Familiendrama "Happy End" von Michael Haneke Der Herr Sadist hat angerichtet

Karaoke mit Handstand, Hamster auf Schlafpille und Sexchat-Protokolle: Michael Haneke inszeniert mit "Happy End" Leute, die Herzloses tun. Und verkauft dabei seinen Menschenhass als Kritik.

X Verleih

Von Ekkehard Knörer


Etwas gerät ins Rutschen. Buchstäblich: auf einer Baustelle der Familie Laurent. Aber man darf es getrost als symbolisch begreifen, um Überdeutlichkeiten ist Michael Haneke ja selten verlegen: In der Familie Laurent selbst ist der Wurm drin. Sie hat bessere Zeiten gesehen, einst hat das Bauunternehmen am Tunnel unter dem Ärmelkanal viel Geld verdient. Jetzt droht die Pleite, Anne (Isabelle Huppert), die Chefin des Ganzen, liiert sich mit Geld (Toby Jones) von jenseits des Kanals. Ort des Geschehens: Calais. Auffällig unauffällig rückt Haneke die hier gestrandeten Geflüchteten mehrfach ins Bild.

Schlimm erwischt hat es den von allen Familienansprüchen komplett überforderten Pierre, der seine Mutter Anne ganz furchtbar geniert, als er eine Gruppe Geflüchteter auf eine Familienfeier schleppt. Er ist ein Taugenichts, sollte die Firma in seine Hände geraten, wäre das Schlimmste zu fürchten. Blut ist für die Laurents dicker als Wasser.

Aber beim Geld hört der Spaß irgendwann auf. Pierre wird von Franz Rogowski à la Joaquin Phoenix gespielt: intensiv, hart am Irrsinn, drüber und druff. Und er hat die tollste, die einzige wirklich grandiose Szene des Films: einen Karaokeauftritt mit Handstand, Breakdance und anderen Dingen. Hier dreht einer frei, wenn auch im von Haneke und seinem Kameramann Christian Berger wie immer äußerst akkurat vorgegebenen Rahmen.

Sarkastisch kommentierte Handy-Videoaufnahmen

Wobei es auch eine andere Frau übel erwischt hat. Wir sehen sie zunächst nur aus der Perspektive ihrer Teenager-Tochter Eve, in sarkastisch kommentierten Handy-Videoaufnahmen, auf denen man Zeuge wird, wie die Mutter sich bettfertig macht. Damit beginnt Haneke seinen Film über herzlose Menschen, die Herzloses tun.

In Wahrheit sind Eves Videoaufnahmen alles andere als alltäglich und harmlos. Eve verfüttert die Schlaftabletten der Mutter an ihren Hamster und hält mit der Kamera drauf, bis der sich nicht mehr rührt. Dann unternimmt die Mutter einen Selbstmordversuch. Sie fällt ins Koma, Eve wird aus dem französischen Süden in die Familie ihres neu verheirateten Vaters Thomas (Matthieu Kassovitz) transplantiert, ins großbürgerliche Haus der Laurents. Dort kriegt sie bald mit, dass der Vater trotz gerade frisch geborenen Sohns seine Frau Anais mit einer Cellistin betrügt. Von den versauten Chatdialogen der beiden bekommen Eve und wir mehr, als wir wollen, zu lesen.

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Fotostrecke: Fortgesetzte Schlechtigkeit

Schlimm erwischt hat es Eves Mutter, schlimm erwischt hat es den Hamster, schlimm erwischt hat es Anais und schlimm erwischt hat es Pierre. Aber summa summarum ist vielleicht Georges Laurent (Jean-Louis Trintignant) am übelsten dran, der Patriarch im Rollstuhl. Des Lebens überdrüssig wahrt er, der beginnenden Demenz, um die er weiß, zum Trotz, mit eisiger Verachtung für den Rest der Welt doch lange noch die Fassade. So kühl wie verzweifelt sucht er jemanden, der ihm eine Waffe verkauft, auf der Straße und beim Friseur: Gerne würde er ein Ende machen mit sich. Das Ende des Films gehört ihm dann auch, aber dem Titel des Films spricht es Hohn. Wie zu erwarten.


"Happy End"
Frankreich, Österreich, Deutschland 2017

Drehbuch und Regie: Michael Haneke
Darsteller: Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz
Produktion: Les Films du Losange, X-Filme Creative Pool, Wega Film, Arte France Cinéma, France 3 Cinéma, Westdeutscher Rundfunk (WDR), Bayerischer Rundfunk (BR), Arte G.E.I.E.
Verleih: X Verleih
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 107 Minuten
Start: 12. Oktober 2017


Im intergenerationalen Vergletscherungszusammenhang, den "Happy End" darstellt, verbündet Georges sich mit Eve: Sie noch ohne Verantwortung, er aus der Verantwortung für das falsche Leben im falschen. So illusionslos, wie Haneke denkt, dass er ist, blicken sie auf Familie, Leben, das Bürgertum, Mütter und Hamster. Alles nur zu vertraut.

