Großes Horror-Debüt Auf Nummer unsicher

In den Alpen ist der Teufel los - oder tobt er nur im Kopf einer einsamen Frau? Lukas Feigelfeld lässt in seinem Debütfilm virtuos die Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit verschwimmen.

Forgotten Film Entertainment

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Vielleicht ist es von diesem bildgewaltigen Film doch ein Geräusch, das am stärksten in Erinnerung bleibt: Der röchelnde, nein, kratzende, nein, rasselnde Atem der namenlosen Mutter (Claudia Martini), bevor sie stirbt. Akustisch nachdrücklicher ist selten jemand aus dem Filmleben geschieden. Dass die kleine Tochter Albrun (Celina Peter) an der Leiche Pestbeulen entdeckt, ist allerdings auch nicht unwichtig. Denn der Horror, von dem wir hier mit Ohr und Auge Zeugin werden, spielt im Mittelalter, irgendwo in den österreichischen Alpen.

Zeit und Genre sind ungewöhnlich für einen Debütfilm, oft wagen sich Filmemacherinnen und -macher erst über einen vertrauten, autobiografisch gefärbten Stoff an das wenig geübte Handwerk des Inszenierens. Lukas Feigelfelds Debütfilm "Hagazussa - Der Hexenfluch" sticht deshalb schon durch seine Anlage aus der Menge der Debüt- und Abschlussfilme der deutschsprachigen Filmhochschulen heraus. Doch hier stimmt noch mehr als ein wagelustiger Erzählansatz.

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"Hagazussa - Der Hexenfluch": Auf Nummer unsicher

Etliche Jahre nach dem Tod ihrer Mutter findet sich Albrun (jetzt gespielt von Aleksandra Cwen) in derselben Situation wie einst ihre Mutter wieder: Die junge Frau lebt allein in ihrer kargen Hütte, mehrere Abstiege trennen sie vom nächstgelegenen Dorf. Den Kontakt mit anderen Menschen sucht sie jedoch nur, um Lebensmittel einzutauschen. Lebensmittel, die sie für sich und für ihre kleine Tochter braucht.

Wo denn der Vater zum Kind sei, wundert sich Dorfbewohnerin Swinda (Tanja Petrovsky) stellvertretend fürs Publikum. Der wär halt nicht da, wird Swinda knapp beschieden. Wir Zuschauer erhalten eine andere Antwort. Allein des Nachts fängt Albrun an, sich unter ihren Laken zu recken und winden. Bald stöhnt sie auf und bringt sich auf allen Vieren in Position, um von hinten genommen zu werden. Zum Geschlechtsakt kommt es dann auch - nur ohne sichtbaren Partner.

Die Auflösung der großen Unterschiede

Ist hier ein Teufel am Werk, den wir nur nicht sehen können? Oder ist es nur eine teuflische Lust, die von Albrun Besitz ergreift? Gerade im Mittelalter, mit seinen grotesken Moralvorstellungen, lässt sich das nicht ohne Weiteres unterscheiden - und Feigelfeld tut gut daran, uns nichts an die Hand zu geben, um diese Unterscheidung treffen zu können.

Alles wird in diesem Film durchlässig und verschwimmt, natürlich, wie im Horrorgenre zu erwarten, zuvorderst die Grenzen zwischen Wahnsinn und Klarsicht sowie Leben und Tod. Doch Feigelfeld erreicht die Auflösung der großen Unterschiede, indem er zunächst einen kleinen Unterschied auflöst: In den Bildern von Mariel Baqueiro (auf der Diagonale jüngst mit dem Kamerapreis ausgezeichnet) lässt sich nicht mehr ausmachen, wann Albrun handelt und wann ihr etwas passiert. Im Strudel der psychedelisch-ekstatischen Bilderfolgen fallen Aktion und Reaktion in eins und machen es uns damit unmöglich, ein moralisches Urteil zu fällen. Denn über welches Verhalten sollten wir genau richten?


