Gehypter Horrorfilm "Hereditary" Auge um Auge, Fluch um Fluch

Werden wir auf ewig vom Leid unserer Vorfahren verfolgt? Das gefeierte Filmdebüt "Hereditary - Das Vermächtnis" legt das mit blutigem Nachdruck nahe. Aber ist das gleich der beste Horrorfilm des Jahrzehnts?

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Im Hausflur der Grahams steht ein Kunstwerk von Annie Graham, die Modell-Miniaturen aus ihrem Leben erschafft. Es zeigt das schnörkellose Haus der Familie, balancierend auf einem Turm unterirdischer, schiefer und unschönerer Häuser.

Es ist die zentrale Metapher von "Hereditary": dass jede Generation auf den Schultern der vorangegangenen steht und auch deren dunklere Geheimnisse und psychische Schieflagen weiterträgt. Solche Bedeutungsschwere kann leicht albern wirken, aber klugerweise wird das Werk von der Kamera nur mit einem beiläufigen Blick bedacht, wie überhaupt dieser Horror-Thriller mit einer fast unaushaltbar gruseligen Beiläufigkeit und Trägheit erzählt wird.

Toni Colette spielt in einem Oscar-reifen Auftritt diese Annie Graham, eine Ehefrau und Mutter, der nach dem Tod ihrer eigenen, unnahbaren Mutter ihre Familie aus den Händen gleitet. Selbstzweifel fassen Annie in einen eisernen Griff, und ihre Versuche, das Auseinanderfallen der Dinge aufzuhalten, bringen alles nur noch mehr aus dem Lot.

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"Hereditary - Das Vermächtnis": Kein Entkommen vor dem Familienfluch

Es ist schrecklich, mit welch banaler Konsequenz sich die Dinge hier entwickeln. Denn die Grahams sind eigentlich eine ganz normale Familie. Annie mag als Künstlerin etwas empfindlicher sein als die Durchschnitts-Mami, hat aber mit ihrem Mann Steve (Gabriel Byrne), einem reservierten Psychiater, einen Ruhepol an ihrer Seite. Ihr Sohn Peter (Alex Wolf) ist ein etwas maulfauler Kiffer, also ein ganz normaler Teenager, und die jüngere, in sich zurückgezogene Charlie (verstörend: Milly Shapiro) verleiht der Trauer um ihre geliebte Oma mit seltsamen Zeichnungen und Figurenbasteleien Ausdruck, eine wildere Variation der präzisen, kontrollierten Miniaturen von Annie.

Ein Horror-Haus ohne gleichen

Aber es sind ja die inneren Welten, in denen äußere Umstände gefasst und mit Sinn belegt werden. Für Annie scheint sich ein geheimnisvoller, Generationen alter Familienfluch Bahn zu brechen, und es ist beängstigend, wie der Regisseur Ari Aster diese inneren Landschaften auslotet und bebildert.

Asters Langfilmdebüt wurde vorab als einer der besten Horrorfilme des Jahrzehnts gefeiert. So viel Lob ist überzogen, dennoch beeindruckt, mit welch großem Selbstvertrauen und welch nervenzehrender Effektivität Aster die Gemeinplätze des Horrorgenres renoviert. Das Haus der Leighs ist ein praktischer, moderner Holzbau, es hat wenig gemein mit den verwinkelten viktorianischen Villen, die im klassischen Gruselfilm das Denkgebäude der Hauptpersonen symbolisieren. Und doch sucht es unter Horror-Häusern seinesgleichen.


"Hereditary - Das Vermächtnis"
USA 2018
Regie und Drehbuch: Ari Aster
Darsteller: Toni Collette, Gabriel Byrne, Alex Wolff, Milly Shapiro, Ann Dowd, Mallory Bechtel
Produktion: PalmStar Media
Verleih: Splendid Film
Länge: 127 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 14. Juni 2018


Wie ein langsam, angstvoll schweifender Blick fährt Pawel Pogorzelskis Kamera durch die Räume des Hauses und erwirkt trotz der klaren und offenen Architektur eine enorme Beklemmung. Die rechtwinkelige Ordnung des Domizils und von Annies minimalistischen Puppenhäusern unterstreicht hier nur das Grauen, das Aster dort verwurzelt, wo es am eindringlichsten ist: in dem Gefühl totaler Desintegration. Motor der Story ist die Unauslöschlichkeit sowohl von banalen als auch von katastrophalen Ereignissen, die eine Familienkonstellation strukturieren oder, wie hier, sprengen.

Schmerz und Schuld und Trauer

Die erste Hälfte der 127 Filmminuten ist mit fast zäher Langsamkeit erzählt, aber Asters Spiel mit Tempo und Klang (ein harmloses Zungenklacken wird zum nervenzehrenden Horror-Tusch), mit den Dimensionen sowie mit Psychologie und Parapsychologie ist kalkuliertes Crescendo einer wahrhaft grausigen Geschichte um Schmerz, Schuld und Trauer.

Vielfach zieht Aster den Hut vor Horror-Klassikern wie "The Shining" oder "Rosemary's Baby", ohne sich aber zu sehr an alte Meister oder überkommende Muster anzulehnen. Er schafft stattdessen mit großer Präzision eine ganz eigene, total verstörende Atmosphäre, die eine fulminante Darstellung von Toni Colette einrahmt - ihr roher Realismus trifft ins Mark.

Die Geschichte steigert sich schließlich zu einem hysterischen und letztlich enttäuschenden Finale. Immerhin: Die enorme Intensität der vorangegangenen zwei Stunden lässt darüber fast hinwegsehen.

Im Video: Der Trailer zu "Hereditary - Das Vermächtnis"

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