Kinothriller "Hell or High Water" Die Abgehängten schlagen zurück

Zwei Brüder werden zu Bankräubern, weil die Schulden überhandnehmen: Der Neo-Western "Hell or High Water" ist tolles Genrekino - und gibt zugleich Auskunft über Trumps Amerika.


Wie schlimm wird es werden? Niemand weiß das in diesen gespenstischen Tagen vor dem Beginn der Präsidentschaft von Donald Trump. Aber die Angst ist spürbar. Auch in Hollywood, das von Trump und seinen Gefolgsleuten im Wahlkampf als abgehoben und verwöhnt gebrandmarkt wurde.

Meryl Streep hat gerade in ihrer Rede bei den Golden Globes deutlich dazu Stellung bezogen; und plötzlich gilt mit "Hell or High Water" ein Film zum erweiterten Kreis der Oscar-Favoriten, der sehr wahrscheinlich ohne Trumps Wahlsieg nicht dazuzählen würde.

Wobei "Hell or High Water" die unfreiwillige Unterstützung durch Trump nun wirklich nicht nötig hat. Der Thriller, der schon im Sommer in den US-Kinos lief, wurde von der Kritik einhellig in den höchsten Tönen gelobt und entwickelte sich zu einem moderaten Hit: Bei einem Budget von nur zwölf Millionen Dollar spielte er bislang mehr als 31 Millionen ein. Er ist einer dieser selten gewordenen Genrefilme, der sich in der von Blockbustern und Franchises dominierten Filmlandschaft behaupten konnte.

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"Hell or High Water": Auf Beutezug durch Trump-Country

Und der dabei auch noch etwas zu sagen hat. Denn "Hell or High Water" zeichnet vor allem aus, dass er fabelhaft nach allen Hollywood-Regeln unterhält und sich doch nicht in Eskapismus zurückzieht. Dass die Geschichte so profund erzählt von Trump-Country, von Frust und Geldnot, von Angst und Ausweglosigkeit und dem Gefühl des Abgehängtseins, das macht "Hell or High Water" gewissermaßen zum Film der Stunde. Wer immer noch ungläubig die Hände wringt angesichts des Ausgangs der Präsidentschaftswahl, dem kann dieser Film beim Verstehen helfen.

Dabei ist "Hell or High Water" zunächst einmal ein knallharter Thriller, der im Westen von Texas spielt und deshalb gar nicht anders kann, als auch als Neo-Western gesehen zu werden. Cowboystiefel und -hüte, Schweißflecken auf den Hemden, staubige Straßen, zerklüftete Landschaft unter brütender Sonne - das Setting lädt geradezu zu einem Duell auf offener Straße ein. Oder zu dem einen oder anderen Banküberfall. Allerdings flüchten die Brüder Toby (Chris Pine) und Tanner (Ben Foster) danach nicht auf Pferden, sondern im Auto.

Banken sind eine Plage, die das Land ausdörrt

Und sie sind nicht auf den großen Jackpot aus. Toby geht planvoll vor: Er will Filialen der Texas Midlands Bank in abgelegenen Städten ausrauben, nur kleine Scheine, keine großen Summen. Denn er will nicht reich werden, sondern lediglich die Farm seiner kürzlich verstorbenen Mutter zurückkaufen, die dank eines Knebelvertrags eben jener Midlands Bank gehört. Im Weg stehen Toby zwei Männer: Sein durchgeknallter Bruder Tanner, der zehn Jahre lang im Knast saß und jederzeit zu einem Gewaltausbruch fähig ist; und Texas Ranger Hamilton (Jeff Bridges), der seinem nahenden Ruhestand nicht eben freudig entgegenblickt und diesen letzten Fall noch unbedingt aufklären will.

"Hell or High Water" (in etwa: Komme, was wolle) ist ein exzellent geschriebener und furios geschnittener Thriller, der die Spannung langsam, aber stetig steigert und seine Handlungsstränge auf ein hochdramatisches Finale zutreibt. Dafür allein gebührt Regisseur David Mackenzie großes Lob; das gebeutelte Genre des Thrillers braucht dringend Frische und Innovationen. Nun sind die Filme des Schotten Mackenzie aber gerade dafür bekannt, sich allzu einfacher Zuordnung zu widersetzen. Sein Debüt "The Last Great Wilderness" etwa oder "Young Adam" mit Ewan McGregor sind Thriller, die Erwartungshaltungen unterlaufen und immer wieder überraschen.