Potpourri aus Motiven

Hanekes neuer Film ist ein Potpourri aus Motiven, die aus seinem Werk längst bekannt sind. Best of "Worst of: der Mensch". Aus "Amour", dem ein Tötungsakt als Höhepunkt von Liebe und Mitmenschlichkeit galt, übernimmt er die Vater-Tochter-Konstellation Huppert/Trintignant. Bestens bekannt auch die Kritik an Überwachungs- und Videobildern. Sowieso die Kritik an der Verlogenheit eines einstigen Großbürgertums auf dem absteigenden Ast. Die quälenden Sex-Fantasie-Chatprotokolle als Austragungsort des Betrugs kommen diesmal dazu. Seit längerem hört man von einem Plan, Haneke wolle einen Film über das Internet drehen. Ein wenig steckt die damit verbundene These schon in "Happy End": das Netz als weiter entfremdendes Medium in einer entfremdeten Welt. Was sonst.

Das Eigentümliche an diesem Regisseur, das Selbstgerechte auch, liegt nun darin, dass er besten Gewissens wieder und wieder die schlechteste aller möglichen Welten mit den fiesesten aller möglichen Menschen präsentiert und mit sadistischer Lust an ihrer Vorführung ausmalt. Diesen Sadismus verkauft er dann als eine Form von Kritik.

Auf die Reihe der Filme gesehen kann man aber nur konstatieren: Die fortgesetzte Schlechtigkeit ist genauso Hanekes eigener Fetisch wie es die empathiefreien Überwachungsbilder und das Menschenbild sind. Die Komik, die manches in "Happy End" durch die Überdrehung ins Groteske erhält, ist nicht unfreiwillig, hilft aber wenig. Michael Haneke erfindet sich erneut sehr bequem Figuren und eine Welt, die er genüsslich vorführen kann, ohne sich mit real existierenden Wirklichkeiten die Finger schmutzig machen zu müssen.

Im Video: Der Trailer zu "Happy End"

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insgesamt 6 Beiträge
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projektraum 10.10.2017
1. Sehr schöner Familienabriss à la >film noir
und kluge Dramaturgie durch lediglich angedeutete Handlungsstränge. Habe mich sehr wohl gefühlt-
Paul Max 10.10.2017
2. ???
fühlt sich jemand ertappt, in seiner Lebenswirklichkeit bedroht und kann nicht mit der um sich greifenden Sinnlosigkeit mancher Konstellationen leben? Andere Kritiken fallen da viel gelassener aus
Pocillator 10.10.2017
3. Ekkehard Knörer
Nichts gegen Ekkehard Knörer, aber Knörer ist m. E. bekennender Haneke-Hater. Ich kann mich daran erinnern, dass er sich im Oktober 2009 auf Perlentaucher ein Kritikerduell in Sachen Hanekes "Das Weiße Band" mit Wolfram Schütte geliefert hat. Im Prinzip ist der heutige Artikel ein Aufguss dessen, was Knörer damals geäußert hat. Deswegen weiß ich nicht, ob SPON so gut beraten ist, augerechnet Knörer mit der Kritik eines Hanekes Film zu beauftragen. Knörer fing damals so an: "Haneke ist für mich ein Geist, der stets verneint. Seine Filme sind Exerzitien, die die Freiheit leugnen." Die besagten Artikel sind leicht zu googeln.
Newspeak 11.10.2017
4. ...
Die Frage ist...muss Haneke dem Rezensenten gefallen, muss er gefaellige Kritik liefern, oder ist es nicht so, dass er als Kuenstler machen kann, was ihm zusagt? Je oefter ich Rezensionen auf SPON lese, egal ob Film oder Literatur, desto oefter beschleicht mich der Eindruck, dass die Rezensenten ihr Handwerk nicht verstehen, und als Klassiker schlechthin ihr persoenliches Meinungsbild mit der objektiven Qualitaet des Films verwechseln. Zu gern haette man z.B. etwas ueber die schauspielerischen Leistungen gelesen, egal ob man die Charaktere ueberzeichnet findet, oder grotesk, oder sonstwie verstoerend unverstaendlich, deshalb koennte man doch trotzdem etwas darueber schreiben, wie die Schauspieler agieren. Dass sich Kuenstler wiederholen, und viele Regisseure denselben Film wieder und wieder drehen, so wie viele Autoren denselben Roman wieder und wieder schreiben, das ist ja nun weder neu, noch ungewoehnlich, in anderem Kontext nennt man es den Stil des Kuenstlers oder seine Handschrift. Das demzufolge bei einem Haneke Film, der "Happy End" heisst, nichts dergleichen erwarten darf, so what? Ich persoenlich stimme ja durchaus zu, dass es nicht immer Spass macht, wenn sich Haneke an seinen Traumata abarbeitet, aber er ist dennoch einer der wenigen heutigen Regisseure, die ueberhaupt noch einen verstoerenden Film machen koennen, jenseits des oeden Einheitsbreis des Mainstreamkinos.
der-waldler 11.10.2017
5. Vielleicht haben Sie das Werk ja nicht verstanden, Herr Knörer?
Ich weiss nicht, wie man als Rezensent darauf kommen kann, Hanekes Verzweiflung über den und sein Leid am Menschen mit sadistischer Lust, Fetischismus oder gar Menschenhass in Zusammenhang zu bringen? Haneke ist kein Menschenhasser. Er sieht im Menschen allerdings nicht die "Krone der Schöpfung", sondern etwas, das "dem Menschen ein Wolf" sein kann und sehr oft ist. Er ist damit dem Existentialisten Sartre ganz nahe. Und diesen Grundtenor finde ich an "Happy End" genauso berechtigt wie schon in "Liebe", im "weissen Band", in der "Wolfszeit" oder im "Schloss".
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