"Herr Lehmann" Viel Bier, wenig Dramatik

Leander Haußmann hat Sven Regeners Erfolgsroman "Herr Lehmann“ fürs Kino adaptiert: Ein milder Blick in Berlins trinkfreudige Bohème am Ende der achtziger Jahre und stellenweise so schwach wie sein antriebsloser Held.

Von Daniel Haas


Haußmann-Film "Herr Lehmann", Darsteller Buck (M.), Ulmen: Harmloses Dümpeln im ewig gleichen Trott der ausgedehnten Adoleszenz
Boje Buck Produktion

Haußmann-Film "Herr Lehmann", Darsteller Buck (M.), Ulmen: Harmloses Dümpeln im ewig gleichen Trott der ausgedehnten Adoleszenz

Das Buch war ein Riesenerfolg, gefeiert von der Kritik, gepusht vom Interesse eines auf Retro abonnierten Publikums: Sven Regeners Roman "Herr Lehmann" gilt als gelungener Spagat zwischen Entertainment und avancierter Literaturästhetik. Pop-Autoren nannte man solche Schreiber noch Mitte der neunziger Jahre, als Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad-Barre die kulturelle Nabelschau knabenhafter Snobs salonfähig machten. Die nach folgenden Regener und Goosen ("Liegen lernen") haben sich auf die achtziger Jahre kapriziert; vom Zynismus ihrer Vorgänger trennen sie jedoch nicht nur ein Jahrzehnt, sondern Welten. Der Sarkasmus der Literaturdandys ist milder Melancholie gewichen; das Elitäre popkulturellen Connaisseurtums ersetzt durch nostalgisch getönten Gleichmut.

So ist auch der Gestus von Leander Haußmanns Film ein sanfter: Die Hauptfigur, jener von Freunden nur "Herr Lehmann" titulierte Kreuzberger Barkeeper (gespielt von MTV-Star Christian Ulmen), mag viel trinken, sich prügeln und unglücklich lieben - wirklich dramatisch ist dies alles nicht. Mehr ein Mäandern durch das Berliner Nachtleben kurz vor dem Mauerfall; ein harmloses Dümpeln im ewig gleichen Trott der ausgedehnten Adoleszenz.

Natürlich gibt es Konflikte in diesem Anti-Helden-Stück: Herr Lehmanns Dasein wird aufgestört durch einen Besuch der Eltern (Margit Bendokat und Adam Oest), durch eine Liebelei mit Katrin (Katja Danowski), der "schönen Köchin", durch die Lebenskrise des besten Freundes Karl (Detlev Buck) und am Ende gar durch ein historisches Großereignis: den Mauerfall.

Herr Lehmann (Christian Ulmen) und die "schöne Köchin" (Katja Danowski): Undramatisches Gleiten durch die eigene Existenz
Boje Buck Produktion

Herr Lehmann (Christian Ulmen) und die "schöne Köchin" (Katja Danowski): Undramatisches Gleiten durch die eigene Existenz

Doch steigt mit dem Niedergang des Ost-Regimes die Lehmann'sche Stimmung? Nicht wirklich: Das Ableben der DDR kriegt er - wie so oft sturzbetrunken - lediglich am Fernseher in der Kneipe mit. Ein Medienereignis unter vielen. Die achtziger Jahre als Konstellation politischer Verhältnisse glänzen in diesem Film durch Abwesenheit. Und dies macht Sinn: Zwischen deutschem Herbst und Öffnung der Mauer empfahl sich die Generation Golf vor allem mit Desinteresse - trotz Tschernobyl, Aids und Pershing II.

Dieses letztlich höchst undramatische Gleiten durch die eigene Existenz hat Haußmann kongenial umgesetzt - "Herr Lehmann" ist der episodische Rundgang durch eine Lebensform, die sich Veränderung ebenso sehr wünscht wie meidet. Nicht zufällig wirken die Figuren aus den beiden Achtziger-Jahre-Romanen "Liegen lernen" und "Herr Lehmann" schon mit 30 wie ihre eigenen Eltern, abgeklärt und antriebsschwach. Revolte war Sache dieser Ära nicht, und so kann der Pegel egal welcher Erregung - ob kollektiv oder persönlich - nie ins Extrem ausschlagen.

Filmisch umgesetzt wirkt diese Stimmungslage oft belanglos, ja langweilig: Man kann das wahlweise als Mangel dramaturgischer Spannkraft oder als ästhetische Konsequenz auslegen.

Bereits mit "Sonnenallee" (1999) hat sich Haußmann als humorvoller Porträtist deutscher Verhältnisse ausgewiesen; mit "Herr Lehmann" knüpft er an diesen Erfolg an. Dabei ist sein Blick auf die eigene Kultur an Boulevard und Entertainment geschult; anders als Oskar Roehler, Christian Petzold oder Andreas Dresen präsentiert Haußmann keine "Nachtgestalten", sondern liebenswerte Clowns in nostalgischer Perspektive.

Diese ewig pubertären Jugendlichen haben aktuell Konjunktur im deutschen Kulturbetrieb; "FAZ"-Doyen Frank Schirrmacher diagnostizierte den Typus am Beispiel von Theater-Raudi Christoph Schlingensief, Pop-Jüngelchen Daniel Küblböck und Star-Journalist Florian Illies, der sich gern mit Playmobil-Spielzeug fotografieren lässt. Doch wie lange wird sich der Dauerjugendliche noch medial verwerten lassen? Der oblomowsche Held ist tatsächlich eine anachronistische Figur, als role model kaum mehr tauglich. Nicht umsonst wählte das Zeitgeistmagazin "Neon" Sven Giegold zum wichtigsten jungen Deutschen. Der ist bekanntlich kein literarisch versierter Snob, sondern Attac-Aktivist mit Interessen - weit über Kreuzberg hinaus.


Herr Lehmann

Deutschland 2003. Regie: Leander Haußmann. Buch: Sven Regener. Darsteller: Christian Ulmen, Katja Danowski, Detlev Buck, Janek Rieke, Margit Bendokat, Adam Oest, Tim Fischer. Produktion: Boje Buck Produktion, Pandora Filmproduktion. Verleih: Delphi. Länge: 105 Minuten. Start: 2. Oktober 2003

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.