Heimatdrama "Haus ohne Dach" Kein bisschen Frieden

Erst verfilmte sie die Protokolle des NSU-Prozesses, nun mit "Haus ohne Dach" eine sehr persönliche Familiengeschichte mitten in Kurdistan: Die Deutsch-Kurdin Soleen Yusef ist eine der interessantesten Nachwuchsregisseurinnen.

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Blut soll angeblich dicker sein als Wasser. Davon halten die Geschwister Jan (Sasun Sayan), Alan (Murat Seven) und Liya (Mina Sadic), die als Kinder gemeinsam mit ihrer Mutter aus einem Dorf in Kurdistan nach Deutschland kamen, allerdings wenig: Sie haben sich im Laufe der Jahre, in denen das Regime Saddam Husseins in der ehemaligen Heimat fiel, voneinander entfremdet.

Liya singt in den Bars von Berlin so verloren wie egozentriert von ihren Gefühlen, Alan macht die Nacht zum Tag und kümmert sich nicht um seine Zukunft. Zurück in den kurdischen Teil Iraks wollen die beiden auch nach dem Sturz des Diktators, den sie gemeinsam mit der Mutter fassungslos vor dem Fernseher erleben, auf gar keinen Fall. Nur der traditionsbewusste Jan sieht seine Zukunft mit Frau und Familie im kurdischen Heimatort.

Als die Mutter Gule (Wedad Sabri) plötzlich stirbt und den Kindern den Auftrag hinterlässt, ihren Leichnam neben dem des Vaters im kurdischen Heimatdorf zu bestatten, nimmt die Geschichte Fahrt in Richtung typisches Wurzelsuche-Genre auf: Verlorene Figuren müssen sich aufgrund einer Familienangehörigkeit mit ihren Ursprüngen auseinandersetzen. Und doch geht Yusef glücklicherweise einen ganz anderen und weniger ausgetretenen Weg.

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"Haus ohne Dach": Roadtrip mitten ins Kriegsgebiet

"Ich wollte keine Klischeebilder", sagt die 30-jährige, in Kurdistan geborene und in Deutschland ausgebildete Soleen Yusef, im Interview bei der Berlin-Premiere. Sie schrieb und inszenierte "Haus ohne Dach" als Abschlussfilm ihrer Studiums an der Ludwigsburger Filmakademie. 2016 erhielt sie dafür bereits den prestige- und geldreichen First-Step-Award als besten Langspiel-Abschluss des Jahres.

Der Film ist aber nicht ihre erste, aufsehenerregende Arbeit: Noch auf der Filmschule hat sie zwei auf Mitschriften des "SZ-Magazins" basierende, formal ungewöhnlich stilisierte Dokumentarfilme über den NSU Prozess gemacht, mit einem kleinen Team und einem starken Willen zur Sachlichkeit.

Sehen Sie hier Soleen Yusefs Film "Der NSU-Prozess. Das Protokoll des ersten Jahres"

Bei "Haus ohne Dach" hat sie das Team ebenfalls klein gehalten - auch, weil sie während der Dreharbeiten fast zwischen die Fronten geriet: In der Gegend um Dohuk, wo der Film spielt und Yusefs Familie noch immer lebt, kam es zu Aufständen, an denen der IS beteiligt war.

"Eine Kultur, die keinen Frieden hat"

Die enorm schwierigen Produktionsbedingungen sind "Haus ohne Dach" nicht anzumerken. Und obwohl der Krieg für den Hintergrund der Geschichte eine wichtige Rolle spielt, erzählt sie weder direkt von Krieg noch von Religion, die mit dem darin innewohnenden Konfliktpotential sonst schnell mit irakischen Filmen assoziiert wird: "Religion ist politisch ein Thema, aber in meinen meinem Film geht es um einen Großfamilienkonflikt, um Aufarbeitung, um Meinung, und um Verrat", sagt Yusef. "Ich wollte eine Kultur erzählen, die keinen Frieden hat. Alle sind immer ein bisschen unter Strom und rasten schnell aus. Aufarbeitung findet überhaupt nicht statt. Seit Jahrzehnten leben Familien in generationsübergreifenden Kriegen. Und das macht viel mit Menschen, keiner ist ausgeglichen".

