Neonazi-Groteske "Heil" Deutschland, braungebrannt

Gibt es denn kein Entrinnen vor alten und neuen Nazis? In seiner Kinosatire "Heil" entwirft Dietrich Brüggemann ein Deutschland, das zwischen Geschichtsfixiertheit und politischer Korrektheit in Dauerstarre verfallen ist.

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Ein Genuss, diese erste Einstellung: Kurz über der Kamera setzt ein Neonazi seine Sprühdose an. So doof, wie er guckt, und so oft, wie er innehält, ist klar, dass ihm die korrekte Wiedergabe seines Hass-Slogans schwer fällt. Im Hintergrund sieht man derweil eine Frau einen Imbisswagen aufsperren, während ganz in der Ferne eine Rentnerin heranschiebt. Als die Frau vom Imbisswagen das Graffito erkennt, protestiert sie, doch der Neonazi jagt sie mit Hilfe seines Hundes vom Gelände. Prompt kommt ein Polizist vorgefahren und untersucht den verlassenen Imbisswagen.

Derweil greift sich ein TV-Journalist, der die Szene gefilmt hat, die fallengelassene Sprühdose und ergänzt den Slogan, um sodann wieder das Nazi-Motiv zu filmen und dazu mahnend aus dem Off zu sagen, wie schlimm die Zustände in Ostdeutschland doch seien. Der Neonazi, der eben noch auf Menschenjagd war, kehrt zurück, sieht den Journalisten filmen und greift ihn an. Der Polizist rennt zu Hilfe, ein Schuss löst sich, die Meute stiebt auseinander, und übrig bleibt der Rentner, der sich mittlerweile in den Bildvordergrund geschoben hat.

So ausgeruht und genial komponiert geht es in den restlichen hundert Minuten von "Heil", Dietrich Brüggemanns fünftem Spielfilm, nicht mehr zu. Doch der in der ersten Szene formulierte Anspruch bleibt auch in der Folge unbedingt bestehen: Ein Panorama deutscher Befindlichkeit soll "Heil" zeichnen - wiewohl ein satirisch grandios überzeichnetes.

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Neonazi-Satire "Heil": Panorama mit Glatzen
Als Rahmenhandlung dient Brüggemann, der diesmal allein und nicht mit seiner Schwester Anna das Drehbuch verfasst hat, ein Übergriff auf den afrodeutschen Autor Sebastian Klein (Jerry Hoffmann). Der Sozialwissenschaftler ist in die ostdeutsche Provinz gereist, um sein neues Buch "Das braungebrannte Land" vorzustellen. Doch in einer Unterführung ziehen ihm Neonazis eins über den Schädel, und statt für Integration zu plädieren, plappert Sebastian von nun an die Hetz-Parolen der Neonazis nach. Der Ortsvorsitzende der Deutschen National-Partei (DNP), Sven (Benno Fürmann), ahnt, welches Kapital Sebastian in der Mediendemokratie darstellt, und zerrt ihn fortan von Talkshow zu Podiumsdiskussion.

Kurz vor der Weltpremiere von "Heil" auf dem Münchner Filmfest hatte eine kleine Leipziger Produktionsfirma angeprangert, Brüggemann habe den Plot bei ihrem gerade entstehenden Film "Der schwarze Nazi" geklaut - bei dem würde nämlich ebenfalls ein Afrodeutscher nach einem Schlag auf den Kopf zum Rechtsradikalen. Auf seinem Blog wies Brüggemann sogleich den Vorwurf in seiner unnachahmlichen Mischung aus überengagiert und extrem gelangweilt zurück.

Irgendwie libidinös verstrickt

Ohne den Plagiatstreit entscheiden zu wollen: In "Heil" sind die Verwicklungen um den Amnesie-benebelten Sebastian bestenfalls zweitrangig. Brüggemann nimmt sie nurmehr zum Anlass, um in furiosem Tempo reihum auszuteilen: gegen stumpfe Neonazis, natürlich. Aber auch gegen den Verfassungsschutz, der für seine V-Männer in der rechten Szene tief in die Tasche greift. Gegen die Justiz, die nirgendwo rassistische Übergriffe zu erkennen vermag. Gegen die Antifa, die sich in Grabenkämpfen lieber selbst zerfleischt, als geschlossen gegen Nazis aufzutreten. Gegen Integrationstheoretiker, die es als ihre vornehmlichste Aufgabe erachten, anderen den Begriff "people of colour" einzubimsen, und nicht zuletzt gegen die sensationsgeilen Medien, die gesellschaftliche Konflikte lieber befeuern als beruhigen.

Gut kommt dabei niemand weg, selbst der beherzte Dorfpolizist Sascha (Oliver Bröcker), der sich gemeinsam mit Sebastians Freundin (Liv Lisa Fries) auf die Suche nach dem Fehlgeleiteten macht, lässt alle guten Vorsätze für eine Affäre mit der heißen Nazibraut Doreen (Anna Brüggemann) sausen - was wohl dafür stehen soll, dass wir alle irgendwie libidinös in die Sache verstrickt sind. Nur in welche Sache genau?

So tiefenscharf Brüggemann manche Szenen gelingen - allen voran ein TV-Talk namens "Auf die zwölf", in dem zwölf Gäste wunderbar beharrlich aneinander vorbeireden -, so diffus bleibt insgesamt das Sujet von "Heil".

Will Brüggemann zeigen, dass Linke wie Rechte auf ungute Weise geschichtsfixiert sind? Dass sich Nazi-Gegner nicht geschickter anstellen als die Nazis selbst? Dass in Deutschland kein vernünftiges Gespräch über Rechtsextremismus möglich ist? In jeder Perspektive würde das auf einen groben Relativismus hinauslaufen: Wenn alle gleich doof sind, wird letztlich jeder verschont. Eine Logik, nach der als nächstes der geschichtspolitische Schlussstrich anstünde.

Die inhaltliche Entgrenzung verdoppelt Brüggemann auch inszenatorisch: In über hundert Sprechrollen ist von Bernd Begemann bis Thees Uhlmann, von Andreas Dresen bis Hanns Zischler halb Film- und viertel Pop-Deutschland dabei. Wer mag, kann mit seiner branchenversierten Kinobegleitung Kurzauftritte-Raten spielen (Extrapunkte, wer Axel Ranisch erkennt!). Auf mehr als ein unterhaltsames Networking-Gepose laufen die Nonstop-Cameos aber nicht hinaus.

In der Summe kommt "Heil" einem hochmotivierten Boxer gleich, der zu allen Seiten austeilt. Und gerade deshalb keinen Knock-out landet.

Sehen Sie hier den Trailer von "Heil"

"Heil"

    Deutschland 2015

    Drehbuch und Regie: Dietrich Brüggemann

    Darsteller: Benno Fürmann, Liv Lisa Fries, Jerry Hoffmann, Jacob Matschenz, Daniel Zillmann, Oliver Bröcker, Anna Brüggemann

    Verleih: X-Verleih

    Länge: 103 Minuten

    FSK: ab 12 Jahren

    Start: 16. Juli 2015

  • Offizielle Webseite zum Film

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