"Hell or High Water"

    USA 2016

    Regie: David Mackenzie

    Drehbuch: Taylor Sheridan

    Darsteller: Chris Pine, Ben Foster, Jeff Bridges, Gil Birmingham, Dale Dickey, William Sterchi

    Produktion: Film 44, Sidney Kimmel Entertainment, LBI Entertainment, OddLot Entertainment

    Verleih: Paramount Pictures Germany

    Länge: 102 Minuten

    FSK: ab 12 Jahren

    Start: 12. Januar 2017

"Hell or High Water" hält sich enger als die Vorläuferfilme an Genreregeln, aber auch hier ist Platz für verschiedene Stimmungen und Tempi. Der Stoff mag düster sein, aber der Ton ist eher leicht und sarkastisch. Und melancholisch. Denn die eigentliche Hauptrolle schenkt Mackenzie der Region, in der der Film entstand. "Hell or High Water" ist eine aktuelle Vermessung von West Texas, Ort der frontier, Heimat von Wildwest-Folklore und Mythen, die bis heute das Selbstbewusstsein der USA befeuern.

Heute ist es jedoch Trump-Country, Land der Abgehängten, gezeichnet von Rückständigkeit und Armut. Die alten Geschichten von Cowboys und Indianern, sie verbrämen den Frust über den Stillstand der Gegenwart nicht länger. "Was mache ich hier eigentlich im 21. Jahrhundert? Das macht doch keinen Sinn", schimpft ein Cowboy, der seine Kuhherde über die Straße treibt. Und Texas Ranger Hamilton bekommt von einem Zeugen zu hören: "Die haben doch nur die Bank überfallen, die mich schon seit 30 Jahren ausraubt!"

Im Video: Der Trailer von "Hell or High Water"

Immer wieder nimmt Mackenzie das Tempo heraus, um in pointierten Dialogen der schwelenden Unzufriedenheit der Menschen zu lauschen. Vom Rest der USA erhoffen die sich nichts, sie sind sich selbst der Nächste. "Bei uns gibt es nur T-Bone-Steaks", blafft eine alternde Kellnerin Hamilton in einem Diner an. "Der letzte, der etwas anderes bestellen wollte, kam aus New York. Forelle wollte der Idiot. Aber das war 1973."

Die Banken werden hier als Plage betrachtet, die das Land ausdörrt. Zum Robin Hood taugt Toby trotzdem nicht. Er wird sich schuldig machen mit seinem Plan, und er wird mit seiner Schuld leben müssen. Überhaupt haben die Weißen diese Plage selbst ins Land geholt, so Hamiltons Partner Alberto, ein Halbindianer, mit plötzlicher Wut: "Vor hundert Jahren gehörte all dieses Land meinen Vorfahren. Dann kamen die Weißen und haben es ihnen weggenommen. Und jetzt kommen deren Banken und nehmen es ihnen wieder weg."

