"Die schönen Tage von Aranjuez" von Wim Wenders Ein bisschen Handlung darf schon sein

Wenn Peter Handke, Wim Wenders und Nick Cave zusammenarbeiten, muss eigentlich ein guter Film rauskommen. Dass "Die schönen Tage von Aranjuez" keiner geworden ist, liegt weder am Musiker noch am Regisseur.

NFP

Wim Wenders, Peter Handke, Nick Cave: Drei Namen, die zusammen für ein Stück Kinogeschichte stehen. Wenders' Werk um zwei Schutzengel, "Der Himmel über Berlin", wurde 1987 in Cannes für die beste Regie ausgezeichnet, im Jahr darauf mit dem Europäischen Filmpreis. Handke hatte am Drehbuch mitgeschrieben, Cave einen Auftritt mit seinen "Bad Seeds". Nun haben sich die drei Herren nach dreißig Jahren wieder zusammengetan, für "Die schönen Tage von Aranjuez".

Um es vorwegzunehmen: Dass der Film letztlich misslingt, liegt nicht am australischen Musiker, der am Flügel einen seiner berührendsten Songs darbietet. Auch der Regiearbeit von Wenders ist kaum etwas anzulasten, am allerwenigsten aber der Kamera von Benoît Debie, der schon für Gaspar Noés "Irreversibel" und "Enter the Void" hypnotische Bilder lieferte, sowie für Harmony Korines "Spring Breakers".

Die ersten Minuten überwältigen auch hier. Sie zeigen das menschenleere Paris in morgendlicher Stimmung und langen Einstellungen. Lou Reed schmettert seine Hymne "Perfect Day", während uns die Bilder aus der Stadt entfernen, forttragen in die Peripherie und hinein in ein Landhaus im Grünen. Wir blicken auf eine grün erleuchtete Jukebox, Lou Reeds Stimme verklingt und die Kamera schwenkt langsam hinüber zu einem namenlosen Schriftsteller (Jens Harzer) an seinem Schreibtisch. Die nostalgische Wurlitzer, der Vorort von Paris: Unverkennbar haben wir es mit einem Wiedergänger Handkes zu tun.

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Die Idee, die Wenders' Verfilmung zugrunde liegt, ist hübsch. Peter Handkes auf Französisch verfasstem Theaterstück, dem langen Zwiegespräch eines Paares (gespielt von Handkes Frau Sophie Semin und Reda Kateb) an einem sonnigen Sommertag, verleiht der Regisseur einen erzählerischen Rahmen. Als der Dichter ein paar Sätze murmelt und sie in seine Schreibmaschine hackt - eben jenen "Sommerdialog" -, da füllen sich auch die beiden zuvor noch leeren Stühle auf der umrankten Veranda vor dem Haus. Die literarische Fiktion manifestiert sich in der filmischen Wirklichkeit, die Gedanken verfertigen sich beim Schreiben.

So weit, so originell und durchaus verheißungsvoll. Nur trägt diese Idee allein nicht über anderthalb Stunden. Handkes theatraler Text wiederum, 2012 am Wiener Burgtheater uraufgeführt, mag auf der Bühne noch eine Wirkung entfalten, auf der Leinwand läuft er ins Leere.

Was folgt, ist weniger ein Gespräch als vielmehr eine Aneinanderreihung von Monologen, dann und wann unterbrochen durch Rückfragen. Der Mann befragt die Frau nach ihren ersten Erfahrungen mit Sexualität, sie erzählt von einer mystisch-amourösen Begegnung im Salzwerk. Später ist er an der Reihe, spricht bedeutungsschwer über die Tage der ersten reifen Äpfel, schildert Beobachtungen von Spatzen, die Mulden im Sand produzieren, und einen Besuch im titelgebenden Aranjuez, der einstigen Sommerresidenz spanischer Könige.

Man nimmt den Figuren zu keiner Zeit ab, was sie sagen

Zur kühlen Limonade auf dem Tisch serviert uns Handke wohlklingende, doch häufig gnadenlos überhöhte Worte an der Grenze zum Kitsch. "Kein Ich, kein Er", heißt es in den Erinnerungen der Frau an eine Liebesnacht, "nichts als die Welt der Körper. Zwei Körper, ausgestreckt in der Nacht der Unendlichkeit." Und der Mann retourniert: "Zu einem Leib und einer Seele wird die Zeit, und jedes A und jedes O lechzt nach Ewigkeit." Anspielungen an die Kultur- und Popgeschichte werden eingestreut, von Friedrich Schiller über Tennessee Williams bis hin zu Bob Marleys "Redemption Song".

