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"Hanami"-Star Elmar Wepper: "Vor dem Tod fürchte ich mich nicht"

Ein melancholischer Film, ein großer Erfolg: Doris Dörries "Kirschblüten - Hanami" war ein Highlight der Berlinale, Hauptdarsteller Elmar Wepper der Star des Festivals. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der TV-Veteran, 63, über seine überraschende Kino-Karriere und sein Verhältnis zum Tod.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wepper, mit dem Film "Kirschblüten - Hanami" waren Sie plötzlich und unerwartet der Star der Berlinale. Wie sind Sie mit dem Rummel um Ihre Person klargekommen?

Wepper: Es war schon heftig. Wenn ich einen wichtigen Fernsehfilm mache, gibt es zwar auch einen Pressetermin, doch die Ausmaße, die ich jetzt auf der Berlinale erlebt habe, waren schon enorm. Alles in allem war ich sehr erleichtert, dass das Premierenpublikum den Film so begeistert aufgenommen hat. Ich habe mich wahnsinnig gefreut.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt es, dass Ihre Fans Sie bisher fast nie im Kino gesehen haben?

Wepper: Das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn hat man entweder Kino oder Fernsehen gemacht. Es gab damals viele Kinoschauspieler, die nie einen TV-Film gedreht hätten. Das hat sich inzwischen geändert, auch in Amerika. George Clooney hat ja zum Beispiel auch als Seriendarsteller im Fernsehen angefangen. Wenn ich in dem Film "Der Fischer und seine Frau" von Doris Dörrie nicht mitgespielt hätte, dann wäre es für mich vermutlich nie zu "Kirschblüten" gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie nach diesem Erfolg mehr Kino machen? Haben Sie jetzt Blut geleckt?

Wepper: So drastisch möchte ich das nicht ausdrücken. Aber ich bin offen für alles und würde mich über die eine oder andere Filmrolle freuen. Die Raffhaltung, alles mitzunehmen, was sich anbietet, ist mir fremd. Ich beziehe sehr viel Qualität und Kraft aus Lebensbereichen, die mit meinem Beruf gar nichts zu tun haben. Mein Privatleben ist mir sehr wichtig, vor allem meine Frau und mein Sohn bedeuten mir sehr viel. Und das versuche ich mir zu erhalten und zu schützen. Von meinem Privatleben möchte ich so wenig wie möglich preisgeben.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie und Rudi, den Sie im Film spielen, gemeinsam? Erkennen Sie sich in ihm wieder?

Wepper: Also erst einmal ist der Rudi ein Beamter und ich bin ein Schauspieler. Er hat also einen ganz anderen Lebenslauf als ich. Doch der Rudi ist dann doch nicht ganz so weit entfernt von mir. Genau wie er mag ich vertraute Situationen und eine gewisse Regelmäßigkeit in meinem Alltag.

SPIEGEL ONLINE: Die Dreharbeiten haben Sie auch nach Japan geführt. Ein Kulturschock?

Wepper: Es war mein erster Besuch in Japan, und für mich war es unglaublich aufregend. Wer fährt schon nach Japan? Es stand jedenfalls nicht oben auf der Liste der Länder, die ich unbedingt noch sehen wollte. Ich empfand Japan, besonders Tokio, anfangs als sehr fremd.

SPIEGEL ONLINE: Was war besonders ungewohnt?

Wepper: Da fällt mir zum Beispiel ein Besuch in einer Nudelküche ein. Dort trifft man nur Japaner an und man sitzt dichtgedrängt, Schulter an Schulter. Dein Nachbar rechts von dir liest Mangas und hört gleichzeitig Musik mit seinem MP3-Player, und der links vor dir telefoniert ununterbrochen, während er seine Suppe schlürft. Das Land ist schon wahnsinnig.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Film geht es um Verlust und Trauer, Sie selbst spielen einen unheilbar an Krebs erkrankten Mann. Was hat die japanische der westlichen Kultur im Umgang mit dem Tod voraus?

