zurück und schlägt sie krankenhausreif. Nicht der Besitzanspruch, den der Satz formuliert, macht den Zuhälter wahnsinnig. Sondern der Umstand, dass er ihn schon zu oft gehört hat. Von seiner eigenen Mutter.

"Härte" heißt der semi-dokumentarische Film, den Rosa von Praunheim aus der Lebensgeschichte von Andreas Marquardt gemacht hat. Man kann den Titel als Anspielung auf Marquardts Berufsleben verstehen: Zuhälter, Schutzgeldeintreiber, professioneller Karatekämpfer. Man kann den Titel aber auch auf Marquardts Kindheit beziehen: Als Baby übergoss ihn der Vater mit Wasser und stellte ihn bei Minusgraden auf den Balkon, damit er erfrieren würde. Später bricht er ihm absichtlich die Hand. Als der Vater die Familie endgültig verlassen hat, beginnt seine Mutter, ihn zu missbrauchen. Bis weit in die Pubertät hinein zwingt sie ihn zu sexuellen Handlungen bis hin zum Geschlechtsverkehr.

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"Härte": In der Abwärtsspirale der Gewalt
Ein "Hassprogramm gegen Frauen" habe er damals gefahren, erzählt Marquardt in den Interviewpassagen von "Härte". Sieben, acht Frauen hatte er gleichzeitig als Freundin, alle schickte er auf den Strich. Als er seine spätere Lebensgefährtin Marion Erdmann das erste Mal im Freibad traf, dachte er: "Die ist wie ein Sechser im Lotto. Die bringt sicher tausend Mark am Tag ein."

Was seit seinen Tagen als brutaler Lude passiert ist, lässt sich aus Marquardts reflektierter Wortwahl heraus hören: Er hat eine Gesprächstherapie gemacht. Wegen Zuhälterei, Menschenhandel und Waffenbesitz zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, beginnt Marquardt während der Haft, zusammen mit dem Psychotherapeuten Jürgen Lemke das Erlebte aufzuarbeiten. 2007 erscheint ihr gemeinsames Buch "Härte", auf dem auch von Praunheims Film basiert.

Der brutale Charme des Luden

Die Zeit bis zur Haftstrafe stellen von Praunheim und Kamerafrau Elfi Mikesch in zunächst irritierend künstlich anmutenden Spielszenen nach. In schwarzweiß gefilmten Studiokulissen, in denen Wände zum Teil durch Fototapeten ersetzt sind, skizzieren sie ein muffiges Westberlin mehr, als dass sie es auferstehen lassen. Ebenso abstrakt die Missbrauchs- und Gewaltszenen. Zwar sieht man, wie die Mutter (furchtlos gespielt von Katy Karrenbauer) ihrem Sohn den bloßen Hintern hinhält und ihn mit den Worten ermuntert, "wenn es so schön feucht ist, machst du alles richtig". Doch das Kind sieht man nie.

Dieses erzählerische Auf-Distanz-Halten ist entscheidend. "Härte" will Gewalterfahrungen nachvollziehbar machen, ohne die traumatische Aura der Erlebnisse durch eine realistische Inszenierung (erneut) heraufzubeschwören. Was nicht heißt, dass die Spielszenen nur illustrativ funktionieren, die Leistungen der Darsteller sind überaus eindringlich. Hanno Koffler ("Freier Fall") fängt mühelos den brutalen Charme des jungen Andreas Marquardt ein. Luise Heyer ("Jack") macht als Marion Erdmann wiederum deren andauernden Kampf um Selbstbehauptung spürbar. Wenn das echte Paar Marquardt-Erdmann zum Schluss in Farbe und in inniger Umarmung zu sehen ist, soll aber klar sein: Was passiert ist, ist Geschichte - und in schwarzweiß für immer aus der Gegenwart gebannt.

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"That Lovely Girl": Verführt vom Vater

Von so viel Versöhnlichkeit kann in dem Spielfilm "That Lovely Girl" von Keren Yedaya nicht die Rede sein. Die israelische Goldene-Kamera-Gewinnerin ("Or") erzählt schonungslos von der inzestuösen Beziehung der 20-Jährigen Tami (Maayan Turgeman) zu ihrem brutalen Vater Moshe (Grad Tzahi). Alles ist hier zu sehen: Tamis Fressattacken, die sie ereilen, wenn der Vater sie allein in der Wohnung zurücklässt, der gewaltsame Analsex, den Moshe als Wiedergutmachung für kleinste Unachtsamkeiten von Tami einfordert.

Der Schauer, den einem solche Szenen über den Rücken jagen, ist berechenbar und damit potenziert unangenehmer. Dennoch liefert "That Lovely Girl" mehr als Schockwerte, denn der Film nimmt die Beziehung zwischen Tochter und Vater, so widerwärtig sie auch ist, als Beziehung ernst - und dringt gerade deshalb tief in ihre brutale Dynamik vor.

