Filmessay "Heart of a Dog" Das etwas andere Tier-Video

Ein Film-Experiment, das auf wundersame Weise gelingt: Die Performance-Künstlerin Laurie Anderson knüpft in ihrem Film "Heart of a Dog" Erinnerungen, Träume und Beobachtungen zu Amerika nach 9/11 an den Tod ihres geliebten Hundes.

Von Kirsten Rießelmann


Erst stirbt der Hund, dann die Mutter, dann der Mann. Laurie Anderson hat von 2011 bis 2013 eine Menge Verluste verkraften müssen. Sie wurde harsch mit den großen Fragen des Lebens konfrontiert: Was soll der Tod? Wozu die Liebe? Wohin geht die Reise, die sich Leben nennt?

Mit standesgemäßer Konsequenz ist die 68-jährige Musikerin und Performance-Künstlerin, die seit über vier Jahrzehnten aus dem New Yorker Subkulturmilieu nicht wegzudenken ist, mit diesen Fragen nicht in die Eremitage, sondern hinter die Kamera gegangen - und hat einen Film gedreht, der es in sich hat. Einen Film, der wie das Tagebuch einer beherzt angegangenen Trauerarbeit wirkt. Und der ein Bilder-, Erinnerungs- und Reflexionsfeuerwerk abfackelt, das das extrem Persönliche zu einem allgemeingültigen Ratgeber zu Fragen der letzten Dinge zu machen versucht. Der Versuch glückt.

"Heart of a Dog" ist ein filmischer Essay geworden, der bildästhetisch im Experimentellen und inhaltlich im tibetanischen Buddhismus, bei Wittgenstein und Kierkegaard zuhause ist. In loser, assoziativer Folge gibt es Anekdoten über Lolabelle, den geliebten Hund, und sein Sterben zu sehen. An den Hund dockt Anderson auch weitere Geschichten und Überlegungen an: Erinnerungen an prägende Kindheitserlebnisse und den Tod der Mutter, Träume, Beobachtungen zu Amerika nach 9/11.

Dass diese Gemengelage nicht allzu abgedreht oder verkünstelt daherkommt, sondern tatsächlich zugänglich ist, liegt an zwei Dingen: der Art, wie Anderson aus dem Off erzählt, mit dieser Märchentantenstimme, die so schlicht wie schlau klingt und so gemächlich artikuliert, dass sie einem quasi die ausgestreckte Hand hinhält. Und natürlich an Andersons Entscheidung, ihren prominenten Mann Lou Reed (außer in zwei Bildern, einer Widmung und einem Song) nicht auftreten zu lassen, sondern das große Existenzielle über Lolabelle abzuhandeln.

Fotostrecke

6  Bilder
"Heart of a Dog": Im Limbo mit Lolabelle
Denn wer lässt sich nicht abholen, wenn es um einen kleinen, niedlichen Terrier geht, der auf einer Wanderung fast zur Beute von Falken wird, der im Alter erblindet und trotzdem noch Malen und Klavierspielen lernt? Die Aussicht auf mehr von diesem Tier lässt wohl niemanden vor animierten Sequenzen, bearbeitetem und zerschnittenem Material, nachgestellten und verfremdeten Szenen, ständigen Kamerafahrten durch winterliche Wälder, Bilder von Überwachungskameras sowie einmontierten Fotos und Texttafeln zurückschrecken.

