Herr der Ringe-Produzent Saul Zaentz "Wir waren total glückliche Arschlöcher"

Der unabhängige Produzent Saul Zaentz ("Einer flog übers Kuckucksnest", "Amadeus"), 80, ist der Drahtzieher hinter den "Herr der Ringe"-Filmen. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem in Berkeley ansässigen dreifachen Oscar-Gewinner über seine Rolle bei der Ring-Trilogie und Hollywoods Einfallslosigkeit.

Von Rüdiger Sturm


Hollywood-Mogul Zaentz: "Hollywood kopiert sich doch immer selbst"
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SPIEGEL ONLINE:

Herr Zaentz, Sie kontrollieren unter anderem die Verfilmungsrechte zum "Herrn der Ringe", 1978 haben Sie eine Zeichentrickversion produziert. Warum überlassen Sie die große Realfilmfassung anderen?

Saul Zaentz: Der Animationsfilm ist die einzige meiner Produktionen, mit der ich nicht glücklich bin. Wir hatten einfach nicht die richtige Form gefunden. Jetzt gibt es dafür die technischen Möglichkeiten, aber digitale Effekte sind nicht mehr meine Welt. Natürlich benutzen wir sie, um normale Produktionen optisch zu verbessern. Aber beim "Herrn der Ringe" ist die Computeranimation ein Teil des Films. Und ich bin jetzt in einem Alter, wo ich diese Art von Filmemachen nicht mehr lernen kann. Ich will's auch gar nicht. Das ist jetzt Peter Jacksons Vision.

SPIEGEL ONLINE: Ist er der richtige Mann?

Zaentz: Das ist er. Nur wegen ihm habe ich überhaupt die Rechte weggegeben. Ich habe ihn und seine Frau im Lauf der letzten Jahre einige Male getroffen, und mit ihrer Intelligenz und ihrem Enthusiasmus haben mich die beiden überzeugt.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl er mit "Heavenly Creatures" erst einen ernst zu nehmenden Film vorzuweisen hatte?

Peter Jacksons "Herr der Ringe": Christopher Lee als Bösewicht Saruman
DPA

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Zaentz: Auch Anthony Minghella, der für mich den "Englischen Patienten" machte, hatte nur ein gutes Erstlingswerk gedreht, "Truly, Madly, Deeply". Aber ein Film reicht schon aus, damit ich beurteilen kann, ob jemand ein guter Regisseur ist.

SPIEGEL ONLINE: Reicht es aus, ein guter Regisseur zu sein, um die epischen Dimensionen des "Herrn der Ringe" zu bewältigen?

Zaentz: Beim "Englischen Patienten" gab es die gleichen Diskussionen. Die Studios sagten, das ist aber ein großer Film, aber Minghella hat bisher nur einen kleinen gemacht. Nervtötend! Schließlich ist mir der Kragen geplatzt. Ich hab gesagt: Wenn Miro nur kleine Bilder gemalt hätte, würdet ihr ihn nicht auch ein großes malen lassen? Darauf hatten sie keine Antwort.

SPIEGEL ONLINE: Stehen Sie mit Peter Jackson im Kontakt?

Zaentz: Ich habe ihm Material über Musiker geschickt, die ich für geeignet hielt. Aber ich weiß nicht, ob er sich jemanden davon ausgesucht hat.

SPIEGEL ONLINE: Das ist ihr einziger Beitrag zum "Herrn der Ringe"?

Filmszene aus "Der Herr der Ringe": "Das ist jetzt Peter Jacksons Vision"
DPA

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Zaentz: Wenn mich Peter Jackson nicht überzeugt hätte, hätte es wohl mit dem Film nicht geklappt. In den letzten zehn Jahren gab es verschiedene Interessenten, aber der Richtige war einfach nicht darunter. Ich verkaufte die Option an Miramax, die mit Jackson zusammenarbeiten wollten. Dafür ließ ich sie eine schöne Summe zahlen, denn Miramax bringt nur Filme groß raus, in die sie ordentlich investiert haben. Doch dann wollten sie, dass Jackson nur einen einzigen "Herr der Ringe"-Film dreht. Das war natürlich ein Unding, und er stieg aus. Miramax hätte nun noch mal einen hohen Betrag für die Erneuerung der Option zahlen müssen, aber sie hatten keinen Regisseur mehr. Und in der Situation rief mich mein Freund Bob Shaye von New Line an und schlug mir eine Zusammenarbeit vor. Und ich sagte: Klar, aber nur mit Peter Jackson.

SPIEGEL ONLINE: Das Geld musste aber doch auch stimmen, oder?

Zaentz: Selbstverständlich. Wir haben eine Gewinnbeteiligung am Film und kontrollieren die Merchandising-Rechte. Aber wir haben mit New Line eine einvernehmliche Lösung gefunden, bei der beide Seiten etwas verdienen. Sonst habe ich mit dem Film nichts weiter zu tun. Deshalb will ich auch keine Nennung als Produzent.

SPIEGEL ONLINE: Als Produzent haben Sie so manchen Alptraum erlebt. Beim "Englischen Patienten" platzte mitten im Dreh die Finanzierung. Jetzt planen Sie einen aufwendigen Film über Goya und seine Zeit. Sind Sie bereit für einen neuen Horrortrip?

Realverfilmung des "Herrn den Ringe" (Szene mit Sean Bean): "Digitale Effekte sind nicht mehr meine Welt"

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Zaentz: Man kann doch nicht sagen: Ich gehe nicht über die Straße, weil ich überfahren werden könnte. Ich glaube an mein Glück. Es hat beim "Kuckucksnest" funktioniert. Genauso war es Glück, dass wir 1979 die Rechte für "Herr der Ringe" von MGM bekamen. Deshalb nannte man uns auch "die glücklichen Arschlöcher von Berkeley". Nach "Amadeus" waren wir die "total glücklichen Arschlöcher", und nach dem "Englischen Patienten" die "äußerst total glücklichen Arschlöcher".

SPIEGEL ONLINE: Und das, obwohl Sie nie auf die typischen Hollywood-Blockbuster gesetzt haben.

Zaentz: Hollywood kopiert sich doch immer selbst. Hat der eine einen erfolgreichen Tierfilm, drehen sie alle Tierfilme. Man sieht am besten gar nicht hin, was die Studios machen, sondern zieht sein eigenes Ding durch. Was mich interessiert, ist der Einfluss der Geschichte auf die "conditio humana". Darüber möchte ich etwas sagen, ohne dabei mit dem Zaunpfahl zu winken. Nur so kann ein Film funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie 1997 den Irving G. Thalberg Award erhielten, meinten Sie, "der Becher ist voll". Den anschließenden Oscar für den "Englischen Patienten" kommentierten Sie mit "Jetzt ist der Becher übergelaufen." Warum machen Sie dann noch weiter?

Zaentz: Akira Kurosawa, einer meiner wahren Helden, sagte mir einen der großartigsten Sätze, den ich je gehört habe: "Leute wie wir sollten bei Dreharbeiten sterben". Ich will nicht den Gral finden, sondern immer dorthin unterwegs sein. Mein Ziel ist die Reise.



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