"Hanni und Nanni 4 - Mehr als beste Freunde" Tomboy-Touch statt Tussikram

Mit "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" etablierte sich Isabell Suba als feministische Regisseurin. Hier spricht die Berlinerin über ihren neuen Film "Hanni und Nanni 4", das Kräftebündeln und Femifesto.

Universal Pictures

Von Carolin Weidner


"Hätte Marine Le Pen in Frankreich gewonnen", sagt Isabell ŠSuba mitten während unseres Interviews, "hätte ich das Filmemachen an den Nagel gehängt." Warum? "Weil es einen Zeitpunkt gibt, ab dem Filme auch nicht mehr weiterhelfen können." Ein Wechsel in die Politik wäre dann erfolgt, vielleicht ein neues Studium.

Doch der Wahlsieger heißt Emmanuel Macron, und ŠSuba macht mit ihrer Art des Weiterhelfens weiter: Mit Filmen, die streitbare Frauen in den Mittelpunkt stellen, und mit Initiativen, die Filmemacherinnen darin bestärken, ihre eigenen Visionen umzusetzen. Und mit "Hanni und Nanni 4 - Mehr als beste Freunde".

Gleich mit ihrem ersten Film, dem Cannes-Mockumentary "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste", etablierte sich ŠSuba als eine der engagiertesten feministischen Regisseurinnen der Branche. Der in fünf Tagen an der Croisette gedrehte Impro-Film, in dem die Schauspielerin Anne Haug SŠubas Festivalakkreditierung übernimmt und an ihrer Stelle die Herausforderungen und Erniedrigungen des Filmgeschäfts durchlebt, war wild, lustig, unfertig, No-Budget und streitbar. Also eine Seltenheit im deutschen Kino.

Nun kommt ihr zweiter Film in die Kinos und ist: eben eine Fortführung der "Hanni und Nanni"-Reihe. Ein Projekt von Universal Pictures und der Ufa, kein Indie-Film, sondern Familienkino. Bei einem derartigen Projekt gibt es mehr Geld zu verwalten, mehr Verantwortung, mehr Fallhöhe.

"Ich hatte einfach Lust auf viel Budget, auf viel Technik, und mit Kindern hatte ich vorher auch noch nicht gearbeitet", sagt ŠSuba. "Ich hatte natürlich Angst davor, aber das zieht mich grundsätzlich auch an." Dass Kinderfilme in der Branche nicht sonderlich ernst genommen werden, hat sie schnell begriffen. Stolz ist sie dennoch: auf den Film und darauf, dass sie das alles durchgezogen hat.

Äußerer Wohlstand bei gleichzeitiger innerer Leere

Isabell ŠSuba ist Anfang 30, trägt bunte Schuhe und Rucksack und macht den Eindruck, als finde sie sich gut zurecht. Sie ist wach, und sie ist wütend. Sie kann jene Kollegen nicht verstehen, die ausschließlich um den eigenen Bauchnabel kreisen, und wenn sie an "unsere Wohlstandsgesellschaft" denkt, dann findet sie, "dass sie im eigenen Komfort erstickt". "Uns ist gar nicht mehr bewusst, wie gut alle Menschen hier eigentlich aussehen."

Was Isabell ŠSuba quält und gleichzeitig anheizt, ist dieses Paradox: äußerer Wohlstand bei gleichzeitiger innerer Leere. Der Satz "Das Leben ist kurz" fällt an einer Stelle unserer Unterhaltung. Nicht einfach so - ŠSubas Familie betreibt ein Bestattungsinstitut. "Dass das Leben kurz ist, habe ich sozusagen in meiner DNA." Und sei das erst mal begriffen, gebe es kaum Zeit, sich selbst wegen so etwas wie Angst auszubremsen - leider täten das aber gerade viele Frauen.

Regisseurin Isabell Suba
imago/ Horst Galuschka

Regisseurin Isabell Suba

Die gebürtige Berlinerin ŠSuba studiert Mitte der Nullerjahre an der Filmhochschule Konrad Wolf in Potsdam. Kommilitonen: Axel Ranisch, Jakob Lass und einige andere, die in den Folgejahren so etwas wie eine Bewegung mitbegründen, die sich "German Mumblecore" nennt und stark mit Improvisation arbeitet. Drehkonzepte sollen offener gestaltet sein, Geld gibt es ohnehin keines. Jakob Lass realisiert 2013 seinen Spielfilm "Love Steaks", ŠSubas Mockumentary "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" erscheint 2014.

