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"Wie der Wind sich hebt": Die Katastrophe wird kommen

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Ausgerechnet mit seinem letzten Film hat der japanische Anime-Meister Hayao Miyazaki politische Debatten ausgelöst: Der Held von "Wie der Wind sich hebt" ist der Erfinder des berüchtigten Flugzeugs, mit dem die Japaner im Zweiten Weltkrieg triumphierten.

Es wirkt wie ein unschuldiger Kindheitstraum, den der kleine Jiro Horikoshi träumt: Er will Flugzeuge bauen. Anime-Legende Hayao Miyazaki zeichnet ihm dazu ein nostalgisches, heiles Japan der Zwanzigerjahre, mit Monet-Landschaften, in denen freundliche Bauern ihre Arbeit verrichten. Das Motiv vom Fliegen greift Miyazaki in spektakulären Schwenks über die friedlichen Wiesen und Blumenmeere auf.

Doch diesem Frieden droht Unheil, das zeigt schon das titelgebende Zitat aus einem Gedicht von Paul Valéry: "Wie der Wind sich hebt, wir müssen versuchen, zu leben". Immer wieder tauchen Stürme als Unglücksboten auf, vor allem in den Träumen des jungen Horikoshi. Seine dunklen Vorahnungen werden sich bewahrheiten. Als Erwachsener wird Horikoshi das berüchtigte japanische Kampfflugzeug Model Zero entwickeln, das Japans Schlagkraft im Zweiten Weltkrieg dramatisch erhöhte und so die in den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki endende Spirale der Gewalt mitbeschleunigte.

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"Wie der Wind sich hebt": Eine Legende verabschiedet sich
Es ist ein weiterer Beweis für das gestiegene Selbstbewusstsein des Animationsfilms, wenn sich Miyazaki in seinem Alterswerk an ein großes politisches Thema heranwagt. Als Schöpfer von Klassikern wie "Chihiros Reise ins Zauberland" oder "Prinzessin Mononoke" hat er maßgeblich dazu beigetragen, das Genre aus seinem Nischendasein im Westen zu führen und mit seiner Version des magischen Realismus Generationen von Animations- und Illustrationskünstlern weltweit zu prägen.

Kritik aus allen politischen Lagern

Mit "Wie der Wind sich hebt" bricht der sanfte Meister Miyazaki in gewisser Weise erneut mit den Erwartungen an ihn, denn der Film ist beim besten Willen kein klassischer Antikriegsfilm. Dafür ist Horikoshi in seiner Heimat ein einfach zu umstrittener Held. Entsprechend machte der Film in Japan dank Kritik aus allen politischen Lagern Schlagzeilen. Linke Kreise warfen Miyazaki Verherrlichung eines Kriegshelden vor. Konservative rieben sich wiederum an dem Film, weil sich Miyazaki gleichzeitig in einem Artikel gegen die von der konservativen Partei vorgeschlagenen Verfassungsänderungen aussprach, mit denen der Ausbau des japanischen Militärs vorangetrieben werden sollte.

Die Rezeption des Filmes ist ein weiteres Indiz dafür, wie schwierig in Japan nach wie vor der Umgang mit der eigenen Kriegsgeschichte ist, gefangen zwischen den unaussprechlichen Dramen von Nagasaki und Hiroshima und der Kollaboration mit den Nazis, die Horikoshi im Film bei einer Reise ins Vorkriegs-Deutschland als holzschnittartige Karikaturen im kopfsteingepflasterten Dessau begegnen.

In "Wie der Wind sich hebt" geht es vornehmlich um die Frage, wieviel Mitschuld die Wissenschaft trägt, wenn sie zu militärischen Zwecken missbraucht wird, und damit indirekt auch darum, wie erheblich der Anteil Japans an der größten Katastrophe seiner Geschichte ist. Immer wieder arbeitet Miyazaki dabei mit beeindruckenden Allegorien auf die dräuende Katastrophe. Im imposant inszenierten Erdbeben von Kanto im Jahr 1923 lernt der Jungingenieur nicht nur seine große Liebe Naoko kennen, die Bilder rufen gezielt Assoziationen mit Hiroshima hervor. In den dunklen Alptraumsequenzen ahnt Horikoshi die Ausmaße der Kriegszerstörung vor, Nazigeschwader zerstören die friedliche japanische Idylle seiner Traumwelten, es hagelt Bomben aus heraufziehenden Stürmen.

Die Traumszenen sind natürlich nicht verbürgt, sie sind Interpretation Miyazakis, und in ihnen trägt er seine Zweifel an den Ausflüchten einer ahnungslosen friedlichen Forschung vorsichtig, aber dennoch klar vernehmbar vor. Eine Verklärung der japanischen Kriegsgeschichte kann man ihm deshalb beim besten Willen nicht vorwerfen.

Nicht zuletzt spiegelt sich Horikoshis Hadern mit den Folgen seiner Erfindung auch im Privaten wider. Seine Liebe zu Naoko steht unter keinem guten Stern, die Besessenheit für die Forschung treibt den Ingenieur immer weiter weg von seiner kranken Frau. Am Ende bleibt ihm nur die einsame Flucht in seinen Traum vom Fliegen. Diese Analogie mag ein wenig plump wirken, ist aber die logische Konsequenz der Erzählweise einer persönlichen Lebensgeschichte mit welthistorischen Ausmaßen.

