"Hannibal" Hirnrissige Hausmannskost

Der Skandal ist serviert: Bildungsbeauftragte und andere Besserwisser erregen sich über das "brutale" Sequel vom "Schweigen der Lämmer". Dabei drehte Ridley Scott lediglich einen faden Horrorschocker mit einer in der Kinogeschichte einmalig unappetitlichen Szene.

Von Oliver Hüttmann


Fällt bei FBI in Ungnade: Foster-Ersatz Julianne Moore als Clarice Starling
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Fällt bei FBI in Ungnade: Foster-Ersatz Julianne Moore als Clarice Starling

Diese Augen. Man fröstelte und fragte sich, ob man noch Zuschauer im Kino war oder schon Teil des Psychospiels, als man erstmals in die Augen von Dr. Hannibal Lecter blickte. Kalte, gleichwohl vor Spott und Selbstherrlichkeit funkelnde Pupillen, die eine beunruhigende Ruhe ausstrahlten. Reglos fixierten sie einen, als könnten sie sich unerbittlich ins Hirn bohren, um unsere geheimsten Gedanken und verdrängten Ängste hervorzupulen.

Keine Wimper zuckte, als der alte Mann mit den schütteren, streng zurückgekämmten Haaren und der strammen Haltung die junge FBI-Anwärterin Clarice Starling barsch aufforderte, sie solle näher treten. "Näher, bitte, näher!" Dann sog er durch ein paar Löcher im Panzerglas seiner Zellenwand die Luft ein, gleich einem Tier, das die Witterung eines Opfers aufnimmt. "Sie benutzen L'Air du Temps", sagte er und lächelte maliziös. "Nur heute nicht."

Es war der Beginn einer bizarren Romanze, in deren Verlauf die Polizistin ihre Seele offen legte vor dem psychopathischen Psychiater, der sich an Menschenfleisch labt. Am Schluss gelang ihm die Flucht. "Schweigen die Lämmer immer noch, Clarice?", fragte er noch und erklärte ihr, er wäre mit einem alten Freund zum Dinner verabredet. Dann war er verschwunden.

Was konnte noch folgen?

"Das Schweigen der Lämmer" von Jonathan Demme war der Vorbote für zahllose Thriller über Psychopathen und Serienkiller, die ein Jahrzehnt lang auf der Leinwand ihr Unheil trieben. Sie waren brutaler, meist miserabler, manchmal von ebenbürtiger Raffinesse, aber keiner ist so nachhaltig in Erinnerung geblieben wie Hannibal Lecter, den Anthony Hopkins mit einer beispiellosen Darstellung lebendig werden ließ. Er gewann dafür den Oscar, der Film erhielt vier weitere Trophäen, und die Fans gierten nach einer Fortsetzung. Aber was konnte noch folgen? Romanautor Thomas Harris brauchte Jahre, bis er sich von dem Film erholt hatte und die erste Zeile verfasste ­ und musste beim Schreiben doch immer nur an Hopkins denken. Folgerichtig lautete der Titel "Hannibal".

Anthony Hopkins als "Hannibal the Cannibal": Nachhaltig in Erinnerung geblieben
REUTERS

Anthony Hopkins als "Hannibal the Cannibal": Nachhaltig in Erinnerung geblieben

Nun hat Regisseur Ridley Scott diese Geschichte von "Hannibal the Cannibal" verfilmt, und die Reaktionen darauf sind die gleichen wie beim Buch: Von den Kritikern verschmäht, vom Publikum verschlungen. 58 Millionen Dollar spielte der Film am ersten Startwochenende in Amerika ein. Das ist nur etwas weniger, als "Vergessene Welt: Jurassic Park" und "Star Wars: Episode 1" ­ ebenfalls beides lang ersehnte Sequels ­ in diesem Zeitraum umgesetzt hatten. Dabei hat "Hannibal" mit einem R-Rating noch nicht mal die kommerziell wichtige Jugendfreigabe erhalten. Auch in Deutschland darf man den Film erst ab 18 sehen, was den Erfolg wohl kaum schmälern wird. Zumal "Bild", Bildungspolitiker und andere Besserwisser einen delikaten Skandal serviert haben über das "brutale Machwerk".

...lange erst mal gar nichts

Dabei geschieht ­ wie im Roman ­ lange erst mal gar nichts. Dr. Hannibal Lecter hat sich unter dem Pseudonym Dr. Fell in Florenz den Job des Kurators in einer Museumsbibliothek erschlichen, hält honorige Vorträge, spielt auf dem Klavier die Goldberg-Variationen, trinkt im Café seinen Espresso, ständig observiert von dem schwitzenden italienischen Inspektor Pazzi (Giancarlo Giannini), der Lecter zufällig enttarnt hat und nun drei Millionen Dollar kassieren will. Die hat Mason Verger (Gary Oldman) ausgelobt, einst ein Patient von Lecter, der ihn unter Drogen gesetzt und dazu gezwungen hatte, sich mit einer Glasscherbe selbst zu verstümmeln. Das schwerreiche Scheusal ist kein schöner Anblick, aber mit der Weile wirkt die Fratze aus einer wulstigen Gummimaske eher wie eine Witzfigur aus der Gruselbahn.