Nun hat Jakob Lass zusammen mit der Constantin "Tiger Girl" in die Kinos gebracht, Isabell ŠSuba folgt mit "Hanni und Nanni 4". German Mumblecore ist beides nicht mehr, man merkt beiden Filmschaffenden die Lust daran an, Größeres zu wagen, und den Ehrgeiz, Mainstream-Kino ihren Stempel aufzudrücken.

Bei "Hanni und Nanni" ist es der erfrischende Tomboy-Touch, den ŠSuba den Hauptdarsteller-Zwillingen Laila und Rosa Meinecke verpasst hat: Die Mädchen tragen Caps und die Haare nicht allzu lang, sie machen Leichtathletik und missbilligen Tussikram. Dass sich Nanni dann allerdings zu den "Pferdemädchen" des Internats hingezogen fühlt, gefährdet den gemeinsamen Plan, schnellstmöglich wieder der Institution verwiesen zu werden. Außerdem wollten doch beide in die Ehekrise der Eltern (gespielt von Jessica Schwarz und Sascha Vollmer) intervenieren?

Frauen sollen lernen, groß zu denken und sich etwas zu trauen

ŠSubas "Hanni und Nanni" möchte Girl Power zeigen, es gibt kurze Musikeinlagen, in denen Freundschaft und Zusammenhalt besungen werden, am Ende geht es darum, das Internat vor dem Verkauf zu bewahren. Keine neuen Motive, aber Isabell ŠSuba inszeniert schnell und vital, eher schrill als klassisch. Das ist kurzweilig und möglicherweise auch eine Variante von Kino, die sie selbst in ihrem Mentoring-Programms "Into the Wild" fördern würde. Denn was Frauen hier lernen sollen, ist, groß zu denken und sich etwas zu trauen.

Klappen soll das, indem sie Filmstudentinnen mit gestandenen "Filmfrauen" aus der Branche zusammenbringt, darunter Mechthild Holter von der Agentur "Players" oder Heike-Melba Fendel, Geschäftsführerin von Barbarella Entertainment und Autorin. Aus über achtzig Einsendungen hat Isabell ŠSuba gemeinsam mit den Dramaturginnen Regine Kühn und Susanne Bieger ein gutes Dutzend Studentinnen auserkoren, die sie nun "matcht".


"Hanni und Nanni 4 - Mehr als beste Freunde"
Deutschland 2017
Regie : Isabell Suba
Drehbuch: Katrin Milhahn, Antonia Rothe-Liermann
Darsteller: Laila Meinecke, Rosa Meinecke, Katharina Thalbach, Maria Schrader, Henry Hübchen, Jessica Schwarz
Produktion: UFA Fiction, Feine Filme
Verleih: Universal Pictures Germany
FSK: keine Beschränkung
Länge: 98 Minuten
Start: 25. Mai 2017


Geboren ist "Into the Wild" aus einer Dringlichkeit heraus: "Mir schreiben viele junge Filmemacherinnen aus ganz Deutschland, zum Teil schon seit 'Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste', und sagen: Ich weiß nicht, was ich machen soll, ich fühle mich so schwach, ich habe das Gefühl, ich komme nicht weiter. Das ist ein riesiges Thema."

Die eingeschickten Stoffe spiegeln für ŠSuba Unsicherheit wider. Die Frauen gucken auf sich - und gleichermaßen an sich vorbei. Das soll sich ändern. Vor wenigen Wochen ist sie mit allen "Into the Wild"-Teilnehmerinnen ins Brandenburgische entschwunden: ein Retreat, ein Frauenkreis, ein Kennenlernen. Das ist so gut gelaufen, dass sie immer noch ganz begeistert ist. Sogar ein eigenes Manifest soll aus der Begegnung entstehen: das Femifesto.

"Visionen nach außen zu tragen"

Isabell ŠSuba möchte Kräfte bündeln. Ohne das geht es auch kaum, glaubt sie: "Regisseurin zu sein, das macht auch einsam. Wenn du Erfolg hast, bist du allein, und wenn du Misserfolg hast noch viel mehr. Und diese ganzen Zeiten dazwischen: Entweder, du bist todesgestresst, weil du drehst, oder du bist in Schreibphasen und damit dann total einsam. Das ist sehr extrem. Eine Gruppe kann das auffangen. Für sie lohnt es sich, die Angst über Bord zu werfen und einfach zu teilen."

