"Haus Bellomont": Triumph für Anderson

Von Daniel Haas

Regisseur Terence Davies hat Edith Whartons Gesellschaftsroman "Das Haus der Freude" verfilmt und präsentiert mit nüchtern-virtuoser Präzision ein Frauenschicksal zur Zeit der Jahrhundertwende.

Filmszene aus "Haus Bellomont" mit Gillian Anderson und Eric Stoltz
DPA

Filmszene aus "Haus Bellomont" mit Gillian Anderson und Eric Stoltz

"Das Herz der Weisen ist im Klagehause und das Herz der Narren im Hause der Freuden", heißt es in der Bibel, und es ist ein Zeichen bitterer Ironie, dass Edith Wharton den Spruch zum titelgebenden Motto ihres Romans "Das Haus der Freude" erklärte. 1905 erschien die tragische Geschichte vom Untergang der so närrischen wie lebensweisen Lily Bart, jener Tochter aus bestem New Yorker Hause, die bis heute zu den großen Heroinen der amerikanischen Literatur gehört.

Wharton stammte wie ihre Heldin selbst aus altem Ostküsten-Adel. Regisseur Terence Davies verarbeitete dagegen in seinen bisherigen Filmen vor allem seine Kindheit im Liverpooler Arbeitermilieu. Der "Culture Clash" hat der Umsetzung des Stoffes für die Leinwand gut getan: "Haus Bellomont" ist die vielleicht gelungenste Literaturverfilmung der letzten Jahre und zweifellos ein Triumph für Schauspielerin Gillian Anderson ("Akte X").

Anderson spielt Lily Bart, die Protagonistin dieses Gesellschaftsdramas im New York der Jahrhundertwende - Lily, die Lilie, ein symbolischer Name also, der einen wesentlichen Zug der Figur bezeichnet: das Vegetative, Florale ist ihre Domäne, das Dekorative ihre Bestimmung. Als Blüte der patrizischen Hautevolee wird Lily herangezüchtet, um reich zu heiraten und mit ihrer Schönheit den Reichtum eines Mannes zu schmücken. Als Martin Scorsese 1993 mit "Zeit der Unschuld" ebenfalls einen New-York-Roman von Wharton verfilmte, ertranken seine Figuren in blumigen Dekors, in der Opulenz jener Kulissen, hinter denen sich die Lebenslügen einer untergehenden Klasse verschanzten.

Für die "Akte X" erhielt Anderson den Emmy als beste weibliche Hauptdarstellerin
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Für die "Akte X" erhielt Anderson den Emmy als beste weibliche Hauptdarstellerin

Davies Film dagegen ist betont schlicht und karg: "Haus Bellomont" hat die bedrückende Intimität eines Kammerspiels, in dem sich Ausstattung und Kamera respektvoll zurückhalten, um das Dilemma, das die Heldin zerstört, mit fast dokumentarischer Schärfe zu bebildern. Lily Bart, eitel und vergnügungssüchtig, ganz Kind ihres Milieus, kann sich im entscheidenden Moment nicht entscheiden, welchen der zahlreichen reichen Verehrer sie heiraten soll. Sie macht Schulden, gerät in eine Intrige ihrer einflussreichen Freunde und nimmt sich schließlich verarmt das Leben.

Der Konflikt dabei ist tragisch: Obwohl sie das Dubiose des Wertsystems ihrer Klasse erkennt, kann sie mit deren Traditionen nicht brechen. Ihr Scharf- und Eigensinn, mit dem sie den Konventionen eines maroden Systems begegnet, bewahrt sie nicht davor, an dessen Moralkodex zu zerbrechen.

Haus Bellomont ("The House of Mirth"). Großbritannien 2000. Regie: Terence Davies. Darsteller: Gillian Anderson, Dan Aykroyd, Eric Stoltz, Laura Linney, Anthony LaPaglia, Eleanor Bron. 140 Minuten; Verleih: Kinowelt.

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