Laurie Anderson hat in ihrem Leben erst einen Langfilm gemacht - "Home of the Brave", ein Mitschnitt eines ihrer Konzerte, 1985 in New York. Vielmehr hat die bekennende Bewohnerin des New Yorker West Village mit Multimedia-Installationen, wegweisenden soundkünstlerischen Erfindungen wie der "Tape Bow Violin", kritisch-performativen Kommentaren zur politischen Kultur der USA und letztlich auch ihrer Ehe mit Rock'n'Roll-Ikone Lou Reed (The Velvet Underground, "Walk On The Wild Side", "Perfect Day" etc.) von sich reden gemacht. Die wohl berühmteste Performancekünstlerin der Welt hat sich in ihrer Arbeit selbst immer wieder als Anthropologin und Geschichtenerzählerin beschrieben. "Heart of a Dog" wurde vom Filmbetrieb mit offenen Armen aufgenommen: Er lief im vergangenen Jahr beim Filmfestival in Venedig im Wettbewerb und hat im Anschluss eine ansehnliche Festival-Tournee absolviert. Jetzt kommt er auch in Deutschland ins Kino.

Geschichten aus dem Trauma- und Erkenntnisfundus

Im Zentrum des Films steht eine gut zehnminütige phantasmatische Bebilderung der "Bardo"-Tage von Lolabelle: Laut tibetischem Buddhismus befindet sich jeder Verstorbene nach dem Tod für 49 Tage im "Bardo", einem Zwischenreich, in dem sich Erinnerungen mit der energetischen Vorbereitung auf die nächste Seinsform mischen. Anderson malt sich den "Bardo" ihres verstorbenen Hundes aus, indem sie ihre formalen Mittel nochmal um ein paar Grad weiter Richtung Experiment dreht: Sie arbeitet mit gezeichnetem, stark bearbeitetem, zerkratztem Material, mit der Schichtung von Bildebenen, rückwärts laufenden Sequenzen, visuellen und akustischen Echos, Schleifen und Wiederholungen.

Da liegt altes 8-Millimeter-Material aus dem Familienarchiv hinter einer Glasscheibe, über die Regentropfen rinnen, da wird die goldene Oberfläche eines Goya-Gemäldes zur Folie, auf der Erinnerungsbilder erscheinen und wieder verblassen. "Hab keine Angst", insinuiert ihre Stimme aus dem Off. Der Philosoph und Kinotheoretiker Gilles Deleuze hätte vor allem in dieser Sequenz ein herausragendes Beispiel seines "Kristallbilds" erkannt, das sich gleichzeitig gen Vergangenheit und Zukunft öffnet und dem Medium Film ein Maximum an Möglichkeitsraum abringt.

Trotzdem lässt man sich im Anschluss an diesen Hundetrip auch gerne wieder auf deepe Geschichten aus dem Trauma- und Erkenntnisfundus Laurie Anderson ein: Mutterliebe, schwere Unfälle, der Sinn und Zweck des Sterbens. Man floatet mit Andersons Stimme auf einem beruhigenden Soundteppich aus Synthies und Streichern und findet es gut, wie die Bilder alles Gesagte brav illustrieren und trotzdem einem eigenständigen ästhetischen Anspruch gerecht werden. Das Ergebnis sind atmosphärisch sehr dichte 70 Minuten, die trotzdem leichtgängig, man möchte fast sagen: kurzweilig wirken.

Es gibt auch Dinge, die nicht ganz aufgehen, die nur angespielt und dann nicht wieder aufgenommen werden. Aber: Irgendwann in ihrem filmischen Kabinettstückchen lehrt uns Anderson analog zu Kierkegaard, dass eine stimmige Narration immer nur durch Ausblenden und Weglassen des Komplexen und Schmerzhaften möglich ist. Und versucht dann, genau diese Regel zu umgehen - mit Neugierde, Poesie und Mut zur Unstimmigkeit. Sie gibt weiter, was sie begriffen und erkannt hat. Und macht aus einem komplexen Kino-Experiment ganz praktische Lebenshilfe.

Im Video: Der Trailer zu "Heart of a Dog"

"Heart of a Dog"

USA, Frankreich 2015

Drehbuch und Regie: Laurie Anderson

Darsteller: Jason Berg, Bob Currie, Dustin Guy Defa, Willy Friedman, Magaret Hafitz

Verleih: Arsenal Filmverleih

Länge: 75 Minuten

FSK: keine Angabe

Start: 24. März 2016

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.