"Hagazussa - Der Hexenfluch"
Originaltitel: "Hagazussa: A Heathen's Curse"
Deutschland, Österreich 2017
Regie: Lukas Feigelfeld
Drehbuch: Lukas Feigelfeld
Darsteller: Aleksandra Cwen, Celina Peter, Claudia Martini, Tanja Petrovsky, · Haymon Maria Buttinger
Produktion: DFFB, Retina Fabrik
Verleih: Forgotten Film Entertainment
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 102 Minuten
Start: 17. Mai 2018


Manchmal verharren Feigelfeld und Baqueiro zu sehr in ihren Tableaus und nehmen dem Kippspiel mit den Gewissheiten so seine Dynamik. Anders als der thematisch ähnlich gelagerte Horrorhit "The Witch" nutzt "Hagazussa" auch nicht die rauen Texturen der mittelalterlichen Welt, ihre Kargheit und ihre Entbehrungen, um von den oppressiven Seiten des autochthonen Lebens zu erzählen. Diese leitet Feigelfeld vielmehr aus der Dorfgemeinschaft her, die immer drängender und gewalttätiger gegen Albruns Art zu leben aufbegehrt.

Zu gern möchte man sich dabei auf Albruns Seite schlagen. Doch ist das womöglich die Seite des Teufels? In "Hagazussa" geht Lukas Feigelfeld auf schönste Weise auf Nummer unsicher.

Im Video: Der Trailer zu "Hagazussa - Der Hexenfluch"

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insgesamt 3 Beiträge
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nochfragen? 18.05.2018
1. Der Fluch
In diesem Zusammenhang darf ein Hinweis auf den atmosphärischen Heimatfilm-Horror von 1988, der völlig zu Unrecht untergegangen ist, nicht fehlen: Der Fluch, Regie: Ralf Huettner, mit Dominic Raacke, Barbara May, Romina Nowack. Ausdrücklich: Heimatfilm-Horror, nicht Horror-Heimatfilm ;)
ratz1967 18.05.2018
2. Da es ein Deutscher Film ist...
wird er genauso düster und grau rüberkommen, wie all die Tatorte und Thriller auch, die in Deutschland produziert werden. Warum vergessen die Regisseure deutscher Filme dauernd, den Farbregler auf "normal" zu stellen? Die Filme wirken immer "zementgrau", düster, abweisend und klaustrophob. Das muß auch bei Horror- oder Grußelfilme nicht sein, wie die internationale Konkurrenz zeigt. Irgendwie spielt in jedem aktuellen deutschen Krimi, Thriller, Grusel-, Horrorfilm immer die graue NS Vergangenheit mit. Die deutschen Filme wirken wie die Nachkriegs-Fotos zerbombter Städte: Blass und Farblos. Nichts, was man sich zweimal antun will.
ber82 18.05.2018
3. Großartiger Film...
Natürlich ist dieser Film düster! Es handelt sich ja auch um einen Horrorfilm, der nicht mit Splatter- und/oder Schockeffekten arbeitet, sondern um einen Film, der durch seine Bilder und auch die musikalische Untermalung ganz andere Sinne und Gefühle ansprechen soll, als die großen Verwandten aus Hollywood und Co. Ich habe den Film im Zuge der Woche der Kritik in Berlin gesehen und muss sagen, dass mich selten ein Film so in seinen Bann gezogen hat wie dieser. Die Bilder und die Musik haben eine nahezu hypnotische Wirkung und noch lange nachdem der Film zu Ende war, saßen noch viele Zuschauer über das Gesehene und Gehörte nachdenkend auf ihren Plätzen. Nicht weil es drastische oder abstoßende Bilder waren, die der Psyche zugesetzt hätten, sondern aufgrund der atmosphärischen Dichte des Gesehenen und Gehörten. Ich kann diesen Film absolut empfehlen! Wer allerdings klassische Horrormotive wie strömendes Blut, haarsträubende Schockmomente und eine als roter Faden dienende Liebesgeschichte im Hollywood-Stil erwartet, der sollte lieber draußen bleiben. Auch wer direkt im Anschluss daran eine ausgelassene Partynacht verbringen möchte, dem sei hier von diesem Film abgeraten. Es handelt sich hierbei eindeutig NICHT um leicht konsumierbaren Mainstreamhorror, dessen Wirkung spätestens mit Verlassen des Kinosaals vergessen ist, sondern um einen Film, der es hervorragend versteht die Psyche des Zuschauers sehr viel subtiler und nachhallender anzusprechen. Ganz großes Kino! Danke dafür lieber Lukas Feigelfeld!
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