"Harry Potter und die Kammer des Schreckens" Harryland ist abgebrannt

Der zweite Film über den beliebten Zauberlehrling Harry Potter ist weder düsterer, noch spannender oder lustiger als sein Vorgänger - er ist ganz einfach die routiniert-turbulente Hollywood-Verarbeitung eines Kinderbuchs, das jeder kennt. Der abgeklungene Potter-Hype wartet auf neue Impulse.

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Fliegende Fords: Harry Potter (Daniel Radcliffe) und Kumpel Ron Weasley (Rupert Grint, l.) spielen "Chitty Chitty Bang Bang"
Warner Bros.

Fliegende Fords: Harry Potter (Daniel Radcliffe) und Kumpel Ron Weasley (Rupert Grint, l.) spielen "Chitty Chitty Bang Bang"

Machen wir uns nichts vor, der Hype um Harry Potter ist vorbei. Man erinnere sich nur an das vergangene Jahr: Merchandising-Attacken, mediales Raunen auf allen Kanälen und die bange Frage, wie und ob Hollywood-Routinier Chris Columbus es wohl geschafft hat, den beliebtesten Kinderhelden seit Huckleberry Finn auf die Leinwand zu befördern. Ein Riesen-Tamtam. Was dann in Form von "Harry Potter und der Stein der Weisen" tatsächlich zu sehen war, stopfte nicht nur der Zielgruppe - den kindlich-jugendlichen Potter-Fans - das Maul, sondern auch den Kritikern, die sich schon auf ein Schlachtfest gefreut hatten.

Denn: Zwar gab es an der ersten Verfilmung eines der über die Maßen erfolgreichen Bücher Joanne K. Rowlings noch eine ganze Menge zu mäkeln, vor allem wegen seiner Hollywood-gerechten Glätte, für den ganz großen Verriss reichte es jedoch nicht. Das Kino-Volk konsumierte und war's zufrieden, derweil die Investoren sich über Millionengewinne und den Eintrag in die Top Ten der erfolgreichsten Filme aller Zeiten freuten.

Auch der neue Film, "Harry Potter und die Kammer des Schreckens", bietet im Grunde viel zu wenig Angriffsfläche, um sich substantiell mit ihm auseinander zu setzen. Wie auch, denn wie sein Vorgänger basiert auch er detailgetreu auf den Vorgaben der britischen Autorin, deren Werke bekanntlich Bestseller, aber nicht unbedingt Quellen von großer literarischer Tiefe sind - Kinderbücher eben. Unterschiede zum Erstling bemerkt man kaum, wenngleich im Vorwege marketingstrategisch geschickt gemunkelt wurde, dass ja nun alles viel düsterer und spannender sei als zuvor.

Emma Watson als Potter-Freundin Hermine Granger: Schüchternes Lächeln und staunend aufgerissene Augen
WARNER BROS.

Emma Watson als Potter-Freundin Hermine Granger: Schüchternes Lächeln und staunend aufgerissene Augen

Der Medienhype erreichte dennoch nicht die Hysterie-Werte des Vorjahres. Fast schon routiniert entspannen sich die üblichen Präliminarien, die darin gipfelten, dass die "Kammer des Schreckens", die ja in Wahrheit eine "Chamber of Secrets", also eine Kammer der Geheimnisse ist, eine Freigabe ab sechs Jahren erhielt, wofür die arme alte FSK mal wieder mächtig Prügel beziehen musste.

Schaute man allerdings nach den gnadenlos übervölkerten Presse-Vorführungen in die Gesichter der Kinder, sah man viel Begeisterung, manchmal Gleichgültigkeit und das eine oder andere Gähnen (kein Wunder, bei 161 Minuten Lauflänge). Der blanke Horror stand lediglich den Erwachsenen ins Gesicht geschrieben. Nicht etwa, weil der Film so schlecht gewesen war, sondern weil man sich pflichtschuldigst um den vermeintlich zart besaiteten Nachwuchs sorgte, dem das dargebotene Spektakel - streckenweise eine rasant inszenierte Geisterbahn-Fahrt - natürlich einen Heidenspaß gemacht hatte. Im Frühabendprogramm bei RTL und ProSieben gibt's ja bekanntlich oft Grausameres zu sehen, als riesige Spinnen und Schlangen.

Das zweite Gerücht, der neue Film sei spannender, ist natürlich ebenso nichtig, denn die Handlung bietet dem durch mehrmaliges Lesen oder Vorlesen des Buches geschulten Kind ungefähr so viel Neues wie ein Kaugummi, auf dem man während einer Doppelstunde Religionsunterricht herumgekaut hat. Hier zeigt sich vielleicht das wahre Problem der "Harry Potter"-Filme, die dem Regisseur kaum Raum für eigene Interpretationen lassen. Zu argusäugig achtet Ms. Rowling darauf, dass ihre Märchen möglichst originalgetreu auf die Leinwand geraten und - abgesehen von Monstern und Mutationen - immer hübsch jugendfrei und keusch bleiben.

