Kinofilm "Hannas Reise" Israel als Karrierekick

"Juden kommen immer gut, und behinderte Juden zählen doppelt": In "Hannas Reise" macht eine ehrgeizige BWL-Studentin aus Berlin ein Praktikum in Israel, um ihren Lebenslauf aufzupeppen. Doch dann reißen jüdisch-deutsche Geschichte und Gegenwart die Karrieristin doch noch mit.

Von Kirsten Rießelmann


Beim Bewerbungsgespräch schaltet die ehrgeizige BWL-Studentin Hanna (Karoline Schuch) schnell: Den Personalern der Unternehmensberatung fehlt in ihrem Lebenslauf noch das gewisse Quäntchen soziales Engagement. Also behauptet sie flugs, die kommenden Semesterferien mit der Betreuung behinderter Menschen in Israel zu verbringen. Ihr Kalkül: Die politisch engagierte Mutter, die für einen Friedensdienst arbeitet, wird ihr das Zeugnis schon fälschen.

Die allerdings spielt nicht mit und schickt die Tochter für ein paar Wochen nach Tel Aviv, wo sie in einem Behindertendorf ein Praktikum absolvieren soll. Hannas Freund, ebenfalls Unternehmensberater und mit der Einrichtung der gemeinsamen, schicken Wohnung in Berlin beschäftigt, ist entgeistert. Aber Hanna überzeugt ihn: Hat sie erst Rolli-Fahrer in Israel durch die Gegend geschoben, ist ihr die Teilnahme am Assessment-Center so gut wie sicher, schließlich "kommen Juden immer gut, und behinderte Juden zählen doppelt".

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"Hannas Reise": Als Deutsche in Israel
So fliegt Hanna aus dem verschneit-grauen Berlin in den Nahen Osten und wird in Empfang genommen von einer sonnenwarmen, sympathisch verrückten Welt, die die BWL-Karrieristin Augen rollend zur Kenntnis nimmt; Behinderte, die dauernd nach der Uhrzeit fragen und über die Auflösung von Modern Talking verzweifeln. Friedensdienst-Mitbewohner (Max Mauff und Lore Richter), die zum antiimperialistischen Steineschmeißen gegen die israelische Armee nach Hebron fahren und sich danach beschimpfen, "in dritter Generation aktiv gegen Juden" zu sein; Frau Nussbaum (Leah Koenig), die von Hanna als "meine Holocaust-Überlebende" bezeichnet und als Teil ihres Programms im Altersheim besucht wird.

Und dann ist da auch noch der überaus gut aussehende Sozialarbeiter Itay (Doron Amit), der umstandslos mit Hanna zu flirten beginnt - schließlich, so unkt er, sind deutsche Frauen mit ihrem Schuldkomplex leicht zu kriegen. Hannas Schuldkomplex aber funktioniert nicht so recht: Sie will Israel schnell hinter sich bringen und mit ihrem Zeugnis zurückkehren in ihre High-Potential-Zukunft.

Israel als Kick

Aber natürlich lässt der Film ihr diesen Ellbogen-Umgang mit der deutsch-jüdischen Geschichte und Gegenwart nicht einfach so durchgehen. Die formal als romantische Komödie inszenierte éducation sentimentale lässt es in Hannas Selbst- und Weltbild gehörig knirschen, dafür sorgt schon die Intensität ihres israelischen Alltags: all die Lilienblums und Freudenthals auf den Geschäftschildern in Tel Avivs Straßen. Frau Nussbaum, die mit leisem Lächeln von Hannas Mutter Uta (Suzanne von Borsody) erzählt und Hanna darüber aufklärt, was ihre sozialbewegte Mutter wirklich dazu getrieben hat, bei den nicaraguanischen Sandinisten und nicht bei der Tochter zu sein. Die Behinderten, die Hannas Vorstellung von Effizienz und Werthaftigkeit auf den Prüfstand stellen. Und dazu noch Itay, dessen Begehren sich gleichermaßen auf Hanna richtet wie auf Berlin - und das er sich aus Gründen versagt, die mit dem sozialpsychologischen Drama einer hochmilitarisierten, nationalistisch verfassten Gesellschaft wie der israelischen zu tun haben.

