Interview mit Regener und Haußmann "Scheiß auf den Fisch, wir wollen Alarm!"

"Hai-Alarm am Müggelsee" heißt die herrlich alberne Komödie, mit der Sven Regener und Leander Haußmann ein neues Genre schaffen: den Alarm-Film. Im Interview erklären die Regisseure, wie man seine Schauspieler "wuschig" macht, mit der Kulturindustrie klarkommt und filmreif Schnurrbart trägt.

DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Haußmann, Herr Regener, Ihr neuer Film ist so eine Art "Der weiße Hai" in der Provinz. Wir ahnten gar nicht, dass Spielbergs Monsterspektakel zu Ihren Lieblingsfilmen zählt.

Regener: Nur bis man den Hai zum ersten Mal sieht! Ich finde eher das Drumherum toll: Roy Scheider, der sich als einsamer Rufer mit dem Bürgermeister kabbelt. Der Fisch hat mich nie interessiert. Interessant ist aber der Aspekt, dass die Menschen, so lange es nicht wirklich weh tut, die Katastrophe lieben, den Ausnahmezustand. Weil der sie irgendwie zusammenschweißt...

Haußmann: ...oder Absperrungen! Die finden die Leute auch immer sehr interessant.

Regener: Wie auch immer, all das reißt sie aus ihrem Einerlei heraus. Unsere Idee war also, einfach diesen Teil der Katastrophe zu nehmen: Scheiß auf den Fisch, wir wollen den Alarm! Wir wollten sehen, wie die alle durchdrehen und treiben das auf die Spitze. Niemand hat den Hai je gesehen, aber die machen Demos! Daran hab ich dann Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ja für "Hai-Alarm am Müggelsee" sogar eine eigene Firma gegründet. Warum das denn?

Regener: Die Kulturindustrie ist ein großes Illusionsgeschäft. Man wird einfach anders wahrgenommen, wenn man sagt: Wir sind die Müggelfilm, wir haben ein Drehbuch, wir haben die Musik, wir wissen, wie wir das machen können. Bist du allein, machen sie dich ein.

Haußmann: Ich find's auch einfach gut, eine Firma zu haben. Das klingt toll: 'Ich muss mich heute mal um meine Firma kümmern.' Vielleicht ein alter Kindheitstraum.

SPIEGEL ONLINE: Böse Zungen sagen, Ihr Film sei auch kindisch - oder gar gaga. Soll das Ihr Statement gegen die Vereinnahmung durch die Kulturindustrie sein?

Haußmann: Ich ersetze mal 'vereinnahmen' mit 'sich verlieren': In einem Dschungel voller Verantwortungen - Familie, Arbeit, alles Mögliche - verliert man sich vielleicht. Ich denke, dass man ab fünfzig wieder eine Art coming of age durchmacht. Deswegen besteht unser Firmenlogo aus zwei Typen, die blöd in eine Kamera reingucken - wie Schweine ins Uhrwerk. Diesen Blick muss man sich wieder antrainieren, weil Lebens- und Berufserfahrung viel verschütten. Da muss man immer mal ein bisschen freiräumen, um zu sehen, warum man eigentlich mal angetreten ist.

SPIEGEL ONLINE: Und das wäre?

Haußmann: Die Leute sollen lachen. Aber wir können niemanden zum Lachen bringen, wenn wir nicht selber drüber lachen können. Ich erinnere mich noch an die ersten Auftritte von Otto Waalkes in den Siebzigern: Dieser Barhocker, diese Gitarre! Jetzt ist er Mainstream, aber damals war das extrem neu. An "Sonnenallee", wenn ich das in aller Bescheidenheit sagen darf, war auch neu, dass man über die DDR lacht. Man soll aber nicht glauben, dass dem Film damals irgendjemand eine Chance gegeben hätte.

Regener: Klar, das ist nun aber eine Geschichte, bei der es gut ausgegangen ist. Das Interessante bei unserem Film war ja, dass wir zunächst nur den Titel hatten.

