Halsabschneider: In Hollywood rollen die Köpfe

Von Elmar Biebl

Hollywoods aktuelle Filmstaffel erinnert an den Kopf-ab-Marathon der Französischen Revolution. Ob Shakespeare oder Slapstick, ob historisches Drama oder hysterische Comedy, abgetrennte Köpfe sollen das müde Publikum packen.

In Hollywood kullern nicht nur die Kürbisse übers Feld
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In Hollywood kullern nicht nur die Kürbisse übers Feld

Nur ein Jahr dauerte es, bis Lust in Mordlust umschlug. 1999 kürte Hollywood "Shakespeare in Love" mit einem "Oscar". Der Shakespeare-Film, der jetzt in die amerikanischen Kinos kommt, hat mit Liebe nichts mehr zu tun. "Titus" heißt das Metzel-Opus, in dem Regisseurin Julie Taymor etwa folgende Szenen inszeniert: Ein Kraftmeier und seine Gespielin schieben ihren Schausteller-Karren ins Bild. Damit ist die Hommage an Fellinis "La Strada" auch schon zu Ende. Vor Titus, dargestellt von Anthony Hopkins, öffnen sie den Wagen und präsentieren – trara! – die Köpfe seiner Söhne. Titus weiß, dahinter steckt die teuflische Gotenkönigin Jessica Lange. Prompt fängt er deren Söhne, hängt sie an den Füssen auf und schlitzt deren Kehle nun seinerseits durch.

Um ein ernsthaftes Epos geht es auch in Jerzy Hoffmans "Fire and Sword". Einer der russischen Kämpfer ist tief deprimiert: Im Gegensatz zu seinen heroischen Vorvätern gelang es ihm noch nicht, mit einem einzigen Hieb drei Gegner zu enthaupten. Ein Einzelner war nie ein Problem. Gelegentlich schaffte er auch zwei auf einmal. Aber drei? Schließlich legte er gar ein Keuschheits-Gelübde ab: Keiner Frau würde er sich nähern, ehe er seinen Ahnen nicht mit einem Dreifachen "Spalto Mortale" Ehre tun würde. Als dann endlich drei Mongolen auf ihn einstürmen, deren Köpfe nach seinem gewaltigen Rundschlag durch die Luft purzeln, jubeln seine Mitstreiter - und das Zölibat ist endlich vorbei.

Verlust von Köpfen, die zu Fleischeslust führt, kann auch ins Gegenteil umschlagen: Fleischeslust, die zum Verlust von Köpfen führt. So geschehen im neuen Jodie Foster-Film "Anna und der König". Chow Yun-fat spielt den König von Siam, dessen Hauptaufgabe darin besteht, eine ziemlich nervige Lehrerin namens Anna (Jodie Foster) zu ertragen und gleich dutzende von Ehefrauen bei Laune halten zu müssen. Eine davon war schon vor der Zwangsehe in einen jungen Siamesen verliebt. Als ihre heimliche Liebe bekannt wird, platziert man das Paar vor einer Menge Schaulustiger. Ein Scharfrichter mit Krummschwert zelebriert einen exotischen Tanz, dann bewahrheitet das Pärchen eine alte Weisheit: Dass nämlich Verliebte oft ihren Kopf verlieren.

Melanie Griffith erfreute in "Verrückt in Alabama" ihren Regisseur-Ehemann Antonio Banderas mit einer gut gefüllten Hutschachtel
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Melanie Griffith erfreute in "Verrückt in Alabama" ihren Regisseur-Ehemann Antonio Banderas mit einer gut gefüllten Hutschachtel

Den Anfang der gegenwärtigen Kopf-Jägerei machte Tim Burton mit "Sleepy Hollow". Der "Kopflose Reiter", inzwischen ein Merchandising-Hit unter Kids, galoppiert nächtens in ein kleines Neuengland-Dorf. Mit routiniertem Säbelhieb erntet er jeweils den einen oder anderen Bürgerkopf und pflanzt ihn ins Wurzelgeflecht eines magischen Baums zusammen mit allen anderen Bauernschädeln. Bis schließlich Enthauptungs-Wachtmeister Johnny Depp anreist und dem Spuk die auf die Spur kommt. Köpfchen muss man halt haben!

In der Verfilmung von Patricia Highsmiths "Der talentierte Mr. Ripley" wird eine kleine Variante gezeigt: Matt Damon, der zuvor in "Dogma" den Verlust seines Kopfes hinnehmen musste, ergreift einen römischen Marmorkopf und schlägt diesen einem misstrauischen Bekannten auf den Schädel. Der blutverschmierte Kopf rollt durchs Zimmer und starrt schließlich blicklos in die Kamera.

Natürlich gab es auch früher gelegentlich Filme, in denen die gewaltsame Trennung von Birne und Body eine prominente Rolle spielte. In Sam Peckinpahs "Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia" etwa. Oder in David Cronenbergs "Scanners". Und Werner Herzog ließ in "Aguirre – Der Zorn Gottes" einen abgeschlagenen Kopf weiterreden. Nie aber gab es gleichzeitig so viele rollende Köpfe in den Kinos nebenan. So manchem Kritiker will diese Art von Schock-Humor allerdings nicht in den Kopf. Sie finden die Darstellung von Halsabschneiderei geschmacklos und sogar gefährlich; insbesondere wenn sie mit gesteigerter Lebensqualität belohnt wird.

Etwa in Antonio Banderas’ Regie-Debüt "Verrückt in Alabama". Ein lustig durch den Vorspann hüpfender Kopf bereitet uns auf die Filmstory vor: Eine Frau trennt sich von ihrem Gatten, indem sie denselben von seinem Kopf trennt. Dann macht sie sich fröhlich auf nach Hollywood, um sich als Star feiern zu lassen. Beschwerlich ist manchmal nur, immer den Gattenschädel in einer Hutschachtel mitzuschleppen. Am Ende droht ihr keineswegs der elektrische Stuhl, sondern der Applaus von Familie, Freunden und Fans.

Columbia TriStar, Verleiher des Films, fand das Motiv des Films so niedlich, dass es die Fachpresse zu Weihnachten mit Hutschachteln beglückte. Antonio Banderas, dessen Real Life-Gattin Melanie Griffith die Hauptrolle spielte, grübelte schließlich: "Ich hoffe, der Film hat sie nicht auf dumme Ideen gebracht".

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