ŠSuba möchte in Frauen den Mut wecken, "Visionen nach außen zu tragen". "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" war so eine Vision und vor allem auch ŠSubas ganz persönlicher Aufschrei, nachdem sie erfahren hatte, wie schlecht es um die Situation von Regisseurinnen in Cannes bestellt ist. Und auch "Hanni und Nanni" ist Vision, doch mindestens ebenso stark selbst auferlegte Herausforderung: Sie musste sich das beweisen, ins Risiko gehen.

Und das müsse man üben, appelliert Isabell ŠSuba, "und zwar immer, wenn die Chance besteht". Hingehen und nicht weggehen. Erfahren, dass man auch dann überlebt, wenn man etwas nicht bekommt. Nicht in Schockstarre verfallen, aus Angst, sich ein blaues Auge abzuholen. Ständig könne sie diesen Modus trotzdem nicht aushalten. Aber: "Es ist gut, wenn man ihn beherrscht." Sollte sie eines Tages beschließen, in die Politik zu gehen, wird er ihr zweifelsohne auch dort helfen.

Im Video: Der Trailer zu "Hanni und Nanni 4 - Mehr als beste Freunde"

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Nordstadtbewohner 28.05.2017
1. Schade.
Ich bin selbst Vater dreier Kinder und sehe mich durch diesen Artikel leider mal wieder bestätigt. Die Zahl der Kinderfilme und Kinderbücher, die ideologisch/ politisch durchtränkt sind, hat in den letzten Jahren zugenommen. Ich sehe mich mittlerweile gezwungen, im stärkeren Maße eine Vorauswahl zum Schutz meiner Kinder zu treffen. Hanni und Nanni richtet sich an ein sehr junges Publikum, das noch früh genug mit Politik, Feminismus und anderen Ideologien zu tun bekommt. Von daher finde ich es nicht gut, dass man sich wie Isabell Suba an Kinderfilmen vergreift, nur um anderen das eigene Weltbild aufzuzwingen. Man sollte Kinder einfach mal Kinder sein lassen.
FocusTurnier 29.05.2017
2. Zu Nr.#1: Recht hat er...
Ich werde mich ebenfalls hüten, solche politische Indoktrination meinen Kindern zuzumuten. Deutsche Filme haben bei mir eh' einen schwierigen Stand und ich werde jedes Mal auf's Neue bestätigt, daß ich damit richtig liege. Das erinnert mich schon an meine Kindheitszeiten in der DDR, da war die politische Berieselung im Kinderprogramm ebenfalls normal (und genutzt hat es auch nix, die DDR is wech). Wenn ich dann noch lese, daß die Regisseurin ein feministisches Manifest mitgestaltet hat, dann überlege ich, meinen Kindern bei Gelegenheit mal das SCUM nahezubringen, um ihnen zu zeigen, was feministische Manifeste so sind.
krustentier120 29.05.2017
3. Nichts neues
Hören Sie sich mal Ihre alten TKKG Hörspiele ganz genau an. Die sind durchtränkt von einem extrem rückständigen und rechten Weltbild. Da lass ich meine Kinder lieber sowas hier schauen. Filme dieser Art haben tatsächlich zu interessanten Debatten mit meiner 12jährigen Nichte geführt. Finde ich super: weiter so!
lachina 29.05.2017
4. Nordstadtbewohner,
vielleicht hat es sich Ihnen nicht so aufgedrängt, aber gerade Mädchenbücher - und Filme waren immer ideologisch - das Mädchen sollte auf ihre Rolle als Hausfrau- und Mutter vorbereitet werden. So wurde aus dem Tomboy Trotzkopf das brave Hausmütterchen Ilse, das coole Cowgirl Linda von Peter Wollick wird ein "richtiges Mädchen" etc. Wenn eine Regisseurin gerade den Gegenentwurf bringt, ist das doch völlig in Ordnung.
niska 29.05.2017
5.
Zitat von lachinavielleicht hat es sich Ihnen nicht so aufgedrängt, aber gerade Mädchenbücher - und Filme waren immer ideologisch - das Mädchen sollte auf ihre Rolle als Hausfrau- und Mutter vorbereitet werden. So wurde aus dem Tomboy Trotzkopf das brave Hausmütterchen Ilse, das coole Cowgirl Linda von Peter Wollick wird ein "richtiges Mädchen" etc. Wenn eine Regisseurin gerade den Gegenentwurf bringt, ist das doch völlig in Ordnung.
Aber warum muss man dazu die Klassiker umschreiben und aus ihrer Zeit reissen, anstatt mal selbst was Neues zu machen? Es gibt sie doch auch, "Die wilden Hühner" etc., die Bücher und Filme, die mehr in die Zeit passen.
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