Ihre Figuren sind dennoch nicht nur kriegstraumatisierte und zerstrittene Verwandte mit Migrationshintergrund, die begreifen müssen, dass das, woher sie kommen, sie auch zu einem erheblichen Teil ausmacht. Yusef beschreibt in ihren Protagonisten drei unterschiedliche Dramen, die unterschiedliche Lösungen verlangen: Jan, der Älteste, der immer Verantwortung übernehmen will, muss lernen, anderen zu vertrauen. Alan dagegen muss die bis dato ausgelebte Verantwortungslosigkeit und Ignoranz gegenüber dem Konzept der Familie aufgeben. Und Liya, die vor allem über die Sehnsucht in ihrer Musik kommuniziert, muss das Verhältnis zu ihren Brüdern reflektieren.

Soleen Yusef bei der First-Steps-Award-Verleihung 2016
DPA

Soleen Yusef bei der First-Steps-Award-Verleihung 2016

Alle drei werden auf ihrer Reise mit Sarg, die sie durch die Weiten Kurdistans fast bis zu von IS-Truppen bedrohten Gegenden führt, eine Menge über ihr Volk lernen - und das in Szenen, die Yusef unauffällig und vorsichtig inszeniert, ohne ein großes Heimatfass aufzumachen, ohne die "gutherzigen Dörfler" zu sehr zu feiern, allzu stark auf das Provinzklischee zu setzen. "Man sollte eine ganze Region kennenlernen: Kurdistan. Der Ort Kurdistan sollte irgendwann zu einem Charakter im Film werden", sagt Yusef.

Dabei machen Yusefs authentische Figuren den Charme des Films aus: Die ruppigen Tankstellenjungs mit dem großherzigen Vater, der die Geschwister selbstlos bewirtet und zum Übernachten auf seiner Steinveranda unter den Sternen einlädt; der auf den ersten Blick regimetreue, dann aber doch höchst sensible Polizist; der weise Schäfer; der aufdringliche, aber gutherzige Taxifahrer - ohne zu sehr in Stereotype zu fallen, zeichnet Yusef mit genauem Blick und knappen Dialogen ein glaubhaftes Bild der Situationen.

Mafiosi, Fußballer, Geschwister

Gegen die privaten Dämonen, die Jan und Alan umtreiben, gerät Liyas künstlerischer Konflikt zwar eher mager, so wie die ganze Schwesternfigur gegenüber den stark aufspielenden Brüdern etwas zu flach gerät - aber so ist es vielleicht auch im richtigen Leben: Die am wenigsten Verzweifelten wirken zuweilen am wenigsten echt.

Das Geheimnis um ihren Vater, das Yusefs Drehbuch schon früh enthüllt, ist allerdings nicht wirklich nötig für den Drive, den das nah und emotional gedrehte und ebenso gespielte Roadmovie entwickelt: Wenn es aufgelöst wird, hat man sich schon längst auf die Missionen der drei Protagonisten eingelassen und braucht es kaum noch.


"Haus ohne Dach"
Deutschland, Irak, Katar 2016
Drehbuch & Regie: Soleen Yusef
Darsteller: Mina Sadic, Sasun Sayan, Murat Seven, Wedad Sabri, Zirek
Produktion: Mitos Film, Essence Film
Verleih: Missingfilms
Länge: 117 Minuten
Start: 31. August 2017


Dass die politische Ebene des Films dabei von Anfang an erlebbar wird, ohne in reine Verzweiflung über die Verhältnisse abzurutschen, macht den Film zusätzlich zu dem Portrait eines ganzen Volks, das unter schwierigen Bedingungen - Krieg, Diktator, Terror, Kampf um Unabhängigkeit - existieren muss. Für Yusef, die ihr Leben lang regelmäßig die Familie in Kurdistan besuchte, ist die Story sehr persönlich: "Der Film ist ein Patchwork aus Geschichten um mich herum, die mich, meine Brüder, meine Mutter beschäftigen", erklärt sie.

Auch in ihrem nächsten Projekt geht es um die Frage, was Heimat und was Fremde bedeutet: Sie adaptiert gerade den Bestseller-Roman "Ohrfeige" von Abbas Khider für das Kino. Eine Folge "Soko Leipzig" hat sie ebenfalls gemacht, "ansonsten scheibe ich meine eigenen Geschichten, die in Submilieus spielen; Mafiosi, Fußballer, Geschwister, Sinti und Roma-Familien - Hauptsache interessante Figuren und Themen!", sagt Yusef.

Wie für ein Roadmovie typisch hat sich in "Haus ohne Dach" zum Schluss für alle drei Protagonisten etwas verändert - ein Happy End im klassischen Sinn ist es dennoch nicht. So wenig, wie es bislang eines für Kurdistan gibt.

Filmtrailer ansehen: "Haus ohne Dach"

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