So taugt "Hell and High Water" durchaus zum Pulsmesser der amerikanischen Provinz, die Donald Trump entscheidend zum Wahlsieg verholfen hat. Dass der Film trotzdem so gut unterhält, ist ein Geschenk in diesen gespenstischen Tagen. Und ein Trick, den Hollywood in den kommenden Jahren kultivieren sollte.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
.patou 11.01.2017
1.
Und nicht zu vergessen der wundervolle, elegisch-brütende Soundtrack von Warren Ellis und Nick Cave. In meinem Fall war die Neugier darauf der Grund, warum ich mir den Film schon vor einer Weile besorgt habe. Die beiden sollten sich (noch) öfter Zeit für's Kino nehmen. Der Film ist in der Tat sehr gut. Jeff Bridges trägt für meinen Geschmack fast etwas zu dick auf, aber Ben Foster ist hervorragend.
fallobst24 11.01.2017
2. oh man...
1.a) "moderater Hit" -> 12 $ Mio. beträgt das Budget (das Marketing ist da normalerweise nicht drin und kann locker nochmals 50% bis sogar 200% betragen). 1.b) Die 31 $ Mio. "Box Office" ist nicht das Geld, was direkt beim Studio landet, sondern was insgesamt anhand des Films im Kino eingenommen wird. Im Schnitt landen ca. 50% davon beim Studio. In anderen Ländern (China z.B.) muss man sogar mit 35% - 45% rechnen, aber das nur so am Rande. Das bedeutet, dass der Film vielleicht noch nicht mal break-even gemacht hat. Beispiel: Der neue Ghostbusters-Film hat ein Budget von 144 $ Mio. und brauchte 300+ $ Mio. um break even zu machen, was ihnen nicht gelungen ist und der Film somit mit 229 $ Mio. ein kräftiger Flop wurde. 2.a) Der Autor wirft den Namen Trump immer wieder in den Artikel rein, aber was genau hat ein Film mit sehr bekannten Hollywood-Schauspielern mit Trump-Country zu tun? Dem Autor ist scheinbar nicht bewusst, dass Trump flächenmäßig 85% gewonnen hat. Trump-Country sind praktisch die USA ohne wesentliche Teile West- und Ost-Küste und ohne die größten Städte, siehe New York Times: http://www.nytimes.com/interactive/2016/11/16/us/politics/the-two-americas-of-2016.html?_r=0 Mich wundert es nicht, dass man bzw. der Autor Trumps Erfolg nicht verstehen können oder wollen, wenn man sich die USA scheinbar nur als klischeehaftes Cowboy-Texas oder hippes, diverses New York und San Francisco vorstellen können. 2.b) Wo genau ist die Erklärung (die bösen Banken?) für Trumps Wahlsieg in diesem Film? Wieso und wie genau hat Trumps Wahlsieg diesen Film in den Kreis der Oscar-Favoriten gerückt? 2.c) Ungeachtet von 2.b), wie kommt man auf die Idee einem Film - ich muss hierbei ja kaum betonen, dass das ein fiktives Produkt ist - aus Hollywood einen derartigen Wahrheitsgehalt bzgl. der Realität in Texas (einem der 50 (!) Bundesstaaten) zu zumessen und zu denken, dass das irgendeinen signifikanten Erklärungsansatz zu einer politischen Situation darstellen würde. PS: Ich fand den Film und die schauspielerische Leistung klasse!
wiebitte 11.01.2017
3. Trump Country?
Wenn dieser Film etwas zeigt, dann ja wohl die Zustände nach acht Jahren Obama. Die waren vielleicht auch schon vorher so, werden unter Trump evtl. noch schlimmer usw. aber es entbehrt ja wohl jeder Grundlage, die Zustände Trump zuzuschreiben, mögen diese ihm ggf. auch bei der Wahl geholfen haben.
Celegorm 11.01.2017
4.
Zitat von fallobst241.a) "moderater Hit" -> 12 $ Mio. beträgt das Budget (das Marketing ist da normalerweise nicht drin und kann locker nochmals 50% bis sogar 200% betragen). 1.b) Die 31 $ Mio. "Box Office" ist nicht das Geld, was direkt beim Studio landet, sondern was insgesamt anhand des Films im Kino eingenommen wird. Im Schnitt landen ca. 50% davon beim Studio. In anderen Ländern (China z.B.) muss man sogar mit 35% - 45% rechnen, aber das nur so am Rande. Das bedeutet, dass der Film vielleicht noch nicht mal break-even gemacht hat. Beispiel: Der neue Ghostbusters-Film hat ein Budget von 144 $ Mio. und brauchte 300+ $ Mio. um break even zu machen, was ihnen nicht gelungen ist und der Film somit mit 229 $ Mio. ein kräftiger Flop wurde. 2.a) Der Autor wirft den Namen Trump immer wieder in den Artikel rein, aber was genau hat ein Film mit sehr bekannten Hollywood-Schauspielern mit Trump-Country zu tun? Dem Autor ist scheinbar nicht bewusst, dass Trump flächenmäßig 85% gewonnen hat. Trump-Country sind praktisch die USA ohne wesentliche Teile West- und Ost-Küste und ohne die größten Städte, siehe New York Times: http://www.nytimes.com/interactive/2016/11/16/us/politics/the-two-americas-of-2016.html?