Von Christian Buß
Hitler ist einfach. Bärtchen dran, Stimme schnarren lassen, fertig ist der "Führer". Stalin ist schwieriger. Meint zumindest der Varieté-Künstler Hans Zeisig (Michael "Bully" Herbig), der Anfang der dreißiger Jahre in Berlin in einer Art Tyrannen-Ballett den sowjetischen Zampano gibt, während der Kollege und Freund Siggi Meyer (Jürgen Vogel) den Hitler steppt. Tanz den Adolf Hitler: Faschismus als Lachnummer.
Die erste Viertelstunde von "Hotel Lux" ist ein grandioses Schmierenkomödianten-Doppel, das ironisch die unterschiedlichen und doch immer ziemlich ähnlichen Verballhornungen Hitlers mitreflektiert: Selbst die Nazis in diesem Film schlagen sich anfänglich noch auf die Schenkel, wenn Siggi Meyer mit Stechschritt und Stechscheitel den Ober-Nazi gibt. Hitler? Kennt jeder, findet jeder witzig.
Aus der Kinohistorie ist er als Witzfigur ja gar nicht wegzudenken. Von Charlie Chaplin bis Helge Schneider - mit dem großen Diktator hat in Sachen Gagdichte bisher noch kein großer Humorist etwas falsch gemacht. Und, seien wir ehrlich, selbst die tragische Aneignung der Figur durch Bruno Ganz, der Hitler in "Der Untergang" verzagt in seinen Nudeln rumstochernd verkörpert, während ihm das rollende R ganz traurig über die Lippen plumpst, ist zum Wegschmeißen komisch. Wenn auch unfreiwillig.
Stalin, ein Held für die ganze Familie?
Kurz gesagt: Hitler, das ist für einen Komiker inzwischen eine Unterforderung. Kein Wunder, dass Michael "Bully" Herbig für die Fascho-Verwechslungs-Operette "Hotel Lux" die Rolle des Stalin-Imitators ausgesucht hat, komödiantisch ist der durchaus Neuland. Eine angemessene Aufgabe für Herbig, der in der Vergangenheit schon häufiger als Retter des Humors in Deutschland gefeiert wurde.
Hier verwandelt er den Diktatoren-Paartanz unvermeidlicherweise in eine One-Man-Show - auch in produktionstechnischer Hinsicht. Schon vor fünf Jahren hatte Produzent Günter Rohrbach ("Das Boot") beim Schriftsteller Uwe Timm ("Die Erfindung der Currywurst") ein Exposé zum Film in Auftrag gegeben, dann kam Regisseur Leander Haußmann ("Sonnenallee") dazu. Haußmann konnte allerdings mit den Drehbuchentwürfen Timms genauso wenig anfangen wie mit denen von Timms Nachfolger Volker Einrauch ("Der andere Junge").
Das Tolle: Der Diktatoren-Verwechslungsreigen bekommt gerade durch Herbigs unvermeidliche Öffnung in die Familienunterhaltung diesen heimtückisch heiteren Tonfall, der das Böse unterhalb der komischen Oberfläche zuweilen grausam zum Klingen bringt. Den Schnitt soll der Ich-kann-alles-Könner Herbig zum Teil auch noch besorgt haben, was der Komödie eine gewisse rhythmische Eleganz beschert hat. Von allen deutschen Faschismus-Verwechslungs-Komödien, und davon gibt es nicht wenige, kommt "Hotel Lux" am nächsten an den Lubitsch-Touch heran. Ernst Lubitsch, das war der Regisseur, der schon 1942 mit "Sein oder Nichtsein" die bislang unerreichte Vorlage des Genres vorgelegt hat.
Es tanzt für Sie der Diktator!
Und so tänzelt und taumelt Herbig salopp in eine klassische Tyrannen-Maskerade: Auf der Flucht vor den Nazis gelangt sein nach Hollywood strebender Unterhaltungskünstler Zeisig ausgerechnet ins "Hotel Lux", jene Herberge in Moskau, in der kommunistische Flüchtlinge aus Deutschland Unterschlupf fanden - um dort dann unter das brutale Regiment der Sowjets zu geraten.
Der sympathische Operetten-Snob Zeisig, eigentlich nur an sich selbst und den Frauen interessiert, wird durch Zufall nicht nur zum Vorzeige-Proletarier, sondern auch noch zum persönlichen Berater desjenigen, den er zu imitieren versteht wie niemand anderen: Josef Stalin. Um den herum wanzen berühmte deutsche Emigranten: Walter Ulbricht etwa, der spätere Staatsratsvorsitzende der DDR, baut beim Käffchen eine Mauer aus Zuckerwürfeln, und Herbert Wehner kaut hier schon so unerbitterlich auf seiner Pfeife herum wie später als SPD-Zuchtmeister im Deutschen Bundestag.
Sicher, gerne hätte man gewusst, wie das Originaldrehbuch des kritischen Ex-DKPlers Uwe Timm zum großen Kommunisten-Bashing ausgefallen wäre; bei Haußmann bleiben die historische Figuren linke Pappkameraden, das legendäre "Hotel Lux" kommt als eine Art Geisterbahn des realen Sozialismus daher. Aber als Parabel über das Zusammenspiel von Verkleidung und Politik, von Maske und Ideologie entwickelt das Diktatoren-Ballett eine beachtliche Dynamik.
Am Ende steht der echte Stalin ohne Bart und Uniform da, während Komiker Zeisig mit angeleimter Rotzbürste den sowjetischen Überwachungsstaat zu seinen Gunsten lenkt. Kommunismus? Auch nicht mehr als eine Nummern-Revue!
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