Zum Tode Harun Farockis Einzelkämpfer gegen die Macht der Bilder

Simulation und Wirklichkeit: Wie kein anderer beschäftigte sich Harun Farocki mit der Produktion von Bildern - und den politischen Strategien dahinter. Jetzt starb der große Dokumentarfilmer im Alter von 70 Jahren.

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"Eine Zigarette verbrennt mit 400 Grad Hitze, Napalm mit 3000 Grad." Der junge Mann spricht die Worte ganz unaufgeregt und drückt sich dann emotionslos eine Zigarette auf dem Arm aus. Seinen ersten großen dokumentarischen Furor erzeugte Harun Farocki 1968 mit seinem Film "Nicht löschbares Feuer", in dem er auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges mit sich selbst als eine Art Nachrichtensprecher des Grauens die Produktion von Napalm zum Thema machte.

Farockis kurzer, trockener, extrem effizienter Auftritt kann als Sinnbild dafür gelten, wie er über die Dauer von fast einem halben Jahrhundert zum wichtigsten deutschen Dokumentar- und Essayfilmer avancierte. Seine Arbeiten sind immer politisch, niemals pathetisch. Sie sind immer Analyse, niemals Agitprop.

Das ist nicht unerheblich, wenn man sich vergegenwärtigt, wann sein filmischer Werdegang den Anfang nahm. Harun Farocki, 1944 als Sohn eines indischen Arztes im sudetendeutschen Neutitschein (heute: Nový Ji¿ín, Tschechien) geboren, nach vielen Stationen schließlich Anfang der Sechzigerjahre in Berlin gelandet, gehörte ab 1966 zum ersten Jahrgang der Berliner Film- und Fernsehakademie.

Der Mensch als Pixel

Die jungen Wilden forderten den Aufruhr und träumten von einem neuen, radikal umgekrempelten Kino. Zu Farockis Kommilitonen gehörten das spätere RAF-Mitglied Holger Meins und der spätere Hollywood-Regisseur Wolfgang Petersen. Farocki, Meins, Petersen und 16 weitere Studenten wurden vorübergehend aus der Schule relegiert, weil sie gegen die Unterrichtsmethoden aufbegehrten. Der Einstieg in den Dokumentarbetrieb fiel Farocki trotz gefeierter erster Produktionen nicht leicht; seinen Lebensunterhalt verdiente er zwischenzeitlich mit Beiträgen für die "Sesamstraße" und als Redakteur des damals wichtigen Debattenorgans "Filmkritik". Die Bildanalyse und die Bildproduktion gingen bei ihm immer Hand in Hand.

Ab den späten Siebzigerjahren etablierte sich Farocki als eine der wichtigsten Stimmen im politischen Dokumentarfilm. Immer wieder beschäftigte er sich damit, wie die Produktion von Bildern unterschiedlichste Bereiche der Gesellschaft prägt - am spektakulärsten und unterhaltsamsten in "Ein Tag im Leben der Endverbraucher" 1993, in dem er aus 250 Werbespots den Tagesablauf eines Otto Normalverbrauchers montierte. Mit "Schöpfer der Einkaufswelten" zeichnete er zehn Jahre später nach, mit welch subtilen Strategien Planer in Kaufhäusern und Supermärkten Besucher zum Kaufen verleiten. Ein Film wie eine Gebrauchsanweisung für den Einzelhandelskapitalismus, in dem der Kunde zum elektronischen Zeichen gerinnt, das bis zur kleinsten Handbewegung beobachtet und gelenkt wird.

Der Mensch als Pixel: Schon früh beschäftigte sich Farocki - ein antikapitalistischer Einzelkämpfer gegen die Macht die Bilder und somit auch gegen diejenigen, die sie produzieren - mit den visuellen Komponenten des Digitalzeitalters. Wie wird elektronisch Leben (oder zumindest Bewegung) simuliert? Und wie wirken diese elektronischen Simulationen wiederum zurück auf das, was allgemein das wahre Leben genannt wird?

Immer wieder leuchtete Farocki die Planungsstellen der Gesellschaft aus, vor allem in den Bereichen Konsum und Krieg. Am bedeutendsten mit Blick auf den letztgenannten Themenkomplex ist sein Videoessay "Erkennen und Verfolgen" aus dem Jahr 2003, der die elektronische Bilderproduktion während unterschiedlicher Kriege der jüngeren Geschichte auseinandernimmt und die Mechanisierung der Kampfhandlung durch die fortschreitende Technisierung beschreibt. Ein Werk, das jeder sehen sollte, der in der aktuellen Diskussion über die Bewaffnung von Drohnen mitreden will. Denn was passiert eigentlich, wenn die Pixel, die einen Menschen repräsentieren, nur noch reines Ziel sind?

Simulation und Wirklichkeit: So unbarmherzig genau Farocki in seinen Dokumentationen den immer tieferen Graben zwischen diesen beiden Ebenen zeigte, so feinfühlig versuchte er sie in seinen fiktionalen Arbeiten zu versöhnen. Seit 1998 arbeitete er als dramaturgischer Berater und Co-Autor für Christian Petzold, den einflussreichsten deutschen Autorenfilmer der Gegenwart. In dem RAF-Drama "Die innere Sicherheit" (2001) erzählen Petzold und Farocki von Ex-Terroristen, die wie Geister durch das ihnen fremde Westdeutschland irren; auf einmal erwachen die Phantome der Steckbriefe zu Leben. In "Gespenster" (2005) wiederum geht es um junge Frauen, die ausgerechnet in der Kunstwelt um den Postdamer Platz, diesem kalten Schaufenster der Berliner Republik, nach ihrer Identität suchen.

Und im September läuft schließlich "Phoenix" an, der diese Woche der Presse vorgestellt wurde und in dem eine Jüdin aus dem KZ ins zerstörte Berlin der Jahres 1945 heimkehrt, ein Melodram über die Illusion einer Stunde null - und über die Simulation von Neuanfang und Demokratie. Vielleicht der schönste, auf jeden Fall der brutalste Film von Petzold und Farocki. Zeigt er doch den düsteren Schatten aus den Gründertagen, der bis heute auf der BRD liegt.

Nun ist "Phoenix" Farockis Vermächtnis geworden. Am Donnerstag ist der Filmemacher, dieser große unruhige Geist und große ruhige Bildsezierer, im Alter von 70 Jahren gestorben.



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