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"Hallam Foe": Nesthocker statt Pubertätsrocker

Von Birgit Glombitza

Jamie Bell macht sich hervorragend als schmalschultriger Taugenichts, der im Weltschmerz versinkt. Doch bei aller Empfindsamkeit ist das Kinodrama "Hallam Foe" vor allem eine hippe Adoleszenzgeschichte für Franz-Ferdinand-Fans.

Eigentlich will er gar nicht hinaus in die Welt. Wenn es nach dem Nesthäkchen Hallam Foe (Jamie Bell), ginge, könnte er sich für immer in seinem Baumhaus unter einem Poster mit dem Bild seiner verstorbenen Mutter einrichten und sich ganz in ihrer Anbetung und dem virtuosem Weltschmerz der Pubertät verlieren.



Von da oben aus zielt er mit dem Fernglas über Bäume und Dächer, um das Leben der anderen zu beobachten, ihre Lügen und Sehnsüchte zu studieren und sich über die eigenen keine Gedanken mehr zu machen. Denn nur in seinem Häuschen zwischen den Wipfeln scheint alles gut und rein zu sein, unten wohnen Verrat und Niedertracht. Und wenn sich zwei Teenager im Wäldchen rund um sein Domizil zum Fummeln verirren, fährt er wie ein Dämon auf sie herab. Grunzend, halbnackt, mit mit Lippenstift umkringelten Brustwarzen und einem Dachsfell auf dem Kopf.

Höhenrausch der Pubertät

Hallam Foe ist ausgewachsen, 17 Jahre alt, er könnte studieren, sein Vater (Ciarán Hinds) würde ihm ein Zimmer in Edinburgh bezahlen. Doch stattdessen zieht sich der versponnene blasse Jüngling, den ein Hauch von Faulknerischem Wahnsinn umweht, ganz in die Mission zurück, den Tod seiner depressiven Mutter aufzuklären, die im See des elterlichen Anwesens kenterte und ertrank. Die schöne Stiefmutter Verity (Claire Forlani), klassischerweise Vaters ehemalige Sekretärin, hat nun ihren Platz eingenommen.

Eine vermeintliche Schlampe, eine Mörderin und Erbschleicherin - Hallams kriminalistische Mutmaßungen über Mutters Nachfolgerin steigern sich zur Obsession mit einer komplizierten Mischung aus Hass und Begehren. Davor flüchtet er schließlich in die Stadt, sieht eine junge Frau, Kate (Sophia Myles), die aussieht wie seine Mutter und heuert als Küchenhilfe in dem Hotel an, in dem Kate als Personalchefin arbeitet. Er zieht hinter die gigantische Turmuhr des Gebäudes, um von dort aus direkt in Kates Wohnung zu spähen. Und zum ersten Mal sehen wir Hallam Foe glücklich. Tanzend, singend, in seiner infantilen Kriegskostümierung, in seinem neuem Nest, bei seinem neuen ödipalen Anschauungsobjekt.

Nistplätze fremder Wesen

"Hallam Foe" von David Mackenzie ("Young Adam") ist, ähnlich wie "Spiderman", ein Film der Vertikalen. Einer, der den Blick die neugotischen Fassaden Edinburghs hinauf schickt, der sich immer wieder in ihren verspielten architektonischen Details verfängt.

Mit der ornithologischen Neugier seines Helden studiert er die Nistplätze der fremden Wesen, schaut ihnen liebevoll beim Kochen, Lesen und Schlafen zu. Der Film ist eine Liebeserklärung an die geheimnisvollen Verschnörkelungen einer Stadt, in der sich natürlich auch die verschlungene Seelenlandschaft des Protagonisten spiegeln soll.

Aber bei allen liebevollen Arrangements und gutem Gespür für die Kulisse ist "Hallam Foe" auch eine hippe, marktorientierte Adoleszenzgeschichte für Franz Ferdinand-Hörer, die mit dem bereits auf der diesjährigen Berlinale prämierten Soundtrack auf ihre Kosten kommen sollen.

Aus der Karriere eines Taugenichts

So hat man manchmal den Eindruck, der Film ist zu sehr mit der Coolness und dem Look dieser hübsch verkorksten Jugend beschäftigt, als sich ernsthaft um die Fallhöhe seines Helden zu sorgen. Leider trägt der Schwung der Geschichte auch mit Franz Ferdinands Hilfe nicht weiter, genau genommen ist das eigentliche Drama der Jugend schon im Vorspann erzählt. Deshalb scheinen Mackenzies Anleihen bei großen Vorbildern wie "Vertigo" oder "Fenster zum Hof" eher zum Ausmalen zu dienen als zur verblüffenden Zuspitzung. Immerhin zieht in "Hallam Foe" immerhin noch einer den Blick mit erstaunlicher Sicherheit auf sich: Hauptdarsteller Jamie Bell.

Der Weg, den der 20-jährige vom rührenden Tanzfloh ("Billy Elliot", 2000) über den bewaffneten Dandy in Thomas Vinterbergs "Dear Wendy" (2005) bis zum eigensinnigen Reifungsboykotteur "Hallam Foe" genommen hat, umreißt trotz seines noch schmalen Rollenrepertoires - zumeist als Außenseiter in leidvollen Lebenssituationen - einen durchaus abgründigen Einzelkampf. In dem bekommt es der Akteur nicht nur mit den Gespenstern der Pubertät, sondern auch immer wieder mit denen männlicher Hysterien zu tun.

Zusammen ergibt das eine erstaunliche Konstante in Bells Repertoire, lässt man sich darauf ein, Billys ausgestellten, ekstatischen Tanzkörper ("Billy Elliot"), Dicks Liebesbriefe an eine hübsche Damenpistole ("Dear Wendy") und Hallams geschminkte Brustwarzen und seine Dachsfell-Kopfputz als entsprechende Symptomatik zu lesen. Eine Konstante, die bei Bells zumeist mutterlosen Charakteren mit aufrichtigem Protest gegen patriarchale Verhaltensstandards und einem tief sitzenden Unbehagen an der bestehenden Geschlechterkultur einhergeht.

Kurzum: Mit Jamie Bell kehren endlich die schmalschultrigen, romantischen Taugenichtse auf die Leinwand zurück, die sich mit ihrer Bestimmung in einer patriarchalen Kultur, ihrer sexuellen Identität und neoliberalem Erfolgswahn bereits vor 20 Jahren schwer taten. Und die seit dem jungen Johnny Depp, dem jungen Matt Dillon oder dem viel zu früh gestorbenem River Phoenix dringend Verstärkung gebrauchen können.

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