Haußmann: "Hai-Alarm am Müggelsee". Lacher!

Regener: Ja, aber jeder, der schon mal einen Witz erzählt hat, weiß: Der eine lacht, der andere nicht. Und das ist völlig in Ordnung. Wenn wir eine Komödie machen, und jemand sagt, ich hab überhaupt nicht gelacht, ist das kein Gegenargument. Andere haben gelacht! Wir sind der festen Überzeugung, dass es Leute gibt, die Spaß an solchen Filmen haben, sonst hätten wir damit nie angefangen.

SPIEGEL ONLINE: Die große Masse könnte Ihren Film, mit Verlaub, etwas überspannt finden und sich lieber "Kokowääh 2" ansehen.

Haußmann: Was ist denn der Massengeschmack? Wer legt den denn fest? Wir würden auch gerne zum Massengeschmack werden!

Regener: Was heißt überhaupt Masse? Machen wir uns doch klar: Ein erfolgreicher Film hat in Deutschland rund 800.000 Zuschauer, ein nicht erfolgreicher um die 80.000. Das eine sind ein Prozent, das andere 0,1 Prozent der Bevölkerung. Wir reden also über die Frage, ob 99 Prozent oder 99.9 Prozent nicht in deinen Film gegangen sind. Das mal zum Thema Massengeschmack. Es gibt keine mehrheitsfähige Kultur. Und das ist auch uninteressant in der Kunst.

SPIEGEL ONLINE: Also ist es egal, wie viel der "Hai-Alarm" einspielt?

Regener: Nein. Natürlich wollen wir einen Film machen, der sich refinanziert. Ich habe überhaupt keine Lust, das auf Kosten anderer zu machen, es gäbe ja auch Fördergelder. Wir sagen aber nicht: Die Gesellschaft ist es uns schuldig, uns Geld zu geben, damit wir den Film machen können. Nein: Wir gehen davon aus, dass er genug Freunde findet. Wenn nicht, ist das Pech. Aber wir legen es nicht darauf an.

SPIEGEL ONLINE: Worauf legen Sie es denn an? Stefan Arndt, der mit X-Filme "Hai-Alarm" mitproduziert hat, nannte den Film marktschreierisch "eine ganz neue Art Komödie".

Regener: Was er meint, ist, dass es so etwas wie eine allgemeine Vorstellung von einer Komödie gibt: Wenn eine Sache Erfolg hat, denken alle, so muss ich das jetzt auch machen. Dieses anything goes, das wir aus der Kunst kennen, gibt es beim deutschen Film fast gar nicht, übrigens auch nicht in der Autorenfilmszene. Da kann man wunderbar reingrätschen. Es ist ja toll, dass man die Leute mit so einem Quatsch wie "Hai-Alarm" provozieren kann. Was sich da aufgeregt wird!

Haußmann: Ist doch immer so. Wer sind denn die Regisseure in Deutschland, die immer noch genannt werden? Die großen Avantgardisten. Fassbinder hat sich einen Dreck darum geschert, ob's irgendjemandem gefällt.

Regener: Der Punkt ist: Man kann nicht etwas Exzentrisches machen und erwarten, dass alles ganz einfach wird. Läuft nicht. Man ist dann der Freak. Und der Freak hat's immer ein bisschen schwer.

SPIEGEL ONLINE: Die vielleicht verrückteste Szene in Ihrem Film ist die, in der eine Gemeinderatssitzung in eine Orgie ausartet. Woher kam denn die Idee?

Regener: Das war das einzige Mal, dass wir die Schauspieler losgelassen haben, oder? Ansonsten waren wir immer streng am Drehbuch.