Das Problem des Films ist folgenreich: Man nimmt den Figuren zu keiner Zeit ab, was sie sagen, kommt ihnen nicht nahe. Die Beziehung zwischen ihnen bleibt eine Behauptung, spürbar wird sie kaum - wegen der artifiziellen, bald ins Esoterische abkippenden Sprache. Dann wieder wird sie für einen kurzen Moment derb, wie aus Trotz, plötzlich ist von "Fick- und Vögeljahren" die Rede. Handkes meist umständliche, oft gestelzte Diktion muss man lesen, dann entfaltet sie einen poetischen Reiz. Kommen die Worte aus den Mündern zweier Schauspieler des Hier und Jetzt, wird ihre Manieriertheit allzu deutlich.


"Die schönen Tage von Aranjuez"
Deutschland/Frankreich 2016
Regie: Wim Wenders
Buch: Wim Wenders, Peter Handke
Darsteller: Reda Kateb, Sophie Semin, Jens Harzer, Nick Cave, Peter Handke
Produktion: Alfama Films, Neue Road Movies
Verleih: NFP
FSK: ab 0 Jahren
Länge: 98 Minuten
Start: 26. Januar 2017


Fünfzig Jahre sind vergangen, seit Handke mit einem lauten Knall in die Literaturwelt einbrach, im Sommer 1966 im US-Städtchen Princeton. Seinen Schriftstellerkollegen der Gruppe 47 warf er damals "Beschreibungsimpotenz" vor. Wer so wettert, muss selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Und Handkes Poetik war tatsächlich lange Zeit gewitzt. In seinen Texten testete der Dichter etwa aus, wie Entfremdungserfahrungen und sprachliche Irritationen miteinander zusammenhängen. Allein, die Verfilmungen seiner Bücher konnten die Qualität der Texte nie transportieren. So auch schon "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter", Wenders' erster regulärer Kinofilm. Bei Handke geschieht vieles in den Köpfen der Figuren, und Innerlichkeit lässt sich schwer in Bilder übersetzen.

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zog sich Handke immer stärker aus der Welt zurück in die Natur, mit bekannten Folgen. Seine Begeisterung für die Landschaften Serbiens versperrte den Blick für Kriegsverbrechen, die Trauerrede auf dem Begräbnis Slobodan Milosevics bildete die unrühmlichste Ausprägung dieser Haltung. All das muss man nicht zur Beurteilung des "Sommerdialogs" heranziehen, doch auch hier zeigt sich: Handkes Sprache wirkt gleichermaßen weltenthoben wie in sich gekehrt, sie berauscht sich zu großen Teilen an sich selbst.

Im Video: Der Trailer zu "Die schönen Tage von Aranjuez"

Ursprünglich sollte Wenders "Die schönen Tage von Aranjuez" fürs Theater inszenieren, so lautete Handkes Wunsch. Doch der Filmemacher mochte sich nicht mit Bäumen aus Pappmaché und künstlichem Wind begnügen, er wollte eine unmittelbarere Umsetzung durch das Medium Film. Tatsächlich ist das Ergebnis, in bloß zehn Drehtagen geschaffen, ein Genuss für die Sinne, dank der gleichsam ums Paar schwebenden, jederzeit agilen Kamera und der von Wenders so heiß geliebten 3D-Technik. Das Rauschen des Sommerwindes im Blattwerk und das Zwitschern der Vögel bleiben einem lange im Ohr, die Worte Handkes verblassen dagegen.

Als am Ende der Mann von seinem Stuhl aufspringt und mit ausgebreiteten Armen auf der Wiese Kreise zieht wie ein Segelflieger, da ruft ihm die Frau lachend hinterher: "He, eine Aktion! Hatten wir denn nicht vereinbart: keine Handlung, nichts als Dialog?" Die Antwort des Mannes: "Eine kleine Handlung darf doch wohl erlaubt sein. Sie ist sogar notwendig."

Welch weise, doch leider unerhörte Worte.

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