Tatsächlich erleben die beiden immer wieder Momente banaler, harmonischer Häuslichkeit. Hier ist die Grundlage von Tamis emotionaler Abhängigkeit von ihrem Vater zu finden, denn für sie verschwimmen immer wieder die Grenzen von beiläufiger Vertrautheit zu handfestem Missbrauch. Das mag man schwer erträglich finden, gleichzeitig erklärt es, warum sich Tami nicht von ihrem Vater lösen kann - bis er mit einer neuen Freundin auftaucht und Tami sich entscheiden muss, für was sie eigentlich kämpfen will: für die Beziehung mit dem Vater oder endlich, endlich gegen sie?

Sehen Sie hier den Trailer zu "That Lovely Girl":

In gewisser Weise füllt "That Lovely Girl" mit seiner genauen Beobachtung der missbräuchlichen Eltern-Kind-Beziehung eine erzählerische Lücke in "Härte". Wie kurz erzählt wird, hat Andreas Marquardt in der Therapie mit Schuldgefühlen zu kämpfen, dass er sich nicht gegen die Übergriffe seiner Mutter gewehrt hat, ja sie zum Teil sogar genießen konnte. "That Lovely Girl" macht deutlich, dass der Missbrauch schon vor der ersten Berührung beginnt: nämlich dadurch, sein Kind emotional so bedürftig werden zu lassen, bis es über jede Art von Zuwendung dankbar ist.

That Lovely Girl

Originaltitel: Harcheck mi headro

Israel/Deutschland/Frankreich 2014

Regie: Keren Yedaya

Buch: Keren Yedaya nach einem Roman von Shez

Darsteller: Maayan Turjeman, Tzahi Grad, Yael Abecassis, Tal Ben-Bina

Produktion: Transfax Film Productions, Bizibi, Riva Filmproduktion et al.

Verleih: Aries Images

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Start: 23. April 2015

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Neu im Kino: Tops und Flops
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insgesamt 26 Beiträge
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1. Wichtige Filme
cherrypicker 23.04.2015
Dass sind Themen, die wichtig sind, aber von denen in Deutschland kaum einer etwas hören möchte. Missbrauch findet zu 80% innerhalb des Nahumfelds (Familie, Verwandte und enge Freunde) statt. Frauen sind häufig die Opfer, können aber auch Täterin sein. Und: Mit der nötigen Gewalterfahrung wird jeder Mensch entweder zum psychischen Wrack oder zum Psychopathen -- oder beides. Aber in unserem Land wird sich ja lieber über Vorratsspeicherung oder den Herrn Edathy das Maul zerrissen, als ob das etwas lösen würde. Aber so können alle in ihre schöne, heile Alltagswelt zurückkehren, gell? Vielleicht wird nebenan gerade die Nachbarstochter missbraucht, aber dann drehen wir eben den Fernseher etwas lauter. Ist gerade so kuschelig ...
2. und diese Filme
002614 23.04.2015
natürlich um 20.15 Uhr zeigen, mit den brutalsten Szenen zusammenhanglos in vielen Filmwerbungen schon Tage vorher, damit auch alle Kinder und Jugendlichen die Brutalität und Verderbtheit unserer Gesellschaft kennenlernen. Wenn wir nicht selber schuld sind am verrohten Bewußtsein und Handeln vieler unserer Kinder und Jugendlichen - wer dann?
3. Transgenerationaler Kreislauf
dorok 23.04.2015
„…macht deutlich, dass der Missbrauch schon vor der ersten Berührung beginnt: nämlich dadurch, sein Kind emotional so bedürftig werden zu lassen, bis es über jede Art von Zuwendung dankbar ist.“ Gut erkannt, Frau Pilarczyk! Und in diesen Zustand der extremen emotionalen, mentalen und physischen Bedürftigkeit kommen Kinder, wenn schon ihre Mütter (und Väter) SELBER emotional so eingeschränkt sind (z.B. durch eigene Traumata in der frühen Kindheit, bzw. mit engen Bezugspersonen), dass sie überhaupt nicht in der Lage sind, ihren Kindern das zu geben, was diese dringend benötigen. Und so setzen sich der Hunger und die Bedürftigkeiten von Generation zu Generation fort. Mit all ihren verheerenden Folgen - von Vernachlässigung über Missbrauch bis TäterInnenschaft...
4.
ned divine 23.04.2015
entschuldigung, das ist ekelhaft und pervers, solche filme dienen nur, irgendwelche fantasien von perversen zu bedienen. Wer braucht denn bitte sowas?? Schlimm, dass es sowas gibt, schlimmer wenn sowas noch in Filmen verramscht wird, damit Geld verdient wird, weil sich Schauspieler, Reggisseure, Kameraleute etc. für solche Themen hergeben. Pfui, echt mal!! Das muss nicht sein. Und damit ist leider auch niemandem geholfen, weder den Opfern noch den Tätern...
5.
Greyjoy 23.04.2015
Zitat von ned divineentschuldigung, das ist ekelhaft und pervers, solche filme dienen nur, irgendwelche fantasien von perversen zu bedienen. Wer braucht denn bitte sowas?? Schlimm, dass es sowas gibt, schlimmer wenn sowas noch in Filmen verramscht wird, damit Geld verdient wird, weil sich Schauspieler, Reggisseure, Kameraleute etc. für solche Themen hergeben. Pfui, echt mal!! Das muss nicht sein. Und damit ist leider auch niemandem geholfen, weder den Opfern noch den Tätern...
Na wenn Sie das sagen.
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