Haußmann: Ja, und es war nur ein Take: Zwei Kameras standen sich gegenüber, die sich auch ständig selber abschießen. Man sieht das im Film sogar. Das hat mir gefallen, dass man das Machen sieht, fast ein theatralischer Aspekt. Wir saßen außerhalb des Raums und mussten uns dauernd davon abhalten 'Cut' zu rufen: Schauspieler auf einem Selbstbefreiungstrip, da weiß man ja nicht, was alles passieren kann. Annika Kuhl, die eigentlich gar nicht in der Szene war, habe ich dann auch noch reingeschickt, und die hat der Anna-Maria Hirsch einfach mal 'ne Flasche Bier über den Kopf gekippt. Wenn Schauspieler zu lange an der Kette sind, macht die das ganz wuschig.

SPIEGEL ONLINE: Sie beide treten auch auf, mal als Taucherpärchen, mal als Polizisten. Sind Sie so etwas wie der griechische Chor in Ihrer Commedia dell'arte?

Regener: Nee, das sind eher die zehn Jugendlichen in Badehosen, die an den entscheidenden Orten immer wieder auftauchen.

Haußmann: Wir bilden praktisch den dunklen Hintergrund zu dem sonnenhellen Spiel der anderen.

Regener: Vielleicht sind die anderen aber auch die großen dramatischen Figuren und wir nur die kleinen Spaßvögel, so wie bei Shakespeare, diese Saufkumpels von John Falstaff.

Haußmann: Oder Trinculo!

Regener: Naja, es hat sich so ergeben, dass wir uns Schnurrbärte angeklebt haben und den Quatsch. Da waren wir schon völlig in diesem Wahnsystem drin. Denn natürlich hat der Film etwas Wahnhaftes, das ist aber auch entscheidend: Entweder lässt man sich auf so'n Scheiß ein - oder man hat verloren. Leander findet das jetzt wieder doof, wenn ich das sage, aber es ist wie Kafka lesen: Wenn man die ganze Zeit da sitzt und denkt: 'Was soll mir das jetzt sagen?', bringt das nichts. Man muss sich drauf einlassen. Ist halt Hai-Alarm.

Haußmann: Man kann schon gerne Kafka lesen, man soll das nur trennen von unserem Film.

Regener: Was ich nur sagen will: Es gibt keine Tagesordnung. Und warum nicht? Weil Hai-Alarm ist. So.

Das Interview führte Andreas Borcholte



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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
_varg 14.03.2013
1.
Zitat von sysopDPA"Hai-Alarm am Müggelsee" heißt die herrlich alberne Komödie, mit der Sven Regener und Leander Haußmann ein neues Genre schaffen: den Alarm-Film. Im Interview erklären die Regisseure, wie man seine Schauspieler "wuschig" macht, mit der Kulturindustrie klarkommt und filmreif Schnurrbart trägt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/hai-alarm-am-mueggelsee-interview-mit-haussmann-und-regener-zum-film-a-888370.html
Wenn ich den Regener schon sehe..., da vergeht mir die Lust am Film. Unsympathischer Zeitgenosse.
iceba 14.03.2013
2. alarm!
ich habe selten einen derart blöden pubertären wurschtelfilm gesehen. sieht aus wie "film ag versucht mal was." den genießen vielleicht leute aus der region. oder freunde sich stetig wiederholenden blödsinns. das ständige auftauchen von regener und haußmann macht's noch schlimmer.
carlo02 14.03.2013
3.
Was ich an Vorschau gesehen habe, war nicht lustig. Obwohl Leander Haußmann bei dem Film mit macht.
shechinah 14.03.2013
4.
Immer wieder erstaunlich, daß jemand bereit ist so einen Klamauk-Flick mit 2.8 Millionen zu finanzieren. Beziehungen sind wohl alles. Ich wünschte ich hätte auch solche Beziehungen um mein Drebuch zu verfilmen.
Steinwald 14.03.2013
5.
Dachte erst, die geklonten Deppenbrillen beim Haußi und Regener seien Maskerade oder so. Aber die meinen das ja ernst. Peinlich, daß die sich auf diesen bekloppten Modemist einlassen. Hätte ich nicht erwartet. Auf den Film freu ich mich aber. Herr Lehmann ist immer noch beste Film von Welt. ALso subjektiv jetze.
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