Heinz Strunk im Kino Saxofonist ohne Sex

Eine Verlierergeschichte machte ihn zum Gewinner: Heinz Strunk tingelte einst hochnotpeinlich mit einer Tanzkapelle durch die norddeutsche Provinz, heute ist er ein Bestseller-Autor und Star. Sein autobiografischer Roman "Fleisch ist mein Gemüse" kommt jetzt ins Kino.

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Sein Anzug ist schwarz und eng geschnitten, seine Brille dunkel getönt: Wie er da so steht, kühl und cool, auf dem roten Teppich im Vorstadtkino Hamburg-Harburg, erinnert Heinz Strunk, 45, an einen Paten in einem Mafiafilm. Oder an einen Popstar. Oder an einen Schauspieler, der einen Popstar spielen soll. Das vielleicht am meisten.

Strunk sieht aber nicht nur aus wie hippe Gewinnertypen nun einmal aussehen, im Fernsehen und im Kino und im Popbusiness, er ist ein Gewinner. Dazu gemacht hat ihn eine Verlierergeschichte.

In den achtziger Jahren, damals nannte er sich noch ganz bürgerlich Mathias Halfpape, war Strunk so etwas wie ein Anti-Popstar – ohne Geld, ohne Glamour, ohne Groupies. Geplagt von Akne und einer kranken Mutter, tourte er als Saxofonist mit der Tanzkapelle Tiffanys durch Dörfer und Städtchen des Landkreises Harburg vor den Toren Hamburgs: von Schützenfest zu Schützenfest, von Hochzeit zu Hochzeit, zwölf Jahre lang.

Dieser Jugend abseits der Großstadt, in einer Subkultur, die eher skurril war als szenig, eher versoffen als sexy, dieser tragikomischen Jugend also hat Strunk den Roman "Fleisch ist mein Gemüse" gewidmet. Für die Erstauflage 2004 seien 4000 Exemplare gedruckt worden, erinnert er sich, inzwischen habe sich das Buch mehr als 250.000 mal verkauft. Ein Riesenerfolg. Am Donnerstag kommt die Geschichte nun sogar ins Kino.

Christian Görlitz, zweifacher Grimme-Preisträger, hat das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Bekannt war der TV-Regisseur bislang für ernste Stoffe, Dramen und Psychothriller, und so tappt er nicht in die Fallen, die der Schauplatz Provinz allen Großstädtern stellt: Arroganz und Häme und Ironie. Im Gegenteil: Sein Film ist manchmal nostalgisch und wehmütig, häufig bitter und trist. Er erzählt die Geschichte eines Verlierers, uneingeschränkt.

Bisweilen hat das durchaus Charme, den Charme des Dilettanten in einer dilettantischen Umgebung. Besonders die Gasthofszenen überzeugen, gedreht mit Handkamera und hunderten Komparsen in Orten, die Namen tragen wie Moorwerder und Maschen. Während Maxim Mehmet als junger Heinz Strunk dort zu smart aussieht und daher blass bleibt, begeistert der hagere Andreas Schmidt in der Rolle des grotesk eitlen Bandleaders Gurki. Bierernst nimmt der sich und seine gereimten Bühnensprüche: "Lieber witzig mit 70 als ranzig mit 20." "Also erheben wir unsere Gläschen zur Freude unserer Bläschen." "Da klatschen die Apatschen."

Regisseur Görlitz sucht das Absurde im Normalen und das Normale im Absurden. Er findet das echte Leben – und das hat manchmal Charme, weil es skurril ist und komisch. Nicht schreiend lustig, aber komisch. Oft ist das echte Leben aber auch sehr uncharmant, und so sind die leichten Szenen nur Momente einer Geschichte, die nicht zum Lachen ist. Sie sind Inseln in einem Meer aus Bitterkeit und Tristesse.

Das muss nicht schlecht sein. Wer jedoch den ernsten, aber alles andere als humorfreien Roman kennt, die tragikomische Vorlage, wird überrascht sein, vielleicht sogar enttäuscht. Strunk selbst gibt sich zufrieden mit der Umsetzung, bei der er kein Mitspracherecht hatte, sagt aber auch: "Die traurigen, tragischen Szenen des Stoffes sind gelungener als die lustigen. Man merkt eben, ob einer Gagspezialist ist – oder nicht."

Ebenso merkt man, ob einer Popstar ist – oder nicht. Man merkt es bei Interviews, bei Konzerten und bei Filmauftritten. Und man merkt es bei Filmpremieren. Diesmal merkte man es besonders gut bei der Party danach: Als gerade alle Gäste mit Shuttlebussen aus dem Vorstadtkino Hamburg-Harburg im "Landhaus Jägerhof" ankommen, steht Strunk, der doch eigentlich das lebende Happy End des Films ist, versteckt am Rand des Saales, in jeder Hand ein Glas Sekt, aber alleine. Ein bisschen sieht er dort aus wie Franz Beckenbauer nach dem Gewinn der Fußball-WM 1990, nur weniger selbstzufrieden.

Man muss sich Strunk vorstellen als schüchternen Menschen, erfolgreich aber schüchtern. Und man muss sich den Saal vorstellen mit Girlanden und groben Weingläsern, mit einer Bühne in Fachwerkoptik und rustikalen Tischen, auf denen Bratenplatten stehen und Hackbällchen, gefüllte Eier und Sülze, ja sogar ein Schweinekopf. Es ist ein Ort, an dem sich niemand wundern würde, wenn ein Bandleader wie Gurki "ein Bierchen für die Nierchen" fordern würde. Dieser Saal ist nicht mehr Strunks Welt, keine Frage, und doch verbindet ihn etwas mit ihm: Die Premiere zerrt beide in die Welt des Glamours – und dabei knirscht es.

Es knirscht zum Beispiel, weil die Filmleute wie selbstverständlich auch vor dem "Landhaus Jägerhof" einen roten Teppich ausgelegt haben. Dort wirkt er exotisch und unwirklich – und lässt gleichzeitig das Landhaus irreal aussehen. Je nach Blickwinkel. Und es knirscht, wenn die Hauptfigur Strunk sich, wenn auch nur einen schwachen Moment lang, zur Randfigur macht.

Die Fotografen, die Reporter, die Schulterklopfer, "dieser Wahnsinns-Quatsch am roten Teppich", sagt er später, habe ihn überfordert. An etwas Aufmerksamkeit habe er sich zwar inzwischen gewöhnt, "mit meiner Viertel- oder Achtelprominenz", aber nicht an solche Ausmaße. "Das ist doch verrückt. Ich musste mich echt zusammenreißen."

Viel kleiner wird die Aufmerksamkeit in nächster Zeit nicht werden: Das Komiker-Kollektiv Studio Braun, das Strunk mit Rocko Schamoni und Jacques Palminger bildet, zeigt am 30. April eine Bühnenfassung von Schamonis Erfolgsroman "Dorfpunks" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Das sei eine opulente Produktion, verspricht Strunk. Im Oktober erscheint bei Rowohlt dann schon Strunks zweiter Roman: "Die Zunge Europas", eine Abrechnung mit der deutschen Humorlandschaft. Im Sound knüpfe das Buch an den Vorgänger an, sagt er, aber es sei "anspruchsvoller und literarischer."

Zum Verlierer wird Strunk so schnell nicht wieder.



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