"Wie der Wind sich hebt" soll sein letzter Film sein, so hat es Miyazaki 2013 auf den Filmfestspielen von Venedig angekündigt. Dass er sich mit einem imposanten, melancholischen Kunstwerk mit politischem Anspruch verabschiedet, unterstreicht einmal mehr, was für eine Leitfigur Miyazaki für den Animationsfilm ist - und es auch lange nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn bleiben wird.

Wie der Wind sich hebt

JPN 2013

Originaltitel: Kaze tachinu

Buch und Regie: Hayao Miyazaki

Produktion: Studio Ghibli, Buena Vista Home Entertainment, NTV et al.

Verleih: Universum

Länge: 126 Minuten

FSK: freigegeben ab 6 Jahren

Start: 17. Juli 2014

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insgesamt 40 Beiträge
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1. Nazigeschwader?
suppenkoch 16.07.2014
Der Absatz "In den dunklen Alptraumsequenzen ahnt Horikoshi die Ausmaße der Kriegszerstörung vor, Nazigeschwader zerstören die friedliche japanische Idylle seiner Traumwelten, es hagelt Bomben aus heraufziehenden Stürmen. " verwundert mich doch ein wenig. Man könnte das so interpretieren, als wäre Deutschland für die Missetaten Japans verantwortlich. Wieder ein Beispiel für die Unfähigkeit Japans, sich mit den Gräueltaten seiner Geschichte auseinanderzusetzen und Verantwortung zu übernehmen? Oder ist das anders gemeint? Bitte um Aufklärung, da ich den Film noch nicht gesehen habe. Übrigens: Japan begann bereits Ende des 19. Jahrhunderts mit Kriegen und kriegerischen Handlungen gegen seine Nachbarn. Das fing also nicht erst während des 2. Weltkrieg an.
2.
falster 16.07.2014
"... das Japans Schlagkraft im Zweiten Weltkriegdramatisch erhöhte und so die in den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki endende Spirale der Gewalt mitbeschleunigte." Die Auslöschung zweier Städte innerhalb von Sekunden waren die grössten Terrorakte der Geschichte und wurden von der USA verübt. Kein Wunder, dass so ein verknoteter und verwurbelter Satz notwendig ist, um diese zwei Verbrechen dem Model Zero in die Schuhe zu schieben.
3. Auch wenn das Kaiserreich
dwarsdriewer 16.07.2014
im militärischen Sinn mindestens eben so hart vorgegangen ist, wie das deutsche, hat es keinen Holocaust im eigentlichen Sinne begangen. Sicher, es gab auch in den eroberten und besetzten Gebieten Greultaten gegen die Zivilbevölkerung, auch zigtausendfach, dennoch nicht so perfide, wie durch die Wehrmacht und SS. Mit ein Grund, weshalb auch der allein verantwortliche Tenno weiterhin an der Macht bleiben durfte, wenn auch eingeschränkt. So gehen die Japaner auch völlig anders mit ihrer Vergangenheit um. Wo Traditionelles direkt neben der Moderne existiert, ist auch Platz für die große Verdrängung, weil es nur wenige gibt, die ständig mit dem Finger auf sie zeigen. Gut zu wissen, das es daher Menschen gibt, die auf typisch japanische Weise den Finger auf alte Wunden legen und die Verantwortung hinterfragen. Ich werde mir den Film ansehen.
4.
Greed 16.07.2014
Zitat von suppenkochDer Absatz "In den dunklen Alptraumsequenzen ahnt Horikoshi die Ausmaße der Kriegszerstörung vor, Nazigeschwader zerstören die friedliche japanische Idylle seiner Traumwelten, es hagelt Bomben aus heraufziehenden Stürmen. " verwundert mich doch ein wenig. Man könnte das so interpretieren, als wäre Deutschland für die Missetaten Japans verantwortlich. Wieder ein Beispiel für die Unfähigkeit Japans, sich mit den Gräueltaten seiner Geschichte auseinanderzusetzen und Verantwortung zu übernehmen? Oder ist das anders gemeint? Bitte um Aufklärung, da ich den Film noch nicht gesehen habe. Übrigens: Japan begann bereits Ende des 19. Jahrhunderts mit Kriegen und kriegerischen Handlungen gegen seine Nachbarn. Das fing also nicht erst während des 2. Weltkrieg an.
Es ist zwar schon etwas her das ich den Film (OmU, aber die deutsche Version wird ebenfalls im Kino geschaut) gesehen habe, aber das es "Nazibomber" waren, daran kann ich mich nun nicht erinnern. Auf mich wirkten sie eher wie komplett generische Flugzeuge und man sieht Bilder brennender Städte. Also wird hier keine Mitschuld gesucht, sondern nur aufgezeigt wohin die Erfindungen in der Waffentechnik führen können. Nazis kommen zwar vor, schließlich wird im Film auch ein Trip nach Deutschland unternommen um sich die Technologie der Junkers Flugzeugwerke anzuschauen, sie spielen aber ansonsten keine Rolle mehr. Den Film kann ich nur empfehlen, auch wenn es nicht wirklich ein "typischer" Ghibli Film ist.
5.
alexander10 16.07.2014
Zitat: "Als Erwachsener wird Horikoshi ... und so die in den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki endende Spirale der Gewalt mitbeschleunigte." Der Spiegel war einmal eine selbständig denkende Zeitung mit einem kritischen Blick auf die amerikanische Kultur. Den größten Massenmord der Geschichte, der durch Flugzeuge auf Zivilisten durchgeführt wurde, so darzustellen, dass mit keinem Wort die amerikanische Urheberschaft hervorgeht, das ist schon eine traurige Leistung.
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