Nun ist es keine besonders originelle Idee, einen Israel-Aufenthalt als Schule der Empfindsamkeit zu inszenieren. Regisseurin und Co-Autorin Julia von Heinz gelingt es aber, die vertrackten Vorurteile, Projektionen und Begehrlichkeiten zwischen Deutschen und jüdischen Israelis mit viel Witz und souveräner Figurenzeichnung aufzuschlüsseln. Wie sehr ein Engagement in Israel für junge Deutsche heute ein verlockendes, weil moralisch unanfechtbares Mittel ist, die eigene Vita aufzuhübschen und sich einen Kick zu verschaffen - und welchen Thrill Berlin im Gegenzug für junge Israelis als ambivalenter Sehnsuchtsort hat: Diese Beobachtung trägt "Hannas Reise" ein gutes Stück weit.

Die Wucht, mit der Hanna in Israel lernt, dass "alles mit allem verknüpft ist" und sie nicht "einfach so bei null" anfangen kann, bordet dagegen manchmal ein bisschen über: Wenn an jeder nur denkbaren Ecke Probleme und Geschichte ihre Häupter erheben, dann kippt das manchmal bedrohlich in braven Aufklärungskitsch.

Guter, utopischer Kitsch dagegen ist es, wenn am Ende Bilder von Tel Aviv und Berlin gegeneinander geschnitten werden und die Kamera sich von der Tel Aviver Strandpromenade aus in die in Richtung Berlin untergehende Sonne dreht: Da wird dann die viel zu komplizierte, aber von einem unerfüllten Versprechen vibrierende Beziehung zwischen Hanna und Itay plötzlich zur schönen, zukunftsweisenden Parabel.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
maidie73 23.01.2014
1. überholte Klischees
Oh, wie das nervt.. diese Klischee-Filme über das deutsch-israelische Verhältnis. Zitat aus dem Trailer.. "deutsche Mädchen sind leicht rum zu kriegen".. das sei dann Sühne-Ssex, weil sie sich schuldig fühlen. Ich fahre seit mehr als 20 Jahren nach Israel, verbringe oft mehrere Wochen im Jahr dort. Diese Klischees sind meiner Erfahrung nach sehr weit weg, von dem was heute junge Israelis und junge Deutsche verbindet, welche Themen sie haben, wie sie zusammen arbeiten und das sie Sex haben, wenn sie Lust dazu haben.
outsider-realist 23.01.2014
2.
Zitat von maidie73Oh, wie das nervt.. diese Klischee-Filme über das deutsch-israelische Verhältnis. Zitat aus dem Trailer.. "deutsche Mädchen sind leicht rum zu kriegen".. das sei dann Sühne-Ssex, weil sie sich schuldig fühlen. Ich fahre seit mehr als 20 Jahren nach Israel, verbringe oft mehrere Wochen im Jahr dort. Diese Klischees sind meiner Erfahrung nach sehr weit weg, von dem was heute junge Israelis und junge Deutsche verbindet, welche Themen sie haben, wie sie zusammen arbeiten und das sie Sex haben, wenn sie Lust dazu haben.
Die Klischee Filme über das deutsch-israelische Verhältnis? Also mir fällt spontan gar kein anderer Film ein :-) Wie auch immer.....ich schätze den Film eigentlich eher so ein, das er mit so manchen Klischees aufräumen will und versucht ein völlig entspanntes Verhältnis aufzuzeigen. Urlaub in Israel steht jedenfalls auch noch auf meiner Agenda. Bisher kamen alle begeistert wieder zurück (leider waren das jedoch nicht viele).
Worldwatch 24.01.2014
3. Danke fuer Ihren Beitrag!
Zitat von maidie73Oh, wie das nervt.. diese Klischee-Filme über das deutsch-israelische Verhältnis. Zitat aus dem Trailer.. "deutsche Mädchen sind leicht rum zu kriegen".. das sei dann Sühne-Ssex, weil sie sich schuldig fühlen. Ich fahre seit mehr als 20 Jahren nach Israel, verbringe oft mehrere Wochen im Jahr dort. Diese Klischees sind meiner Erfahrung nach sehr weit weg, von dem was heute junge Israelis und junge Deutsche verbindet, welche Themen sie haben, wie sie zusammen arbeiten und das sie Sex haben, wenn sie Lust dazu haben.
Dem ist nicht viel hinzuzufuegen. Oder, weil sie es ansprachen; die echten Geschichten, aus der israelisch-deutschen "Verbindungs"-, meint Liebes- wie Lebenspraxis, sind viel interessanter als der hier vorgestellte Regieklischee-Klimbim.
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