Daran kann offenbar auch der beste Drehbuch-Autor, in diesem Fall Steve "Wonder Boys" Kloves, nichts ändern. Seine Handschrift bleibt unbemerkt. Die einzige Chance, die Literaturverfilmern also im Normalfall bleibt, nämlich die perspektivische Neu-Ausrichtung der Vorlage zwecks Erschaffung eines eigenständigen Werkes, ist dem Filmemacher hier genommen, er darf nur abbilden und wird zum bloßen Erfüllungsgehilfen.

Regisseur Columbus (l.) mit Potter-Darsteller Radcliffe: Routinierter Hollywood-Handwerker
AP

Regisseur Columbus (l.) mit Potter-Darsteller Radcliffe: Routinierter Hollywood-Handwerker

Zugegeben, für diesen Job ist Chris "Kevin allein zu Haus" Columbus prädestiniert. Was auf sein Konto geht - also alles außer Story, Dramaturgie und Charakteren - bietet solides Hollywood-Handwerk, wie es klingt und kracht, rasselt und scheppert. Fliegende Fords, durchscheinende Geister namens "Moaning Myrtle", quäkende Alraunen, halsbrecherische Quidditch-Spiele und eindrucksvolle Monstren werden in eine - nun ja - zauberhafte Szenerie eingebettet, die wohlig an Disneys Glanzzeiten erinnert. Es ist fast, als höre man ständig irgendwo ein Lagerfeuer anheimelnd prasseln - es sei denn, Harry und Konsorten müssen gerade eine der zahlreichen Gefahren-Episoden meistern. Doch auch die spult Columbus nur routiniert und effektvoll hintereinander ab, ohne dass dabei Spannung aufkommen könnte. Man weiß ja, dass es gut ausgeht.

Auch den Darstellern ist kein Vorwurf zu machen. Die Jugendlichen Daniel Radcliffe (Potter), Emma Watson (Hermine Granger) und Rupert Grint (Ron Weasley) setzen die wenigen schauspielerischen Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen, durchaus gut ein (staunend aufgerissene Augen, schüchternes Lächeln), den Rest überspielt die vollzählig angetretene Garde britischer Thespians, allen voran Shakespeare-Experte Kenneth Branagh, der seinen aufschneiderischen Professor Gilderoy Lockhart mit Verve und angemessenem Überschwang gibt. Jason Isaacs spielt als fieser, blondmähniger Magier-Faschist Lucius Malfoy den bisherigen Schurken Professor Snape (Alan Rickman) an die Wand, während sich der inzwischen verstorbene Richard Harris (Professor Dumbledore) und die brillante Maggie Smith (Professor McGonagall) trefflich im Gutmenschentum suhlen - perfekt.

Kenneth Branagh (l.) als Gilderoy Lockhart: Angemessener Überschwang
WARNER BROS.

Kenneth Branagh (l.) als Gilderoy Lockhart: Angemessener Überschwang

Zu perfekt, denn zumindest dem erwachsenen Zuschauer bleibt nach dem Besuch in der "Kammer des Schreckens" nur ein müdes Schulterzucken übrig. Und die Frage, ob man die Kleinen nicht sogar unterfordert mit den holzschnittartigen, aus vielerlei Mythen und Märchen zusammengeborgten Geschichten, an deren Ende der verzagte, bescheidene, irgendwie aber auch smarte und draufgängerische, vor allem aber niedliche Harry immer Oberwasser behält. Mit der Realität hat das herzlich wenig zu tun, wie sicher auch viele der jugendlichen Potter-Fans bereits erfahren haben. Aber: So steht's geschrieben, so wird's verfilmt.

Dazu kommt, dass die Verfilmungen den Fans auch noch das letzte bisschen Phantasie rauben dürften, indem sie die Szenarien und ihre Figuren visuell manifestieren. Wie schrecklich, sich vorzustellen, dass Harry Potter nun im Geiste für immer die Züge des kindlichen Daniel Radcliffe besitzen wird, der zottige Hagrid auf ewig ein gutmütiger Robbie Coltrane bleibt, die Zauberschule Hogwarts ein funkelndes Disneyland mit leise rieselndem Schnee.

Doch Rowling und der vermarktende Entertainment-Multi Warner Bros. sind mächtige Gegner - zumindest für einen schwachen Regisseur. Im nächsten Jahr darf sich der Mexikaner Alfonso Cuarón ("Y tu mamá también") am dritten Teil der Reihe versuchen, immerhin ein Filmemacher, der sich bisher noch nicht von Hollywood glattpolieren ließ. Vielleicht wird's dann tatsächlich noch mal etwas düsterer und spannender im Harryland.

"Harry Potter und die Kammer des Schreckens" (Harry Potter and the Chamber of Secrets"). USA 2002. Regie: Chris Columbus. Buch: Steve Kloves, J.K. Rowling (Roman); Darsteller: Daniel Radcliffe, Emma Watson, Rupert Grint, Richard Harris, Alan Rickman, Maggie Smith, Robbie Coltrane, Jason Isaacs, Kenneth Branagh, John Cleese; Produktion: 1492 Pictures, Heyday Films, Warner Bros.; Verleih: Warner Bros.; Länge 161 Min.; Start: 14. November 2002



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