"Harry Potter"-Film Drama des begabten Kindes

"Ich spüre so einen Zorn in mir!", sagt Harry Potter in der Verfilmung des fünften Rowling-Buchs. Da denkt man sich: zu Recht! Denn spätestens jetzt wird klar: So ein Kindheitstrauma lässt sich nicht wegzaubern. Und für die Pubertät bleibt auch nicht wirklich Zeit.

Von Daniel Haas


Das Urteil erscheint als blutige Inschrift auf dem Körper des Delinquenten - woher kennt man das doch gleich? Aus Kafkas "Strafkolonie"-Erzählung. Da entwickelt ein Offizier eine Egge, die den Richtspruch in die Haut des Verurteilten schreibt. In "Harry Potter und der Orden des Phönix" muss Harry zur Strafe einen Merksatz notieren; die Schrift erscheint nicht nur auf dem Papier, sondern dank eines magischen Federkiels auch als blutige Zeichenspur auf seiner Hand.

Auch wenn er es in der Hand hat: Harry Potter (Daniel Radcliffe) trägt das schwerste Los von allen
Warner Bros.

Auch wenn er es in der Hand hat: Harry Potter (Daniel Radcliffe) trägt das schwerste Los von allen

Dass sich die Machtverhältnisse buchstäblich in die Körper einschreiben, ist ein alter Zauberhut der Kulturtheorie. Aus ihm lässt sich immer noch die eine oder andere kritische Pointe ziehen: Geschlecht zum Beispiel, so die Idee, ist auch nur eine Beschriftung des Körpers mit den Diskursen der Ideologie. Was männlich, was weiblich ist, hängt davon ab, wer über Definitionsmacht verfügt und wie sie angewandt wird.

Paradoxer Held

Harry ist natürlich ein richtiger Junge, wobei man sich fragen kann, welches Geschlecht der Erlöser letztlich hat und ob er als höhere Instanz wirklich über eine profane fleischliche Agenda verfügt. Fraglos ist jedoch, dass der Welt berühmtester Zauberlehrling ein Gezeichneter böser Mächte ist - man denke nur an die gezackte Narbe, die von der ersten Begegnung mit seiner Nemesis, dem Oberschurken Lord Voldemort, herrührt.

Potter, das soll im fünften Band der Romanreihe und auch in David Yates' Film deutlich werden, ist zwar ein Hochbegabter, aber eben auch ein Junge in der Pubertät. Er liegt im Clinch mit Autoritäten - hier vor allem verkörpert von Dumbledore, dem magischen Übervater -, rangelt verbal mit seinen Freunden und verliebt sich sogar. Doch die im Wortsinn gravierendste körperliche Erfahrung, die ihm die Autorin gönnt, gehört in den Bereich der Folter, nicht der Lust. Deshalb ist Harry Potter wirklich eine paradoxe Jahrhundertfigur: Opferlamm einer heidnischen Zauberwelt, Messias im areligiösen Magierreich.

Zwar gibt es einen Kuss für die Hogwarts-Schülerin Cho (Katie Leung), der ist in Yates' Film aber so lieblos hininszeniert wie die meisten Konfrontationen von Harry und seinen Mitspielerin. "Der Orden des Phönix" fällt, was Regie und Dramaturgie angeht, weit hinter seine Vorgängerfilme zurück.

Yates, der Fernsehregisseur, weiß das Kinoformat nicht wirklich zu nutzen: Er gestaltet keine Räume, sondern setzt immer nur Kulissen ins Bild, entwickelt keine Figuren, sondern hakt Plotstationen ab und verlässt sich ansonsten auf die Computertechnik, die dort für Staunen sorgen soll, wo Erzähltechnik und Bildsprache nur gähnen machen.

Was die Logik des Potterschen Dramas angeht, ergibt diese ästhetische Schlampigkeit auf einer höheren Ebene aber schon wieder Sinn. Weil der Film so uninspiriert durch die Handlung stolpert, bleiben nur ein paar markante Szenen im Gedächtnis: Harry (Daniel Radcliffe), der mit besagter Foltertinte schreiben muss. Harry, mit der kleinen Luna Lovegood (Evanna Lynch) sogenannte Thestrale bestaunend, Fabeltiere, die nur jene wahrnehmen können, die bereits dem Tod ins Auge sahen. Harry, mit grün leuchtenden Zombie-Augen, gegen Lord Voldemort (Ralph Fiennes) kämpfend, der sich seiner Seele bemächtigen will.

