"Helden wie wir" Eine Packung Ostpralinen

Die Verfilmung des Thomas-Brussig-Romans "Helden wie wir" erinnert an "Forrest Gump" ­ nur in den Farben der DDR.


"Helden wie wir"-Darsteller Borgwardt, Xenia Snagowski: Kein Glück bei den Frauen
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"Helden wie wir"-Darsteller Borgwardt, Xenia Snagowski: Kein Glück bei den Frauen

Einige Menschen im Osten der Republik glauben, dass am 9. November der zweite Teil von "Sonnenallee" ins Kino kommt. Sie haben den "Helden wie wir"-Trailer gesehen und denken: Noch so was. Noch ein Genauso-wars-Film. Was mit "Cabinet"-Rauchern, alten Häusern, Wartburgs, Schrankwänden und braungelb gestreiften Ostsofas. Sie hoffen, dass dieser komische Wohnzimmertisch mit der Kurbel wieder mitspielt. Das wäre schau, wenn der Tisch wieder mitmachte. Der Tisch und auch Volkspolizist Buck.

Die aufgeschlossenen Westler aber fragen interessiert: Welchen von beiden müssen wir uns denn nun ansehen? Beide Geschichten hat sich der Schriftsteller Thomas Brussig ausgedacht. Die Westler denken an "Manta ­ Der Film" und "Manta, Manta", und natürlich liegt der Gedanke nah.

Wer sich "Helden wie wir" ansieht, merkt, dass er mehr sein will als "Sonnenallee II" und "Manta, Manta". Er will "Forrest Gump" sein. Ein Forrest Gump in den Farben der DDR. Forrest heißt diesmal Klaus Uhltzscht (Daniel Borgwardt).

Schauspieler Borgwardt: Blutspenden für Erich Honecker
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Schauspieler Borgwardt: Blutspenden für Erich Honecker

Er wird geboren, als ein Panzer der Sowjetarmee am Urlaubsquartier seiner Eltern vorbeirollt. "Kuda w Pragu?", fragt der Panzerfahrer, und man weiß, dass der Atem der Geschichte unseren Helden vor sich her bläst. Wie Forrest wird auch Klaus in große geschichtliche Szenen montiert. Allerdings ist es nicht Kennedy, dem er die Hand schütteln darf, sondern nur Egon Krenz, wenn auch ein Egon Krenz mit beachtlichen Koteletten.

Doch erst mal zieht Klaus Uhltzscht mit seinen Eltern in eine Neubauwohnung, die an ein Gebäude der Staatssicherheit grenzt. Dort ist auch Klaus' Vater beschäftigt.

Klaus ist ein Träumer. Vorm Einschlafen beobachtet er einen Mann im Stasi-Gebäude und führt über dessen Schritte von einem Zimmer ins andere Buch. Im Geografieunterricht lernt er die politischen Farben der Erde kennen. Die kapitalistischen Länder sind blau, die sozialistischen rot, die Entwicklungsländer wie die Tomaten: "Erst sind sie grün, dann werden sie rot."

Klaus' Banknachbarin, die schöne Yvonne, möchte später nach Holland, ihr Hund heißt bereits "van Gogh". Aber Holland ist blau. Klaus plant, es rot zu machen, das wäre eine Möglichkeit. Die einzige, die er sieht. Er ist nur Flachschwimmer, beim Weitpinkeln im Ferienlager hat er keine Chance, und es ist mehr als überraschend, dass sich Yvonne für ihn interessiert.

Die Kamera fährt die Schulflure mit den Augen eines unsicheren Kindes ab, sie zeigt die Schwimmhalle als Ort der Folter und Pein. Ekliges, chloriges Wasser, hallende Kinderschreie und die Kommandos von fleischig-behaarten Schwimmlehrern.

"Helden wie wir"-Darsteller Kirsten Block, Udo Kroschwald: Pendeln zwischen Sentimentalität und Grauen
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"Helden wie wir"-Darsteller Kirsten Block, Udo Kroschwald: Pendeln zwischen Sentimentalität und Grauen

Klaus träumt von seinen sozialistischen Helden in Schwarzweiß. Teddy Thälmann ist ein dicker Bär, der durch den Hamburger Hafen marschiert, die Arbeiter mögen ihn, sein bester Freund ist der kleine Trompeter, später muss er gestreifte Häftlingskleidung tragen, aber der Aktivist Adolf Hennecke befreit ihn mit seinem Presslufthammer. Klaus findet die Schlagersängerin Dagmar Frederic erotisch und lacht mit, wenn sein Geschichtslehrer den Film von der Befreiung Berlins rückwärts laufen lässt. Das ist oft komisch, aber selbst dann beklemmend.

Die orangefarbene Klatschkragenbluse von Yvonne, die braune Silastikhose der NVA mit den gelb-roten Offiziersstreifen am Bein von Klaus' Vater, die Koteletten von Egon Krenz und die guten alten DDR-Heftumschläge sorgen für den nötigen Wiedererkennungseffekt. Wie die Vita-Cola-Flasche und der Hosenkamm in "Sonnenallee". Auch das Wohnzimmer sieht aus wie das Wohnzimmer in "Sonnenallee".