Wepper: Vielleicht neigen wir Menschen im Westen dazu, das Thema Sterben zu sehr wegzuschieben. Der Tod gehört zum Leben. Man muss nicht jeden Tag darüber reden, aber warum soll man sich nicht mit dem Tod beschäftigen? Vor allem, wenn man in die Jahre kommt? Es gibt Leute, die verdrängen es. Ich bin da anders. Ich möchte schon jetzt wissen, wo mein Grabstein einmal steht und wo ich beerdigt sein werde. Dann verliert der Tod auch seinen Schrecken.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst vor dem Tod?

Wepper: Ich glaube, dass das Sterben schwierig sein kann. Davor habe ich vielleicht Angst. Vor dem Tod selbst fürchte ich mich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie mehr über das eigene Leben nach, wenn Sie durch eine Rolle mit so existenziellen Themen konfrontiert werden?

Wepper: Ja, das tut man unwillkürlich. Aber die Trägheit, in die man über die Jahrzehnte eingebunden ist, die ist schon sehr zäh, Du nimmst Dir was vor, und - schwups - rutscht Du wieder in das alte Fahrwasser. Ich bin auch ein Skeptiker, was gute Vorsätze fürs neue Jahr betrifft. Ich fürchte, dass sich eh nichts groß ändern wird. Doch man soll die Hoffnung nie aufgeben. Die Dinge, die man ändern will, muss man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen. Dann funktioniert es vielleicht, dass zum Beispiel ein bisschen achtsamer seiner Frau gegenüber ist. Das kostet keine Kraft und der Beziehung tut es gut.

SPIEGEL ONLINE: Ein Auftritt vor der Kamera in Frauenkleidern ist für Sie wahrscheinlich eine Premiere. Wie kam es dazu?

Wepper: Der Mann, den ich spiele, möchte seiner toten Frau so nah wie möglich sein. Er wollte sie wie eine Haut um sich haben. Deshalb zieht er ihre Kleider an und legt ihre Halskette um. Rudi verändert sich durch den Tod seiner Frau. Im wird bewusst, was zwischen ihm und seiner Frau falsch gelaufen ist. Und er fängt an, dem verpassten Leben mit seiner Frau nachzuspüren.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Überwindung hat es Sie gekostet, in Rock und Bluse zu spielen?

Wepper: Schauspielerei hat auch etwas mit Mut zu tun. Wenn man als Mann in Japan mit Frauenkleidern auf die Straße geht, schauen die Menschen weg. Japaner wollen einem nie zu nahe treten. Nur zwei durchgestylte japanische Mädchen haben auf meine Aufmachung reagiert. Das war, als wir am Berg Fuji gedreht haben: Die eine sagte zu mir: "Mein Gott, was tragen Sie denn da Tolles!" Ihr hat mein Rock besonders gut gefallen. Dieses Mädchen dachte doch allen Ernstes, dass ich immer in Frauenkleidern durch die Gegend laufe. Sie fand es jedenfalls Klasse.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie ein mutiger Mensch, der das Abenteuer sucht?

Wepper: Ich bin dann doch eher wie meine Filmfigur Rudi, den es nicht so in die Fremde zieht. Aber ich habe viel gesehen und bin auch viel gereist - auf Teufel komm raus suche ich keine Abenteuer.

SPIEGEL ONLINE: Dass Ihr Bruder Fritz ausgerechnet auch als Schauspieler arbeitet, ist das ein Zufall, oder eher ein genetischer Defekt in der Familie?

Wepper: Das klingt ja so, als wäre die Schauspielerei eine Krankheit. Wir waren beide schon als Kinder schauspielerisch tätig. "Erblich" vorbelastet sind wir nicht.

SPIEGEL ONLINE: Werden wir Sie noch einmal gemeinsam in einem Film sehen?

Wepper: Ich würde es mir wünschen, aber konkret ist in nächster Zeit nichts geplant.

Das Interview führte Bettina Aust


"Kirschblüten - Hanami" läuft seit gestern bundesweit im Kino

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