_r=0 Mich wundert es nicht, dass man bzw. der Autor Trumps Erfolg nicht verstehen können oder wollen, wenn man sich die USA scheinbar nur als klischeehaftes Cowboy-Texas oder hippes, diverses New York und San Francisco vorstellen können. 2.b) Wo genau ist die Erklärung (die bösen Banken?) für Trumps Wahlsieg in diesem Film? Wieso und wie genau hat Trumps Wahlsieg diesen Film in den Kreis der Oscar-Favoriten gerückt? 2.c) Ungeachtet von 2.b), wie kommt man auf die Idee einem Film - ich muss hierbei ja kaum betonen, dass das ein fiktives Produkt ist - aus Hollywood einen derartigen Wahrheitsgehalt bzgl. der Realität in Texas (einem der 50 (!) Bundesstaaten) zu zumessen und zu denken, dass das irgendeinen signifikanten Erklärungsansatz zu einer politischen Situation darstellen würde. PS: Ich fand den Film und die schauspielerische Leistung klasse!
1) Grundsätzlich immer ein guter Hinweis, da diese Rechnung gerne vergessen geht. Allerdings lässt sich bei der Grundtendenz des Filmes und der erzielten Aufmerksamkeit schon zumindest von einem potentiellen Hit sprechen. Erstens weil alle ausländischen Märkte noch fehlen, zweitens weil solche Filme meist im vornerein Abschreibprojekte sind und selten Geld einspielen, und drittens weil die Award-Saison noch einmal Schwung verleihen könnte. Mindestens ein Achtungserfolg ist das Ganze also durchaus. 2) Ich glaube dem Autor ging es eher ums Gegenteil: Dass der Blick in die US-Provinz fernab der Wirtschaftszentren eben gerade zeigt, wie trostlos es vielerorts aussieht und wie der vermeintliche Aufschwung an zu vielen Menschen vorbei zieht. Was halt einen grossen Teil des Frusts und Protests erklärt, die zu Trumps Wahl geführt haben. Allerdings hätte man das auch dezenter einbringen können, ohne in jedem zweiten Satz Trump zu schreiben..
fallobst24 11.01.2017
5.
Zitat von Celegorm1) Grundsätzlich immer ein guter Hinweis, da diese Rechnung gerne vergessen geht. Allerdings lässt sich bei der Grundtendenz des Filmes und der erzielten Aufmerksamkeit schon zumindest von einem potentiellen Hit sprechen. Erstens weil alle ausländischen Märkte noch fehlen, zweitens weil solche Filme meist im vornerein Abschreibprojekte sind und selten Geld einspielen, und drittens weil die Award-Saison noch einmal Schwung verleihen könnte. Mindestens ein Achtungserfolg ist das Ganze also durchaus. 2) Ich glaube dem Autor ging es eher ums Gegenteil: Dass der Blick in die US-Provinz fernab der Wirtschaftszentren eben gerade zeigt, wie trostlos es vielerorts aussieht und wie der vermeintliche Aufschwung an zu vielen Menschen vorbei zieht. Was halt einen grossen Teil des Frusts und Protests erklärt, die zu Trumps Wahl geführt haben. Allerdings hätte man das auch dezenter einbringen können, ohne in jedem zweiten Satz Trump zu schreiben..
zu 1) vollkommen richtig. Ich hoffe es kommt so. Der Film hätte es verdient. Mehr als über den Daumen gepeilt kann man da selten machen, da die Studios kein Interesse daran haben es transparent zu gestalten. Stichwort: Hollywood Accounting https://en.wikipedia.org/wiki/Hollywood_accounting Bestes Beispiel war Stan Lee, der mit Marvel den Vertrag hatte 10% der Netto-Gewinne aus den Filmen der von ihm entwickelten Charaktere zu bekommen. Der erste Spiderman spielte, bei einem Budget von 140 $ Mio., über 800 $ Mio. ein und trotzdem haben die angeblich keinen Netto-Gewinn gemacht und ihm entsprechend nix gezahlt. Am Ende hat Stan Lee sie verklagt: http://articles.latimes.com/2005/jan/20/business/fi-marvel20 zu 2) Diese Geschichte von böser Bank und guten, armen Leuten ist einfach uralt und ein wenig klischeehaft. Es hat mit der Wirklichkeit von heute genauso viel zu tun wie mit der Wirklichkeit im Jahre 1850, siehe die alten Western aus den 60er/70er Jahren. Ich meine damit, dass es keine unique, neue Situation dargestellt wird, die es vorher so nicht gab. Banken, die arme Leute abzocken gab es schon immer. Trump wurde von Süden nach Norden, von Osten nach Westen, quer durch die USA gewählt und nicht nur von irgendwelchen Cowboyhut tragenden Rednecks oder armen Schluckern.
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