Feinschmecker Lecter auf der Pirsch: fahrige, fade Inszenierung und allerlei Unlogik
AP

Feinschmecker Lecter auf der Pirsch: fahrige, fade Inszenierung und allerlei Unlogik

Derweil geraten Clarice Starling (Julianne Moore) und mehrere FBI-Agenten in eine wüste Schießerei mit Drogendealern. Die blutige Aktion sorgt für Aufregung in der Presse. Verger besticht den ehrgeizigen Staatsanwalt Krendler (Ray Liotta), damit Starling in Ungnade fällt. Ihr Schicksalsschlag dient als Köder, um Lecter aus seinem Exil in eine Falle zu locken. Dann will Verger seinen alten Peiniger an blutrünstige Eber verfüttern.

Guten Appetit!

Jonathan Demme lehnte die Regie des Sequels ab, weil ihn Sequels anöden würden, wie er offiziell erklärte. Jodie Foster verlangte 20 Millionen Dollar, um noch mal die Rolle der Clarice Starling zu übernehmen. Produzent Dino De Laurentiis hatte zwar mit 100 Millionen Dollar ein mächtiges Budget angehäuft, diese Gage aber wollte er nicht zahlen. Schließlich erklärte Foster, sie sei zu stark mit ihrem Regieprojekt "Flora Plum" beschäftigt. Tatsächlich aber - so munkelt man in Hollywood - waren beide ausgestiegen, weil ihnen der Roman missfiel ­ vor allem das Ende, an dem Clarice zur hörigen Gespielin des kultivierten Kannibalen wird. Für die Schlussszenen des Films wurde die sexuelle Intention zwar weggelassen, das kannibalische Dinner aber nicht entschärft. Guten Appetit.

"Das Schweigen der Lämmer" ist ein ausgefeilter, abgefeimter Psychothriller um Identitäten und das eigene Ich, von Demme klaustrophobisch inszeniert. "Hannibal" dagegen ist ein schlichter Horrorschocker. Zwischen kulturbeflissenem Schwulst, pompösem Zierrat und dekadentem Renaissance-Gehabe darf der Feingeist und Gourmet alles ausleben, was zuvor nur angedeutet wurde. Er habe mal die Leber eines Verhaltensforschers mit Fava-Bohnen und einem ausgezeichneten Chianti genossen, erzählte Hannibal im "Schweigen". Nun hebt er die Schädeldecke des von Morphium benebelten Krendler hoch, tranchiert elegant ein Stücken aus seinem bloßliegenden Gehirn, brät es mit Trüffeln kurz an, um es dann zu kredenzen.

Einfallslos, leer und spannungsarm

Filmszene aus "Hannibal": Witzfigur aus der Gruselbahn
Tobis

Filmszene aus "Hannibal": Witzfigur aus der Gruselbahn

Das Kino muss solche Sequenzen aushalten, wenn sie der Geschichte dienen. Das Problem: Ausgerechnet der große Visualist Ridley Scott, der mit "Alien" selbst das Original für eine erfolgreiche ­ und bemängelte ­ Sequel-Reihe geschaffen hatte, konnte hier keine filmische Vision entwickeln. Schlichte Schaueffekte wie dunkle Ecken, bläulich verfremdete Videobilder und Scotts obligatorischer Regen stopfen eher den dramaturgischen Leerlauf, statt Spannung zu schaffen. Selbst die in den Medien viel zitierten Szenen mit den Schweinen verpuffen, bevor das Fressen so richtig begonnen hat. Verblüffend und damit nicht gerade schmeichelhaft ist nur, dass sich der brillante Lecter von Vergers Leuten auf ziemlich plumpe Weise fangen lässt. Die fahrige, fade Inszenierung und allerlei Unlogik machen "Hannibal" zu hirnrissiger Hausmannskost.

Anthony Hopkins schert das alles nicht. Immerhin strich er mit zehn Millionen Dollar die höchste Gage seiner vier Jahrzehnte währenden Schauspiellaufbahn ein. Ihm habe der Roman gefallen, aber er könne ja nicht mal eine Postkarte schreiben, so der Brite. Das Beste an "Hannibal" ist letztlich das Plakat, von dem Hopkins noch mal so spöttisch blickt, dass man erschauert.

"Hannibal". USA 2001. Regie: Ridley Scott, Drehbuch: David Mamet, Steven Zaillian, Darsteller: Anthony Hopkins, Julianne Moore, Ray Liotta, Gary Oldman. Länge: 131 Minuten; Verleih: Tobis StudioCanal; Start: 15. Februar 2001.



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