Aber es ist lange nicht so gemütlich.

Es gibt keinen lustigen Kurbeltisch, und Klaus' Vater, den Udo Kroschwald spielt, raucht und schwitzt und ist kein bisschen komisch. Er ist ein brutaler Spießer. Die Bockwürste glänzen kalt auf dem Abendbrottisch, die Mutter sorgt für Sauberkeit. Die Kinder werfen sehnsuchtsvolle Blicke auf Landkarten und verfolgen ungerührt das Politikersterben in der UdSSR. Vor dem Fenster hängt ein hellblauer, sozialistischer Papphimmel mit Wolken und Kränen, der aus einem DDR-Lesebuch geschnitten worden sein könnte.

Der Zuschauer pendelt zwischen Sentimentalität und Grauen.

Als Klaus diese Kulisse verlässt, bleibt das Grauen übrig. Der kleine Klaus wird zum großen Klaus und springt von nun an wie ein Gummiball von einer Szene zur nächsten. Er geht zur Stasi und muss für den Rest des Films mit einer bescheuerten Windjacke und einem immer gleichen Gesichtsausdruck rumlaufen.

Auch die anderen Darsteller dürfen nicht viel machen. Klaus fängt in einem Hinterhofbüro an, hat kein Glück bei den Frauen, weil sein Schwanz zu kurz ist, rutscht auf seinem Samen aus, fällt eine Treppe runter, bricht sich beide Arme und trifft zufällig Yvonne wieder, die jetzt im Widerstand arbeitet. Sie verliebt sich in ihn, warum, ist schleierhaft.

Er trägt die bescheuerte Jacke, und sein Haar ist dünn. Allerdings fällt ihm der Satz "Jedes Blatt Papier ist ein potenzielles Flugblatt" ein, der sowohl bei der Stasi als auch bei den Revolutionären gut ankommt. Mit Yvonne ist erst mal Schluss, als Klaus gesteht, dass er bei der Stasi ist. Er muss Blut für Erich Honecker spenden, woraufhin sein Gemächt schwillt. Dann wird er plötzlich zum Regimegegner, schlägt seinen Vorgesetzten, rennt in einen U-Bahn-Schacht, klettert aus einem Gulli, läuft zur Mauer und lässt seine Hosen herunter, worauf die Grenzoffiziere die Tore öffnen.

Zwischendurch werden Dokumentarfilmschnipsel gezeigt, die man kennt, außerdem taucht kurz der volkstümliche Musikant Achim Mentzel auf, weil Achim Mentzel Kult ist, und es gibt das komplette Ostkultmusikprogramm. Gitarrentwist, Schwanenkönig, Gänselieschen und das Lied vom kleinen Trompeter.

Das ist sehr fleißig, und man merkt auch, wohin die Reise gehen sollte. Aber der Film wirkt, als musste er zur Feierstunde noch schnell fertig werden. Es gibt keine Handlung, auch "Sonnenallee" hat ja keine erwähnenswerte Handlung. Aber "Sonnenallee" ist wenigstens Kino. Ein Popcorn-Film mit coolen Tanzszenen, den man sich auch drei-, viermal ansehen kann. Man bekommt gute Laune bei "Sonnenallee"; "Helden wie wir" aber swingt nicht, der Film steht irgendwann auf der Stelle und langweilt.

Uhltzscht marschiert durch sein Leben wie eine Holzpuppe. Er kann nicht weinen, er kann nicht lieben, er lebt nicht.

In der zweiten Hälfte möchte man nur noch, dass endlich Schluss ist. Die Bilder zerren an den Nerven. Insofern ist der Film wie die DDR in ihren letzten Tagen. Endlos, langsam, nervend, schmuddelig und eng. Die Frage ist, ob er das gewollt hat. Der Regisseur schleppt sich bis zum Ende durch, das ja schon in Brussigs Buch wie der Witz eines Kindes wirkt, das die Pointe vergessen hat. Ein Mann öffnet seine Hose, worauf die Berliner Mauer umfällt.

Und? Dazu läuft jetzt "What a Wonderful World" von Louis Armstrong.

Und?

Die Ostler sind in Amüsierlaune, sie wählen, was sie wollen, lassen die FDP sterben, trinken süßen Sekt und denken an früher. Im Augenblick würde sogar ein Mix aus "Nicht schummeln, Liebling", "Ernst Thälmann ­ Sohn seiner Klasse", "Spuk unterm Riesenrad" und den besten Sportreportagen von Heinz Florian Oertel eine Million Zuschauer bekommen. Viel mehr ist "Helden wie wir" auch nicht geworden.

"Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel, man weiß nie, was drin ist", sagt Forrest Gumps Mutter.

"Helden wie wir" ist wie eine Packung mit Ostpralinen. Da wusste man immer, was drin ist. Es war selten gut.

ALEXANDER OSANG



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