Unerlöster Erlöser

In diesen Szenen verdichtet sich noch einmal, was Millionen Potter-Leser wissen und schätzen: dass ihr Held nicht irgendein Internatsbubi ist, sondern ein Auserwählter, den großen Erlösern der Popkultur - Neo, Frodo, Skywalker - ebenbürtig. Ja, es nerven ihn Dudley (Harry Melling), das blödfette Hätschelkind; es triezt ihn nach wie vor Draco (Tom Felton), der Sohn des Voldemort-Handlangers Lucius Malfoy (Jason Isaacs). Ja, er ist ein bisschen verknallt in Cho und verärgert von der Geheimniskrämerei Dumbledores (Michael Gambon), aber das sind alles nur Petitessen gegen sein eigentliches Dilemma.



Harry soll die Welt retten, er muss Voldemort besiegen - in Band und Film Nummer fünf heißt das: eine Kinderarmee zusammenstellen, weil der schwarze Lord ebenfalls seine Truppen mobilisiert; eine Rufmordkampagne überstehen, die das Zauberei-Ministerium gegen ihn anzettelt; in einer Appeasement-verdummten Welt immer wieder die Rolle der Kassandra spielen: Das Böse ist unter uns! Habt ihr keine Augen im Kopf?

Wie jeder Seher ist auch Harry auf sich allein gestellt. Die Vision taugt nur zum Alleinstellungsmerkmal, wenn man sie auch allein erduldet. Natürlich gibt es Ron (Rupert Grint) und Hermine ((Emma Watson), den coolen Onkel Sirius Black (Gary Oldman), aber in seinen schwersten Momenten ist der Held allein. Wenn Harry sagt, er fühle so einen Zorn in sich, dann ist dies vielleicht nur teilweise der wachsende Einfluss Lord Voldemorts. Es könnte auch die Wut des begabten Kindes sein, dessen Leben im Dienst der Erwachsenen und ihrer Probleme steht.

Kein Kinderspiel

Die Wucht, mit der Rowling ihre Figur ins Programm des Retters zwingt, ist enorm, und wenn, wie Experten spekulieren, Harry im siebten Band vielleicht seine Zauberkräfte verliert, dann wäre das tatsächlich eine Erlösung. Fasst man die Magie als Metapher einer gesteigerten Form der Empfindsamkeit, so ist Potter das Kind in seiner Rolle als Vermittler in einer aus den Fugen geratenen Zeit. Es muss die Erwachsenenwelt von seinen eigenen Dämonen erlösen und wird dafür um den Genuss des Kindseins gebracht. Wenn sich Harry schweißgebadet durch Alptraumszenarien wälzt, ist die Trauma-Diagnose wohl nicht zu hoch gegriffen. Der Gang zum Analytiker liegt nahe.

Doch wer soll den Erlöser erlösen? Wie die Religion, diese große Seelenheilmethode, hat Rowling auch die Therapie in ihrer Erzählung ausgespart. Das ist, aus der Logik der Geschichte beurteilt, nur konsequent: Wer in einer übersinnlichen Welt agiert, braucht keine Metaphysik; wenn alle Dämonen real sind, werden sie als Bild für seelische Schrecken überflüssig.

Das heißt aber auch: Es gibt keine sanfte Heilmethode für Harrys Visionen des Bösen, weil sie eben keine Halluzinationen sind, sondern das Böse selbst. Freiheit verlangt den Höchsteinsatz, absolute Hingabe, ja unter Umständen das Leben selbst, für weniger ist sie nicht zu haben. An diesem Punkt ist Rowling unerbittlich wie jeder literarische Weltenschöpfer von Format.

Selbst Yates' mäßiger Film kann etwas von dieser Tragödie vermitteln. Und einen Ausblick geben auf das, was kommen muss und dem Potter-Fans weltweit entgegenfiebern: das große Finale in Buchform.

Von den bisher erschienenen sechs Romanen wurden 325 Millionen Exemplare verkauft, am 21. Juli kommt die britische Ausgabe mit 2,6 Millionen Exemplaren, die deutsche im Oktober mit einer Million Stück auf den Markt. Doch in den entscheidenden Momenten wird jeder Leser, jede Leserin mit dem Helden allein sein. Beglückt vom Unglück dieses großen Einsamen, dessen Schicksal unter die Haut geht wie Zaubertinte.



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